• 50 Jahre Mauerbau: Mit dem Karabiner nach Kohlhasenbrück

50 Jahre Mauerbau : Mit dem Karabiner nach Kohlhasenbrück

Als die Mauer gebaut wird, gehört er zu den Rekrutierten. Mit der Kompanie Drewitz-West bewacht er die Grenze – doch am Weihnachstag 1961 wagt er die Flucht / Von Michael Mara

In der Freiheit. Ein Polizist machte unmittelbar nach der Flucht dieses Bild von Mara.
In der Freiheit. Ein Polizist machte unmittelbar nach der Flucht dieses Bild von Mara.

Mein erstes Bild von der Grenze war der Stacheldrahtverhau, der Steinstücken seit dem 13. August einschloss. Es war eine stille Nacht, feucht vom Regen. An glänzenden Drähten hingen dicke Tropfen. Die Drähte wirkten im Mondlicht unecht wie ein kristallisiertes Ornament. Der glatt geharkte Streifen davor, der Spuren von „Grenzverletzern“ kenntlich machen sollte, erinnerte an die Aschenbahn eines Stadions.

Die Wirklichkeit hatte ich gleich bei meiner Ankunft in der 12. Grenzkompanie an der Potsdamer Steinstraße kennengelernt. Mehrere bei einem Fluchtversuch gestellte junge Leute mussten sich an einer Barackenwand aufstellen und die Hände in den Nacken nehmen. Vier Posten, die russische Kalaschnikow im Anschlag, bewachten sie vor ihrem Abtransport. Ihre Gesichter sahen verängstigt aus. Keiner durfte mit ihnen reden. Das Bild wollte mir bei meinem ersten Postendienst nicht aus dem Kopf und ich fragte mich, wie ich reagieren würde, wenn wir auf Flüchtlinge stießen. Der Befehl des Kompaniechefs lautete „Grenzverletzungen durch Agenten, Spione, Terroristen unter allen Umständen verhindern: Anruf, Warnschuss, Zielschuss!“

Der Postenführer, ein schweigsamer und schwer zu durchschauender Endzwanziger, unterbrach meine Gedanken: „Dort“, sagte er und deutete auf ein Gasthaus in Steinstücken, „haben wir uns bisher Westzigaretten besorgt. Das ist jetzt aus.“ Bis zum 13. August waren die Grenzer von dem Steinstückener Gastwirt gut versorgt worden. Er gab öfter mal Bier und Essen aus, steckte den jungen Soldaten Schokolade oder Bananen zu. Das geschah heimlich, aber es war doch eine gewisse nachbarschaftliche Normalität, obwohl Steinstücken seit 1949 eine „kapitalistische Enklave“ war: ein kleines Stück Westberlin auf DDR-Gebiet, unmittelbar an Potsdam angrenzend und mit dem Ortsteil Kohlhasenbrück in Wannsee durch eine Straße verbunden.

Jetzt war die bisherige Verbindungsstraße aufgerissen und mit Stacheldraht gesperrt. Die Steinstückener mussten einen anderthalb Kilometer langen und gut bewachten Waldweg benutzen, wenn sie zur Arbeit nach Westberlin wollten. Sie wurden zweimal kontrolliert: Beim Verlassen ihrer kleinen Insel und dann noch einmal an der Grenze zu Westberlin. Der dort eingerichtete „Kontrollpunkt Kohlhasenbrück“ bestand aus einem Schlagbaum und einem kleinen gemauerten Wachhäuschen. Besucher, selbst Verwandte, wurden nach dem 13. August nicht mehr nach Steinstücken durchgelassen, nur die Feuerwehr durfte im Notfall noch passieren.

Die Stimmung bei den über Nacht völlig isolierten rund 200 Bewohnern Steinstückens war seit dem 13. August mies. Weniger zu ihrem Schutz, sondern als demonstrative Geste hatte die US-Army vier Soldaten in der Westberliner Exklave stationiert, die mit dem Hubschrauber eingeflogen wurden und der Kompanieführung ein Dorn im Auge waren. Jede Kontaktaufnahme mit den „imperialistischen Söldnern“ war uns strengstens untersagt. Es handele sich um „gefährliche, im Nahkampf ausgebildete US-Ranger“, die vor nichts zurückschrecken würden. Wir müssten mit Provokationen rechnen, ja sogar Entführungsversuchen, hatte der Kompaniechef uns Neuankömmlinge gewarnt.

