• 100. Todestag Humperdincks: Der Forscher und der Komponist

100. Todestag Humperdincks : Der Forscher und der Komponist

Vor 100 Jahren starb Engelbert Humperdinck. Am Sonntag ehren Musikschüler den Komponisten an seinem Grab in Stahnsdorf. Der Potsdamer Kai Diekmann hat viel Neues über ihn herausgefunden. 

Steffi Pyanoe
Humperdincks am Tennisplatz Wannsee, aufgenommen 1914. 
Humperdincks am Tennisplatz Wannsee, aufgenommen 1914. Foto: Kai Diekmann

Potsdam - Viele suchen danach, aber das Grab von Engelbert Humperdinck wird leicht übersehen. „Es ist sehr bescheiden“, sagt Olaf Ihlefeld, Friedhofsleiter des Südwestkirchhof Stahnsdorf. Hier liegt der Komponist begraben, der einige der schönsten Werke des 19. und 20. Jahrhunderts geschrieben hat und sehr erfolgreich war, aber längst nicht so bekannt ist wie manche seiner Kollegen. Am Montag jährt sich Humperdincks Todestag zum 100. Mal., Anlass für eine Ehrung auf dem Friedhof, mit Musik in der Kapelle und am Grab. Es wird voll werden, schätzt Ihlefeld, der seit Jahren eine lebendige, mit Kultur unterfütterte Erinnerungskultur an die hier Begrabenen unterstützt und immer wieder kulturelle Events organisiert. 

Grober Naturstein, ein kleines Textfeld

Zudem ist der Kirchhof einer der schönsten Friedhöfe Europas, der für viele Prominente letzter Ruheort wurde und heute zahlreiche Besucher anzieht. In Block Erlöser, Feld 5, auf halber Strecke zwischen Haupteingang und Kapelle, findet man auch das Grab von Humperdinck und seiner Frau Hedwig. Ein grob behauener Naturstein mit einem kleinen ovalen Textfeld. Bei Führungen erlebt Ihlefeld hier auch Kurioses. „Manche denken bei Humperdinck zuerst an den gleichnamigen amerikanischen Schlagersänger“, das findet er sehr befremdlich. 

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Insofern ist es gut, dass das Leben des Komponisten, der schließlich eine der berühmtesten Opern schrieb, nämlich „Hänsel und Gretel“, jetzt genauer beleuchtet wird. Den Anstoß gab der in Potsdam lebende Medienunternehmer Kai Diekmann, und das Projekt Humperdinck ist längst größer geworden, als er vermutlich selber anfangs dachte, und es hat nun doch auch mit Potsdam zu tun – was vermutlich niemand dachte. Denn Familie Humperdinck lebte zuletzt seit 1900 in Berlin, in der Waltharistraße in Wannsee. So steht es in der Grabakte, in der Ihlefeld für die PNN noch mal nachgeschaut hat. Von Potsdam steht da nichts. 

Erfolg mit der Märchenoper

Geboren wurde Humperdinck 1854 in Siegburg im Süden Nordrhein-Westfalens, studierte und war dann beruflich immer viel auf Reisen, oft auch im Ausland. Der große Erfolg kam 1893 mit der Märchenoper, die weltweit aufgeführt wurde, sogar in den USA. 1900 zog die Familie nach Berlin, wo er unterrichtete und komponierte – unter anderem schrieb er Bühnenmusik für Max Reinhardt am Deutschen Theater. 

2014 kauften Kai Diekmann und seine Frau Katja in Heringsdorf auf Usedom ein altes Haus, das sie denkmalgerecht ausbauten. Das Anwesen liegt im Buchenwald am Steilufer mit Blick auf die Ostsee, traumhaft, schwärmt Diekmann. Und auch Humperdinck fand es hier einst zauberhaft. Dass er genau in diesem Haus 1906 eine Woche Urlaub machte, entdeckten Architekten im Zuge der Bauplanungen in den Akten des Grundbuchamts. Diekmann, Klassik-Fan, war begeistert – und angefixt. 

