• 75 Jahre Tischlerei John in Babelsberg: Handwerk in dritter Generation

75 Jahre Tischlerei John in Babelsberg : Handwerk in dritter Generation

Die Babelsberger Tischlerei Matthias John feiert ihr 75-jähriges Bestehen. Manche Probleme von früher kommen wieder.

Tischlerei John, Babelsberg. Am 1. Juni 2021 begeht Tischlermeister Matthias John das 75. Firmenjubiläum seiner Tischlerei, welche seit drei Generationen ihren Standort in Potsdam Babelsberg am Alt Nowawes hat.
Tischlerei John, Babelsberg. Am 1. Juni 2021 begeht Tischlermeister Matthias John das 75. Firmenjubiläum seiner Tischlerei, welche...Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Die Sägen kreischen, Holzgeruch liegt in der Luft, an der Wand stehen Kastenfenster-Rahmen in verschiedenen Fertigungsstufen: Seit 75 Jahren wird in der Tischler-Werkstatt John in Babelsberg Nützliches und Schönes aus Holz hergestellt. Die Handwerkskammer Potsdam gratuliert Tischlermeister Matthias John, der den Betrieb in dritter Genration führt, am heutigen Dienstag zum Jubiläum.

Wer sich so lange halten will, muss mit der Zeit gehen, aller Tradition zum Trotz: Die Werkstatt wirkt modern und hell, nur in einer Ecke steht noch eine klassische, abgewetzte Hobelbank. „Für die Lehre“, sagt John, denn gearbeitet wird vor allem mit großen automatischen Sägen und Fräsen. Wer sich eine altmodische Tischlerei mit Hobel- und Sägespänen auf dem Boden vorstellt, wird enttäuscht. Die größte Maschine in der Werkstatt ist eine Lüftung, die fortwährend den Holzstaub aus der Luft saugt. „Früher haben viele Tischler wegen dem Holzstaub im Alter Probleme mit den Bronchien bekommen“, erklärt John, der die Werkstatt 2015 grundlegend saniert hat.

Bild im Firmenbüro mit Firmengründer Werner John (mitte) als Tischlerlehrling 1928 in seinem Ausbildungsbetrieb ebenfalls in Babelsberg.
Bild im Firmenbüro mit Firmengründer Werner John (mitte) als Tischlerlehrling 1928 in seinem Ausbildungsbetrieb ebenfalls in...Foto: privat

Über den Hof geht es zum Vorderhaus: Im Obergeschoß befindet sich Johns Wohnung, im Erdgeschoss das Büro. Drei Meisterbriefe hängen an der Wand: Sein eigner, der seines Vaters und der seines Großvaters. 1946 gründete Werner John den Betrieb in Babelsberg, zwei Jahre später zog er an den heutigen Standort. Der DDR-Führung waren selbstständige Handwerker:innen ein Dorn im Auge: Immer wieder wurde Werner John bedrängt, sich in eine staatliche Produktionsgenossenschaft einzugliedern, aber er wehrte sich dagegen.

Planwirtschaft und Materialknappheit

Sein Sohn, der den Betrieb 1976 übernahm, hatte es da schon leichter, denn in den 70er Jahren habe der Staat zunehmend erkannt, dass man die selbstständigen Handwerker:innen brauche, sagt Matthias John. Politische Querelen gab es nun zwar weniger, dafür kam ein anders Problem: Die Materialknappheit. Da traf es sich, dass das Vorderhaus 1969 wegen Schwammbefall als Wohnhaus gesperrt worden war – nun konnte die Tischlerei die Räume als Lager nutzen. „Ein Lager zu haben war wichtig in der DDR, denn man musste ja Material bestellen, wenn gerade welches zu kriegen war“, sagt John. Zudem war laut Planwirtschaft nur ein bestimmtes Kontingent an Holz vorgesehen: Pro Mitarbeiter:in erhielt die Tischlerei maximal fünf Kubikmeter Holz im Jahr.

