ATLAS : Antisemiten

Peter Tiede

Wie selbstbezogen kann man sein? Wie blind für das Angemessene? Wie unsensibel? Wie dumm? Wie anstandslos? Offenbar unfassbar. Was sich die Störer von ganzweitlinksaußen am Vorabend des 80. Jahrestages des „Tags von Potsdam“ geleistet haben, ist mit bodenloser Frechheit nur unzureichend beschrieben. Wenn es denn so etwas wie Linksfaschisten gibt, dann waren sie am Mittwochabend in Potsdam unterwegs. In SA-ähnlichen Uniformen und mit Fackeln am Rande des Gedenkspaziergangs der Stadt Potsdam und der Kirchen, mit dem an die Opfer des Dritten Reiches erinnert wurde, aufzutauchen, ist schon hart – aber noch steigerungsfähig: Sie tauchten auf während des Gedenkens an der Stelle, wo einst die Synagoge stand. Dort wurde der Millionen Juden gedacht, die nach dem „Tag von Potsdam“ im „Dritten Reich“ ermordet wurden – in aller Stille. Und dann stellen sie sich hin, um gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche zu demonstrieren. Gegen ein Haus. Mitten in der Andacht für Millionen Tote. In einem Aufzug der bewusst an Hitlers SA erinnerte. Mummenschanz und purer Antisemitismus. Ekel; monströse Dummheit. Hätten sie sich doch einfach still in Höhe der ehemaligen Garnisonkirche postiert. Es wäre noch gegangen. Aber so … Ist da auch nur ein Gedanke daran verschwendet worden, wie sich ein Überlebender fühlt oder Hinterbliebene? Millionen Tote und ein Haus… Wer Gedenken instrumentalisiert, gedenkt nicht mehr, er verhöhnt und missbraucht – Opfer, Hinterbliebene und die, die tatsächlich gedenken: nach 80 Jahren – diese Stadt und ihre Bürger.

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