• „A Cure for Wellness“: Auftrag mit Gruselfaktor für Babelsberger Kulissenbauer

„A Cure for Wellness“ : Auftrag mit Gruselfaktor für Babelsberger Kulissenbauer

Für den Horrorthriller „A Cure for Wellness“ sanierten die Babelsberger Kulissenbauer Gebäude in Beelitz-Heilstätten. Dabei gab es manche Überraschung. Jetzt läuft der Film, der nichts für schwache Nerven ist, im Kino an.

Für den Thriller "A Cure for Wellness" sanierten die Babelsberger Kulissenbauer Teile der Beelitzer Heilstätten filmreif.
Für den Thriller "A Cure for Wellness" sanierten die Babelsberger Kulissenbauer Teile der Beelitzer Heilstätten filmreif.Foto: Twentieth Century Fox

Potsdam - Blass sei er geworden, als er zum ersten Mal in den Räumen stand. Und dabei macht Dierk Grahlow nicht den Eindruck, als wäre er leicht aus der Ruhe zu bringen. „Das sah spukmäßig aus, wüst“, erzählt er. Die Fenster mit Holzlatten vernagelt, der Fußboden voller Schutt, abgeplatzter Putz von den Wänden und der Decke, Müll, hüfthoch türmte sich der Dreck an manchen Stellen. „Gewaltig“, sagt Grahlow. Sich hier ein gediegenes, traditionsreiches Wellnesshotel vorzustellen, dazu musste man viel Fantasie mitbringen. Aber genau dafür hatten die US-amerikanischen Filmleute an jenem Märztag vor zwei Jahren den Projektleiter des Art Departments vom Babelsberger Studio mitgenommen nach Beelitz-Heilstätten: Er sollte dafür sorgen, dass drei der verfallenen Gebäude in wenigen Monaten filmtauglich saniert werden. „Ich habe erst mal gar nicht gewusst, wie man da rangeht“, erinnert sich Grahlow.

Leiter der Kulissenbauer kam 1980 nach Babelsberg

Dabei ist der 58-Jährige schon lange im Geschäft. 1980 kam der gelernte Tischler aus Schwerin in die Defa-Studios nach Babelsberg. Nach der Wende übernahm er schrittweise immer mehr Verantwortung. Für viele der in Babelsberg entstandenen internationalen Produktionen leitete er das Kulissenbauerteam, er macht dann die Kalkulation, koordiniert die Arbeiten, sorgt dafür, dass immer genügend Handwerker vor Ort sind, ist in Kontakt mit dem künstlerischen Team des Films. Im Abspann läuft sein Name dann als „Construction Manager“ über die Leinwand.

Grahlow hat in den vergangenen Jahren unter anderem für „V for Vendetta“, „Die Bourne Verschwörung“, „Inglourious Basterds“ oder „Die Tribute von Panem: Mockingjay“ gearbeitet, für den Thriller „The International“ erschuf er in Babelsberg eine Kopie des berühmten New Yorker Guggenheim-Museums. Aber „A Cure for Wellness“, der Horrorthriller von US-Regisseur Gore Verbinski („Fluch der Karibik“), sei eine neue Herausforderung gewesen: „Sowas hat man noch nicht gemacht.“ Allein der Umfang: Insgesamt 90 Sets sollten die Kulissenbauer am Ende bauen, es ist eines der größten Projekte für das Studio, fast ein Jahr lang wurde gearbeitet.

Nichts für schwache Nerven

Der Film spielt in einem abgelegenen Wellness-Spa in den Schweizer Bergen, das sich als Ort des Grauens entpuppt. Im Mittelpunkt steht ein US-amerikanischer Angestellter, der eigentlich nur seinen verschollenen Boss nach Hause holen soll, dann aber immer tiefer in die Welt des dubiosen Ressorts eintaucht und einem bösen Geheimnis auf die Spur kommt. Für schwache Nerven ist der 146-minütige Film, der am morgigen Donnerstag in den Kinos startet, nichts. Er ist erst ab 16 Jahren freigegeben.

Ein Hauch von Grauen ist auch mit dem ehemaligen Lungensanatorium Beelitz-Heilstätten verbunden. Das zu DDR-Zeiten von der Sowjetarmee genutzte rund 200 Hektar große Areal steht seit 1994 leer. Der zunehmende Verfall tat seiner Anziehungskraft auf Geisterjäger, Abenteurer, ruinenverliebte Fotografen, Partymacher und halbstarke Randalierer indes keinen Abbruch – zum Ärger der Eigentümer. Nicht nur allerlei Spukgeschichten kursieren über die Heilstätten, auf dem Gelände sind auch schon mehrere Menschen ums Leben gekommen. Im Herbst 2015 eröffnete ein Baumwipfelpfad, auf dem man ganz legal über den Ruinen spazieren kann – auf der anderen Straßenseite vom Drehort für „A Cure for Wellness“.

