• Ambulanz der Universität Potsdam: Wenn Zwänge das Leben kontrollieren

Ambulanz der Universität Potsdam : Wenn Zwänge das Leben kontrollieren

Zwei Prozent der Bevölkerung entwickelt im Lauf des Lebens eine Zwangsstörung. Nun gibt es an der Ambulanz der Universität Potsdam dazu einen Schwerpunkt.

Clara Zink
Franziska Kühne leitet den neu eingerichteten Beratungsschwerpunkt Zwangsstörungen der Hochschulambulanz.
Franziska Kühne leitet den neu eingerichteten Beratungsschwerpunkt Zwangsstörungen der Hochschulambulanz.Foto: A. Klaer

Potsdam - Wer morgens nach dem Verlassen des Hauses noch einmal nachschauen muss, ob der Herd wirklich ausgeschaltet ist, muss sich noch keine Gedanken machen. Wenn diese Kontrolle aber täglich sein muss und vielleicht sogar dazu führt, dass man das Haus gar nicht mehr verlassen kann, dann liegt möglicherweise eine Zwangsstörung vor. Eine solche psychische Störung ist gar nicht so selten – und kann behandelt werden.

Zwangsstörungen tauchen häufiger auf als vermutet

„Wenn ich sage, dass zwei Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens mindestens einmal von einer Zwangsstörung betroffen sind, klingt das erstmal sehr abstrakt“, sagt Franziska Kühne. Sie ist promovierte Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin an der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Potsdam. Kühne leitet den neuen Schwerpunkt Zwangsstörungen der Psychologisch-Psychotherapeutischen Ambulanz (PPA), der im Oktober gestartet ist. „Unseren Patienten erkläre ich das gerne so: In einem vollen Kino mit 300 Plätzen säßen sechs Leute, die im Laufe ihres Lebens mindestens einmal betroffen sein werden. Das sind also gar nicht so wenige.“

2017 spezialisierte sich die PPA bereits auf Krankheitsängste, Hypochondrie genannt. Dass nun Zwangsstörungen als weiterer Schwerpunkt eingeführt werden, hänge damit, dass man mit der Behandlung von Hypochondrie bisher gute Erfahrungen gemacht habe, sagt Kühne. „Was die Behandlungsmöglichkeiten betrifft, liegen Krankheitsängste und Zwangsstörungen nicht so weit auseinander.“ Auch weil die Hochschulambulanz auf dem Gebiet der Psychotherapie forsche, biete sich eine Spezialisierung auf bestimmte Krankheitsbilder an. Im neuen Schwerpunkt „Zwangsstörung“ arbeitet man zu viert, neben Franziska Kühne als Leiterin ist auch Julia Roth Teil des Teams, die wiederum auch als Koordinatorin des Schwerpunkts „Krankheitsängste“ tätig ist.

Dabei sei die kognitive Verhaltenstherapie in der PPA immer Methode der ersten Wahl: „Das ist eine sehr aktive Form der Therapie, bei der es vor allem darum geht, die Dinge anders anzugehen und Neues auszuprobieren“, erklärt Kühne. „Während viele andere Therapiemethoden ihren Schwerpunkt auf die Kindheit oder die Beziehungen der Patienten legen, ist die kognitive Verhaltenstherapie sehr auf das Hier und Jetzt gerichtet“, ergänzt Julia Roth.

Überall auf der Welt gibt es Zwangsgedanken

Unabhängig von Kontinent und Kultur seien Zwangsgedanken auf der ganzen Welt sehr verbreitet, erklärt Franziska Kühne. Wichtig sei es, zu wissen, wie man mit ihnen umgehen könne. So seien Zwangsstörungen immer auch mit starken Befürchtungen verbunden: „Der Gedanke, dass ich verantwortlich für die Konsequenzen sein könnte, löst große Angst aus.“ Also etwa die Furcht davor, dass ein angelassener Herd das Haus in Brand setzt.

Diese Gedanken kämen immer wieder. Versuche, sie zu unterdrücken oder ihnen durch ritualisierte Zwangshandlungen Einhalt zu gebieten, bewirkten nichts. Dann führe die Zwangsstörung zu einer negativen Beeinträchtigung des Lebensalltags, die sich auch auf Freunde und Familie auswirken könne. Dabei sei den Betroffenen ihre Situation oft bewusst: „Viele kommen zu uns und sagen: ‚Ich weiß, dass es Unsinn ist, aber in der konkreten Situation kann ich nicht anders.’“

Wer den ersten Schritt in Richtung Behandlung machen möchte, ruft am besten bei der Ambulanz an oder meldet sich direkt im Sekretariat an. Hilfreich sei es, wenn man den Anlass der Behandlung dann bereits beschreiben könne, „aber manchmal fällt das Reden am Telefon noch schwer“, sagt Kühne. Bei der Anmeldung werde dann ein Termin für ein Erstgespräch vereinbart. „Dann kann darüber gesprochen werden, welche Behandlung zum Patienten passt und wie oft sie durchgeführt werden soll“, so Kühne. Anschließend würden die Patienten an einen Schwerpunkttherapeuten weitervermittelt. Zu Beginn der Therapie sei es dann wichtig, einige probatorische Sitzungen durchzuführen. „Das heißt, in den ersten Wochen würden wir erstmal schauen: Kommen wir gut miteinander aus? Ist das Verfahren das richtige?“, so Kühne. Auch in den darauffolgenden Wochen müsse die Behandlung dann fortwährend den Patienten angepasst werden.

In der Therapie ein alternatives Verhalten lernen

Während der Therapie orientiere man sich vor allem an greifbaren Beispielen. „Wir arbeiten konkret auf bestimmte Ziele und Wünsche hin, zum Beispiel eine freiere Lebensgestaltung“, so Kühne. „Wir versuchen dann, ein alternatives Verhalten zu bewirken und so zu zeigen: Die Befürchtungen, die mit den Zwängen verknüpft sind, bewahrheiten sich nicht.“

Zu Beginn der Therapie setzten sich Patienten häufig das Ziel, ihre Symptome vollkommen beseitigen zu können. Oft seien sie jedoch schon sehr lange betroffen und chronisch erkrankt. „Es muss dann klar sein, dass die Zwänge auch wiederkommen können“, so Kühne. „Ziel ist vielmehr, dass die Patienten sich in solchen Situationen nicht erschrecken und mit ihren Symptomen offener umzugehen lernen“, ergänzt Roth. Wird dieses Ziel erreicht, so fange man schließlich damit an, die Therapie auszuschleichen – so nennt man die schrittweise Reduktion einer Therapie. „Wir vergrößern dann die Abstände zwischen den Sitzungen, manchmal liegen auch einige Monate dazwischen. Aus der Forschung weiß man, dass das sehr hilfreich sein kann“, erklärt Franziska Kühne.

"Bin ich hier richtig?"

Die Therapie wird von der Krankenkasse übernommen und muss dafür bei dieser angezeigt werden. Und wenn Patienten das erste Mal in der Ambulanz vorbeikommen, müssten diese auch noch nicht direkt eine Überweisung mitbringen, betont Julia Roth. „Gerne können Sie hier erst einmal ohne Vorbedingungen vorbeikommen, Fragen stellen, sich die Räumlichkeiten ansehen, uns kennenlernen und sich fragen: Bin ich hier richtig?“

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