„Die tauchen jeden Abend hier auf“, sagte mein Postenführer. Und tatsächlich ließen sie nicht lange auf sich warten. Die drei US-Soldaten unterhielten sich laut, grüßten lässig und ich nickte zurück – ein Reflex. Der Postenführer sah das, stieß mir seine MPi in die Hüfte und zischte: „Wenn das noch mal vorkommt, mache ich Meldung.“ Bis dahin hatte ich mich ganz gut mit ihm verstanden, nun wollte ich vorsichtiger sein.

Die US-Soldaten gingen am Stacheldrahtzaun vorbei, der links und rechts bis an den Weg heranreichte, und kamen geradewegs auf uns zu. Wir waren angewiesen worden, sie in einem solchen Fall am Betreten des Grenzgebietes der DDR zu hindern. Der Postenführer rief irritiert „Stopp“, riss nervös seine Maschinenpistole von der Schulter und entsicherte sie. Auf sein Geheiß tat ich das gleiche. Die Amis, jetzt nur noch drei oder vier Meter von uns entfernt, grinsten. Einer streckte uns die Hand mit einer Packung Zigaretten entgegen. Der Postenführer richtete seine Waffe auf den dunkelhäutigen Soldaten. Nach vielleicht 30 Sekunden, die mir wie Minuten erschienen, machten sie kehrt und gingen langsam und laut lachend nach Steinstücken, auf Westberliner Gebiet, zurück.

Eigentlich wäre es ganz einfach, ihnen jetzt zu folgen, schoss es mir durch den Kopf. Die Amis würden Flüchtlinge mit ihrem Hubschrauber nach West-Berlin ausfliegen, hatte mir ein Soldat erzählt. Aber das Risiko schien mir zu groß. Selbst wenn der Postenführer nicht auf mich schießen würde oder es mir gelänge, ihn vorher außer Gefecht zu setzen, könnte der Kompaniechef mit 20 oder 30 schwer bewaffneten Soldaten nach Steinstücken einmarschieren und mich mit Gewalt herausholen. Das hatte er „Verrätern“ jedenfalls angedroht – und ich hielt in diesen unruhigen Tagen alles für möglich. Die Kompanieführung war nervös, wenige Tage zuvor waren wieder zwei Grenzsoldaten geflüchtet. Wegen der gehäuften Desertionen hatte der Brigade-Stab eine gründliche Untersuchung angeordnet. Es hieß, dass ein großer Teil der Soldaten und Offiziere ausgewechselt werden solle. Ich war überrascht, wie labil die Situation in der Kompanie Drewitz-West war.

Dass ich die erste Gelegenheit zur Flucht nutzen würde, stand für mich seit meiner Rekrutierung fest. Um die Grenzsperren zu bewachen, wurden unmittelbar nach dem 13. August Hals über Kopf Tausende junge Männer im Schnellverfahren eingezogen. Fast ausnahmslos FDJ-Mitglieder, von denen man sich politische Zuverlässigkeit versprach. Ich war an jenem Schicksals-Sonntag erst ein paar Monate Jungredakteur beim Ostberliner Verlag „Junge Welt“, der im Auftrag der FDJ zahlreiche Kinder- und Jugendzeitschriften herausgab. Man hatte mich zum sogenannten 4. Pioniertreffen, einem Aufmarsch der Kinderorganisation, nach Erfurt entsandt. Als ich morgens im Pressebüro erschien, begrüßten mich einige Jugendfunktionäre, als ob eine revolutionäre Schlacht gewonnen worden wäre: „Endlich. Wir hätten die Grenze schon längst dichtmachen sollen“ und „Wir zeigen es denen, jetzt ist es vorbei mit der Ausplünderung der DDR“.

Ich bekam den Auftrag, zustimmende Erklärungen von Erfurtern zu besorgen, die am nächsten Tag veröffentlicht werden sollten. Am Hauptbahnhof stieß ich auf eine größere Menschenansammlung. Viele machten ihrem Ärger Luft, weil keine Fahrkarten nach Ostberlin verkauft wurden. Polizisten versuchten, die Menschen zum Verlassen des Gebäudes zu bewegen. Eine Frau weinte: Sie wollte ihre Tochter in Westberlin besuchen. Andere fürchteten, dass es jetzt zum Krieg kommen werde: „Das wird der Westen nicht hinnehmen.“ Die Menschen waren aufgewühlt, ich traf nur zwei Parteigenossen, die die Abriegelung der Grenze begrüßten.

