Potsdam : „Astronaut aus Knete“

Matthias Löwe über das heute startende Festival für kreatives Computerspielen

Kreativ am Bildschirm: Bei dem Programm „Machinima“ entstehen zum Beispiel Walzerchoreographien in Egoshootern. Dieses und andere Spiele können ab heute beim „Play 11“-Festival des Creative Gaming e.V. probiert werden.
Kreativ am Bildschirm: Bei dem Programm „Machinima“ entstehen zum Beispiel Walzerchoreographien in Egoshootern. Dieses und andere...Foto: Promo

Matthias Löwe, Du bist am Wochenende Mitorganisator beim „Play 11“ in Potsdam, einem „Festival für kreatives Computerspielen“ in den Bahnhofspassagen. Ist „kreativ“ und „Computerspiele“ nicht an sich ein Widerspruch?

Aber nein: Computerspiele fordern ja schon beim Spielen unsere Kreativität, indem wir uns ständig überlegen müssen, wie wir uns als nächstes verhalten. Unser Team will allerdings nicht nur aufrufen, innerhalb eines Spieles kreativer zu sein, sondern vor allem stehen wir für ein Andersdenken des Spieles selbst.

Wie kann so etwas konkret aussehen? Ihr schreibt davon, „kreative Umgangsmöglichkeiten“ mit Spielen zeigen zu wollen …

Nicht nur zeigen: Es ist jeder eingeladen, selbst tätig zu werden. Vor Ort kann man zum Beispiel in „Urban Terror“, einem klassischen “Ballerspiel”, eben keinen klassischen Regeln folgen: Es wird nicht geschossen, stattdessen getanzt. Zusammengeschlossen in der virtuellen Welt, steuert ein Spieler den Blick seiner Figur als Kamera, die übrigen folgen einer selbsterdachten Choreografie. Da ist ein Großteil der Action plötzlich vor dem Rechner, wenn sich herausstellt, dass schon ein gleichzeitiges Hüpfen genaue Absprachen erfordert.

Computerspiele haben das negative Image, dass sie mindestens süchtig machen und im schlimmsten Fall Gewalt befördern. Wie setzt Ihr Euch mit dieser Kritik auseinander?

Natürlich kann man sagen, dass Spiele gefährlich sind – so gefährlich wie übermäßiger Konsum von anderen Dingen auch. Es ist wichtig, dass Gefahren erforscht werden und darüber informiert wird. Was dabei in der deutschen Medienlandschaft leider aber wenig Berücksichtigung findet, sind die positiven Seiten. Denn Spiele bieten noch wesentlich mehr außer nur Unterhaltung: Sie sind ein Ausdrucksmittel, welches man verstehen, und eine Feder, die man führen lernen muss. Mit einem anderen Blick auf das Medium Spiel lassen sich daran viele neue Seiten entdecken.

Euer Festival findet schon fast traditionell in Potsdam statt. Warum gerade hier?

Als wir vor drei Jahren das erste Mal hier waren, begeisterte uns die Stadt mit freundlichen und interessierten Menschen, guter Standortpolitik und der Nähe zu mit unserem Thema verwandten Schulen wie der Babelsberger Hochschule für Film und Fernsehen und der Fachhochschule. Auch die Nähe zu Berlin spielte eine Rolle, schließlich ist unser Team verteilt in fast ganz Deutschland und kann sich so in der Mitte treffen. Auch viele weitere Städte sind im Verlauf der letzten Jahre als Festivalort in Betracht gekommen, aber momentan gefällt es uns hier in Potsdam sehr gut.

Wer kann zu Euch in den nächsten Tagen kommen?

Jeder. Die verrückten Installationen wie interaktive Tischtennisplatten, auf Zuruf steuerbare Schauspieler, selbst nachgemachte West-Spiele aus DDR-Zeiten, die Talks mit Spielentwicklern und Künstlern oder das digitale Puppentheater werden die Besucher begeistern. Lehrer, Pädagogen und tiefer Interessierten wird zudem eine Plattform für den gegenseitigen Ideen-Austausch geboten.

Beim Festival ist eine Deutschlandpremiere geplant: Das Independent-Spiel „The Swapper“ wird erstmals gezeigt. Was hat es damit auf sich?

Es handelt sich um eine Perle! Das Spiel entstand in einem kleinen finnischen Studio in Helsinki und war bisher nur für wenige Gäste verschiedener Indiegame-Konferenzen zugänglich. Ein animierter Astronaut aus Knete muss sich hier seinen Weg durch eine rätselhafte Raumstation suchen, kann Hindernisse aber nur austricksen, indem er sich selbst bis zu vier Mal klonen kann – und plötzlich steuert man sich mehrfach! Das Spielen ist eine tolle Erfahrung! Wenn es dann später aber gar zu schwer wird, kann man sich auch bei dem bisher ebenfalls unveröffentlichtem Spiel „Proteus“ auf einen mit interaktiver Musik untermalten Spaziergang durch vier Jahreszeiten auf einer expressionistischen Pixelinsel begeben.

Hand aufs Herz: Einfach einmal so am PC zocken, ohne Kreativität, ist doch sicher auch schön. Was steht bei Dir dann auf dem Spieleplan ganz oben und warum?

Bis ich wieder ein wenig mehr Zeit finde, stehen viele grenzerforschende Indiegames wie „Voxatron“, ein spezieller Arcade-Shooter, und ein paar Freundschafts-Runden im Comic-Shooter „Team Fortress 2“ auf dem Plan. Aber mit Ende des Semesters rückt das dann auch erscheinende Rollenspiel „Mass Effect 3“ sicher nach, denn ich liebe diese Science-Fiction-Opern und die darin vorhandenen Verkupplungsmöglichkeiten der Crew-Mitglieder!

Die Fragen stellte Henri Kramer