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1994 übernahm Matthias John, der bereits in den 80er Jahren in der Werkstatt mitgearbeitet hatte, den Betrieb. Material gab es nach der Wende zuhauf, Aufträge ebenso: „Es gab viel zu tun, denn in Ostdeutschland herrschte ja in allen Bereichen großer Sanierungsbedarf“, sagt John. Gleichzeitig gab es sehr viel mehr Tischler als heute: „Da ging ein ganz harter Preiskampf los, der bis Mitte der Nuller-Jahre dauerte.“ Viele Betriebe von damals konnten sich nicht halten: John schätzt, dass es heute rund 50 Prozent weniger Tischlereibetriebe in Babelsberg gibt, als vor 30 Jahren. Die Tischlerinnung Potsdam, die auch Betriebe in Potsdam-Mittelmark umfasst, zählte in den 90er Jahren noch rund 1800 Mitglieder, heute sind es etwa 630.

Denkmalpflege wird zum Hauptgeschäft

John erkannte, dass es in Potsdam dank der historischen Bausubstanz viel Bedarf bei der Sanierung denkmalgeschützter Gebäude geben würde, und spezialisierte sich nach und nach auf diesen Bereich, der bis heute sein Hauptgeschäft darstellt – die Denkmalpflege.

Türen und Fenster gehören zum Kerngeschäft der Tischlerei, im Laufe der Jahre habe er nicht nur die Häuser in seinem eigenen Kiez mitsaniert, sondern auch viele Schulen, die sich in denkmalgeschützten Gebäuden befinden, sagt John, etwa das Bertha-von-Suttner-Gymnasium oder das Helmholtz-Gymnasium. „So ein Kastenfenster mit Rundbogen ist zwar aufwändig, aber es macht Spaß“, sagt er. Der 56-Jährige fühlt sich der Tradition verpflichtet: Als Obermeister der 1734 gegründeten Tischlerinnung Potsdam steht er einem der ältesten Handwerksverbände der Stadt vor.

Wein-Terrassen von Schloss Sanssouci

Mehr als 80 Prozent seiner Aufträge kommen aus dem öffentlichen Bereich, Privatkunden machen nur einen kleinen Teil des Geschäftes aus. Derzeit ist John an prominenter Stelle tätig: Zum einen erneuert er die Glasnischen auf den Wein-Terrassen von Schloss Sanssouci und zum anderen ist er noch bis 2024 an der Sanierung des Stadthauses Potsdam beteiligt.

Das Geschäft läuft gut, seit 2008 kann sich John nicht erinnern, jemals eine Flaute im Auftragsbuch gehabt zu haben. Zu tun gibt es also genug, doch aktuell haben John und seine Tischler-Kolleg:innen ein Problem, das seit dem Ende der DDR fast vergessen war: Materialknappheit. „Seit Corona gibt es in den USA und China einen Bauboom“, sagt John. „Die kaufen alles Holz auf und dadurch steigen die Preise.“ Die Situation wird sich nach Corona vermutlich wieder beruhigen, doch langfristig gibt es noch eine ganz andere Herausforderung für die Branche: John hat acht Mitarbeiter, der Altersdurchschnitt liegt bei rund 50 Jahren. Nachwuchs ist – wie überall im klassischen Handwerk – schwer zu finden.

Zumindest um seine Nachfolge macht sich John relativ wenig Sorgen: Sein Sohn ist ebenfalls Tischler, hat bereits seinen Meisterbrief und arbeitet derzeit in einem mittelständischen Unternehmen in der Schweiz. Falls sein Sohn den Familienbetrieb nicht übernehmen will, könnte sich John auch vorstellen, dass eine seiner zwei Töchter einmal die Nachfolge der Geschäftsführung antreten könnte: „Es gibt ja mittlerweile immer mehr Frauen im Tischlerhandwerk“, sagt John.

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