"Meine Leute haben gesagt, alleine gehen sie da nicht durch"

Dierk Grahlow musste im März 2015 zunächst in sich gehen. „Ich bin die Räume zwei Tage lang immer wieder abgegangen, ganz allein“, erinnert er sich. Dann holte Grahlow sich noch vier Mitarbeiter für die erste große Bestandsaufnahme an Bord. Jeder der 350 Räume wurde inspiziert, Schäden an Fenstern, Türen, Wänden und Fußboden wurden notiert – um einen Sanierungsplan zu erstellen. Mit dem Gruselfaktor des Ortes hatte Grahlow zunächst gar nicht gerechnet: „Meine Leute haben gesagt, alleine gehen sie da nicht durch, da knarrt alles.“ Also setzte er auf Zweiertrupps. Auch auf frische Spuren nächtlicher Besucher stießen die Babelsberger Filmhandwerker immer wieder – bis das Gelände durch einen Wachschutz gesichert wurde.

Dann ging es an die Entrümpelung. Fast 1000 Kubikmeter Schutt – das entspricht 100 Baucontainern – holten die Babelsberger aus zwei Gebäuden, beim dritten Gebäude ging es „nur“ um die Fassade und das eingestürzte Dach, das repariert werden musste. Nach drei Wochen konnten die Holzbretter von den Fenstern genommen werden. „Dann hatten wir wenigstens Tageslicht“, sagt Grahlow. Dann ging es an die Aufarbeitung: 750 Fenster wurden ersetzt oder repariert und dabei rund 1000 Quadratmeter Glas verbaut. 350 Türen mussten gebaut oder überarbeitet werden, 1200 Quadratmeter Wand renoviert, Fliesenfußboden aufgearbeitet, Strom neu verlegt – alles in Absprache mit dem Denkmalschutz, der zum Beispiel auf bestimmte Mineralfarben bestand.

Innenaufnahmen in Beelitz-Heilstätten

Auch im Außenbereich waren die Babelsberger aktiv: Frischer Rasen wurde verlegt, die Straße aufgearbeitet und eine Tunneleinfahrt neu gebaut – Letztere, um den Anschluss zu den auf der Hohenzollernburg in Baden-Württemberg gedrehten Außenaufnahmen perfekt zu machen. Im Film sieht das Wellnessressort nämlich von außen aus wie die Stammburg der Hohenzollern – per Computertrick ergänzt um die Schweizer Alpen –, die Innenaufnahmen wurden in Beelitz-Heilstätten gedreht, aber auch im Studio Babelsberg, wo unter anderem der Kellertrakt gebaut wurde. Bei den Dreharbeiten in den Ateliers kam es auch zu einem Großbrand, bei dem niemand verletzt wurde. Anfang Juni rollte in den Heilstätten zum ersten Mal die Kamera.

Aber auch anderswo war das Filmteam unterwegs: In Zwickau fand sich ein passendes Schwimmbad im Jugendstil, gedreht wurde auch im thüringischen Oberhof, in der Altstadt von Schraplau, in Berlin und Hamburg.

160 Mitarbeiter im Einsatz

Weil ein eigentlich geplanter Dreh in Wien kurzfristig abgesagt wurde, musste Grahlow noch eine weitere Mammutaufgabe organisieren: Im Atelier in Babelsberg ließ er eine Grotte von 2000 Quadratmetern Grundfläche bauen, die Hälfte davon mit Wasser bedeckt – ein ein Meter tiefes Becken. Allein dafür waren zehn Wochen lang 20 bis 30 Mitarbeiter im Einsatz. Insgesamt leitete Grahlow für den Film bis zu 160 Mitarbeiter zeitgleich. „Das ist immer ein Teamspiel“, betont er: „Ohne ein vernünftiges Team ist man nichts.“

Dass US-Regisseur Verbinski überhaupt nach Babelsberg gekommen ist, hat eine lange Vorgeschichte, wie Henning Molfenter, der Chef der Studio Babelsberg Motion Pictures, sagt: „Das sind alte Verbindungen aus ,Vorleser’-Zeiten.“ Mit den Produzenten, die dann auch für Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ wieder auf Babelsberg setzten, sei man seitdem im Kontakt geblieben. Gerade weil die internationale Filmbranche ein Spielfeld „mit wenigen Entscheidern“ ist, sei es so wichtig, „dass wir jedes Mal einen guten Eindruck hinterlassen“, sagt Molfenter. Verbinskis Horrorthriller sieht er vor diesem Hintergrund als „top Referenz“.

Wie kommt die Handwerkerarbeit auf der Leinwand rüber?

Auch Kulissenbauer Dierk Grahlow ist mit dem Ergebnis zufrieden. Er hat den Film bei der Premiere gesehen. Anschauen will er ihn trotzdem nochmal, im Kino oder später Zuhause, wo er eine Sammlung mit allen Filmen, an denen er beteiligt war, pflegt – für sich und seine Familie, die ihn bei Großprojekten wie diesem monatelang nur selten zu Gesicht bekommt. Bei den ersten Kinobesuchen, sagt er, achte er nur darauf, wie die Handwerkerarbeit auf der Leinwand rüberkommt: „Erst beim dritten Mal kann ich mich auf die Geschichte konzentrieren.“

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