Weil der Leiter des Pressebüros mit meiner dürftigen Ausbeute nicht zufrieden war, formulierte er eiligst selbst die Abriegelung gutheißende Erklärungen und setzte erfundene Namen und Berufe darunter. Sie wurden veröffentlicht. Abends sagte mir ein Funktionär des Verlages „Junge Welt“: „Wir sind informiert worden, dass 20 000 Soldaten zur Sicherung des antifaschistischen Schutzwalls benötigt werden. Ich habe dich auf die Liste gesetzt. Halte dich auf Abruf bereit.“ Als ich die Bereitschaftserklärung unterzeichnete, wusste ich, dass die Unterschrift bestimmend für mein weiteres Leben und vielleicht auch für das Schicksal anderer sein würde.

Schon ein paar Tage nach meinem ersten Dienst stand ich morgens wieder an der Straße vor Steinstücken. Der Postenführer wies mich an, von den zur Arbeit nach Westberlin fahrenden Steinstückenern Namen und Wohnung festzustellen. „Keine Diskussionen, keine Gespräche!“ Das erste Auto war ein kleiner blauer Wagen. Der Fahrer hielt kurz seinen Ausweis an die Scheibe und wollte weiterfahren. „Drehen Sie bitte die Scheibe herunter und geben Sie mir Ihren Ausweis zur Kontrolle“, sagte ich. Nur ein kleines Stück senkte sich das Glas, aber der Ausweis erschien nicht.

„Das wird ja hier immer schlimmer. Ich werde mich bei unseren Alliierten beschweren. Ich brauche meinen Ausweis nicht aus der Hand zu geben.“ Plötzlich legte der Fahrer den Gang ein. Der Postenführer sprang vors Auto und richtete seine entsicherte Maschinenpistole auf das Fahrzeug. „Machen Sie keine Faxen, Mann!“ Nun drückte mir der Fahrer seinen Ausweis in die Hand. „Prof. Dr. Johannes Niemeyer“ las ich. Unsere Blicke trafen sich, ich sah ein feines Gesicht. Schnell überflog ich den Ausweis und gab ihn zurück. Was mag der Mann denken? Ich beschloss, mich später bei ihm zu entschuldigen. Aber wann würde das sein?

Viel Zeit hatte ich nicht mehr, der Ausbau der Grenzanlagen schritt schnell voran. Ich hatte zunächst angenommen, dass man es bei einem zwei Meter hohen Stacheldrahtzaun belassen würde. Inzwischen wurden aber ein zweiter und dritter Stacheldrahtzaun mit Betonpfählen errichtet. Zwischen dem ersten und dem zweiten Zaun lagen überkreuzte Holzbalken, die mit Stacheldraht bespannt waren, sogenannte „Spanische Reiter“, sodass selbst ein gewaltsam durchbrechender Lastwagen darin hängen bleiben musste. Ich hatte Sorge, dass ich den besten Zeitpunkt für eine sichere Flucht verpassen würde. Niemand sollte zu Schaden kommen.

Heiligabend 1961, mehr als vier Monate nach der Abriegelung der Grenze, war die Stimmung in der Kompanie auf dem absoluten Tiefpunkt. Urlaubssperre, schlechte Verpflegung, eisige Kälte und Mangel an warmen Mänteln und Jacken. Viele Soldaten hatten Heimweh. Die Lethargie war groß und so sprach ich morgens mit einem Kameraden beim Kompanieführer vor: Er stimmte unserem Vorschlag sofort zu, zur Verbesserung der Stimmung spontan eine Weihnachtsfeier zu organisieren. Wir fällten im Wald eine Kiefer, kauften im Konsum in Babelsberg den restlichen noch vorhandenen Weihnachtsschmuck auf. Abends packten wir die Päckchen aus, die wir von zu Hause erhalten hatten, und legten das von unseren Familien gebackene Gebäck und andere Leckereien auf den Tisch. Jeder konnte sich bedienen. Dazu lief Weihnachtsmusik.

Die eigentliche „Bescherung“ fand für mich gegen 21 Uhr statt: Weil Weihnachten war, zog die Kompanieführung die „Vergatterung“ für den Dienst am nächsten Morgen um Stunden vor, nicht ahnend, was sie mir damit für ein Geschenk bereitete: Ich sollte zum ersten Mal am Kontrollpunkt Kohlhasenbrück stehen, direkt an der Grenze zu Westberlin. Am Schlagbaum, an dem alle Bewohner Steinstückens bei der Ein- und Ausfahrt kontrolliert und Unberechtigte abgewiesen wurden. Eine bessere Gelegenheit zur Flucht würde es nicht geben. Ich war aufgeregt und packte Ausweise und andere wichtige Dokumente, die ich mitnehmen wollte, in meine Uniformjacke, was eigentlich verboten war. An Schlaf war in dieser Weihnachtsnacht nicht zu denken.

