• 1958 – das Abrissjahr von Potsdam Auch der Plögersche Gasthof wurde zerstört

Potsdam : 1958 – das Abrissjahr von Potsdam Auch der Plögersche Gasthof wurde zerstört

E. Hohenstein

Potsdams barocke Innenstadt ist durch den englischen Bombenangriff am 14. April 1945 und den russischen Artilleriebeschuss am Monatsende schwer getroffen worden. Viele Baudenkmale, deren Ruinen in ausbaufähigem Zustand erhalten blieben, wurden aber erst in der DDR-Zeit zerstört. Dabei spielte ein Beschluss der Stadtverordneten vom 30. Januar 1958 eine verhängnisvolle Rolle. Nachdem zuvor unter anderem schon die Gloriette auf dem Bassinplatz, der Palast Barberini, das Hotel „Zum Einsiedler“ und die Synagoge der Spitzhacke zum Opfer gefallen waren, hob er den Denkmalschutz für zahlreiche barocke Gebäude auf und gab sie damit für den Abriss frei. Betroffen waren so berühmte Bauwerke wie das Säulenhaus, die Alte Post, die Gotischen Häuser, das Schinkelsche Torhaus des Teltower Tores und das Belvedere auf dem Brauhausberg.

Fallen musste auch der Plögersche Gasthof an der Ecke Schlossstraße und Hohewegstraße. Dieser prachtvolle Bau war 1754 durch den Architekten Carl Ludwig Hildebrandt errichtet worden. Als Vorbild wählte König Friedrich II. den Palazzo Valmarana in Vincenza, den der berühmte italienische Baumeister Andrea Palladio entworfen hatte. Das Gebäude hatte den englischen Bombenangriff überstanden, wurde dann aber durch russische Artillerie in Brand geschossen. Erhalten blieben jedoch das 64 Zentimeter dicke Frontmauerwerk und die Schaufassade mit ihrem reichen baukünstlerischen Schmuck. Noch am 8. Juli 1958 bestätigte ein Gutachten, dass „die Straßenfronten noch standsicher“ sind.

Der Abriss wurde mit zwei Argumenten begründet: Zum einen stelle die Ruine laut einem Ratsbeschluss „im jetzigen Zustand eine ständige Gefahr für die werktätige Bevölkerung Potsdams und darüber hinaus aller vorübergehenden Fremden“ sowie für den Straßenverkehr dar. Sie stehe einer neuzeitlichen Gestaltung des Stadtbildes entgegen. Das zweite Argument, das keinen Eingang in die offiziellen Dokumente fand, war politischer Natur: Das von 1819 bis 1945 als Kommandantur genutzte Gebäude müsse als Überbleibsel des preußischen Militarismus und des Faschismus verschwinden.

Gegen den Abriss regte sich Widerstand bei Denkmalpflegern und Museumsleuten, anfangs auch bei einzelnen Ratsmitgliedern. Sogar ein Vorschlag wurde vorgelegt, den Plögerschen Gasthof in Verbindung mit einem Neubautrakt zum neuen Potsdamer Rathaus auszubauen.

Dennoch begannen am 10. Juli 1958 die Abrissarbeiten, die Mitte Dezember 1958 beendet waren. Dabei wurden eine Legionärsstatue und die Reliefs von Johann Gottlieb Heymüller zerstört. Dagegen konnten die acht von Johann Peter Benkert stammenden Attikaskulpturen geborgen werden, mit dem Essen, Trinken und der Musik verbundene antike Gottheiten. Sie wurden 1959 an der Hauptallee von Sanssouci in Höhe der Orangerie aufgestellt, wo sie noch heute an den Plögerschen Gasthof erinnern. In den touristischen Parkplänen ist ihre Herkunft nicht verzeichnet. E. Hohenstein

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.