Mir war warm, als ich am Weihnachtsmorgen um fünf Uhr vom Lastwagen sprang und mit dem Postenführer zum winzigen Kontrollhäuschen schritt. Es hatte ein wenig geschneit und war eisig kalt. Aus dem Wald drang kein Laut, er wirkte märchenhaft, wenn da nicht der von grellen Laternen beleuchtete Schlagbaum und die Stacheldrahtzäune links und rechts des Weges gewesen wären. Der Postenführer teilte mich für die erste Stunde zur Kontrolle am Schlagbaum ein, er übernahm die darauffolgende. Um sieben Uhr ging ich wieder nach draußen, der Postenführer zog sich ins warme Häuschen zurück.

Wenig später kamen, von mir erwartet, die links vom Kontrollpunkt Streife laufenden Soldaten zum Schlagbaum. Mit dem Postenführer, einem Kameraden, hatte ich mich Heiligabend abgesprochen: Wir wollten gemeinsam flüchten. Wie besprochen schickte er seinen Posten zum Aufwärmen in das Kontrollhäuschen, was eigentlich streng verboten war. Wir standen allein am Schlagbaum, unterhielten uns laut: Um nicht den Argwohn der beiden Soldaten zu erregen, zeigten wir uns wiederholt am Fenster.

Wir hätten die Straße nach West-Berlin einfach hinunterlaufen können. Aber das Risiko wäre groß gewesen, in das Schussfeld der beiden Soldaten oder einer hin und her pendelnden Kontrollstreife zu geraten. Der Schlagbaum befand sich etwa 80 Meter von der Grenzlinie entfernt. Die Straße war grell beleuchtet und von allen Seiten gut einsehbar.Deshalb hatten wir uns schon Heiligabend entschlossen, abseits vom Kontrollpunkt im Dunkeln über den Stachelverhau zu klettern.

So schlenderte erst mein Kamerad von der Straße weg am Stacheldrahtzaun entlang, als ob er etwas kontrollieren wollte. Ich zeigte mich ein letztes Mal vor dem Fenster des Kontrollhäuschens: Die beiden Soldaten unterhielten sich. Langsam folgte ich meinem Kameraden. Alles blieb ruhig. Als wir meinten, uns weit genug vom Häuschen entfernt zu haben, kletterten wir über die Zäune. Warum ich meinen sowjetischen Karabiner „S“ mit 60 Schuss Munition mitschleppte, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben. Selbst wenn Soldaten auf uns geschossen hätten, hätte ich nicht zurückgeschossen.

Wir hatten Westberlin noch nicht erreicht, als ich aus den Augenwinkeln wahrnahm, wie sich eine Unteroffiziersstreife dem Kontrollpunkt näherte. Zu spät!

Wir rannten unter einer Brücke hindurch, rissen die Tür zu einem kleinen Wachhäuschen der Westberliner Polizei auf und stürmten hinein. Die beiden Polizisten, die Weihnachtsmusik hörten und Kaffee tranken, erschraken heftig und sprangen auf. Später gestand einer lachend, er habe angesichts meines Karabiners für eine Sekunde geglaubt „die Russen kommen“. Obwohl ich mich freute, wie glatt alles gegangen war, zitterten mir die Knie. „Das ist immer so, wenn man es geschafft hat“, beruhigte mich einer der Polizisten.

Einige Monate nach meiner Flucht rief ich Niemeyer in Steinstücken an. Ich war gespannt, wie er reagieren würde. Er hatte die Episode am Kontrollpunkt nicht vergessen und war tief gerührt. Bei einem Essen im China-Restaurant feierten wir bald darauf meine Flucht.

Der Autor Michael Mara, der 17 Jahre Landeskorrespondent des „Tagesspiegel“ in Brandenburg war, flüchtete Weihnachten 1961 von Potsdam nach Westberlin. Seit 1963 beobachtete er von dort für das „Informationsbüro West“ des innerdeutschen Ministeriums die Entwicklungen in der DDR, außerdem arbeitete er als freier Journalist für den „Tagesspiegel“ und weitere westdeutsche Zeitungen. Ab 1969 war er Chefredakteur des „Informationsbüro West“. Mehr im Internet unter www.michael-mara.de