Postkarte Humperdincks aus Heringsdorf an seinen Sohn in Potsdam. 
Postkarte Humperdincks aus Heringsdorf an seinen Sohn in Potsdam. Foto: Kai Diekmann

Jetzt wollte er mehr wissen über Humperdinck. Er suchte in Archiven und im Kunsthandel und stieß dabei auf eine ganz besondere Postkarte. Humperdinck schreibt 1916 aus Heringsdorf, „leider bei sehr garstigem Wetter, … an baden ist wahrlich gar nicht zu denken“, an seinen Sohn Wolfram, der im ersten Weltkrieg ist. Die Adresse: Gefreiter W. Humperdinck. Potsdam 7, Türkstr. 8 II (bei Frau Manke). „Da war ich platt“, sagt Diekmann. „Es gibt also doch einen unmittelbaren Bezug nach Potsdam.“ 

Und, noch eine Erkenntnis, offenbar war Humperdinck viel öfter auf Usedom, als Diekmann angenommen hatte. Eine üppige Quelle sind diesbezüglich die Musiktagebücher, die Humperdinck führte, und die man in Frankfurt/Main einsehen kann. Hier finden sich genaue Angaben zu Reisen und Aufenthalten in Heringsdorf, meistens im September und in dem Haus, das jetzt ihnen gehört. Hier schrieb er schon 1906 die erfolgreiche Schauspielmusik zu „Der Sturm“, die Ostsee inspirierte ihn. In seinen Tagebüchern notierte der Komponist auch, wann er schwimmen und wo er Kaffee trinken ging. Das zusammen ergibt ein sehr vielseitiges Gesamtbild des Menschen Humperdinck.

Poesiealbum von Humperdincks jüngerer Schwester, die mit 17 Jahren verstarb.
Poesiealbum von Humperdincks jüngerer Schwester, die mit 17 Jahren verstarb.Foto: Kai Diekmann

Im Zuge seiner Recherche stieß Diekmann schließlich auf das Poesiealbum von Humperdincks jüngerer Schwester, die mit 17 Jahren verstarb. Die Geschwister hatten sich sehr nahegestanden. Dass sich in diesem Album eine bisher unbekannte Komposition fand, handgeschrieben, die nun erstmals aufgeführt wurde, ging im Frühjahr dieses Jahres durch die Presse und begeistere die Musikwelt. Denn die frühen Werken Humperdincks waren bei einem Dachstuhlbrand verloren gegangen. 

Diekmann, der ein bisschen Cello spielt, aber kein Klavier, schickte nach der Entdeckung die Klaviernoten als Handy-Schnappschuss einem Pianisten, der ihm kaum eine Stunde später das Werk – übers Handy – vorspielte. 

Mittlerweile konnte Diekmann von den Nachkommen Humperdincks auch dessen Schreibtisch kaufen, der jetzt in seinem Haus in der Schwanenallee steht – von Wannsee, wo Humperdinck lebte, gar nicht so weit weg. Außerdem hat er die Tagebücher des Sohnes Wolfram erworben, die als Leihgabe ans Museum in Siegburg gehen sollen. Über Humperdinck, der Wagner sehr nah stand, gibt es sicherlich noch viel, was zu erforschen wäre, vermutet der Journalist. 

CD mit dem Stück "Erinnerungen"

In diesem Spätsommer hat er nun zunächst gemeinsam mit der Gemeinde Heringsdorf ein Humperdinck-Festival in Heringsdorf organisiert. Dort wurde eine neue CD unter anderem mit dem neuen Stück „Erinnerungen“ vorgestellt. Herausgeber ist die Deutsche Grammophon, Solisten sind Christina Landshamer, Jonas Kaufmann und Hinrich Alpers, es spielen das Schumann Quartett, die Bamberger Symphoniker und die Wiener Philharmoniker. Ein namhaftes Ensemble. 
Auf dem Stahnsdorfer Friedhof werden morgen Schüler und Dozenten der Kreismusikschule Kleinmachnow, die nach Humperdinck benannt ist, dessen Werke – natürlich auch die „Erinnerungen“ – spielen. Am Grab soll der bekannten „Abendsegen“ aus der Oper „Hänsel und Gretel“ gesungen werden. 

Die Potsdamer konnten die Oper zuletzt 2016 und 2018 erleben, mehrmals aufgeführt vom Sinfonieorchester Collegium Musicum in der Biosphäre. „Wir hatten damit einen Wahnsinnserfolg“, sagt Dirigent Knut Andreas. Dass Humperdinck heute nur so halb berühmt ist, liege paradoxerweise auch an dem Ruhm dieser Oper. „Er war ein One-Hit-Wonder“, sagt Andreas. „Und später stand er immer im Schatten Wagners.“ 

Für Diekmann ist auch das ein Grund, weiterzumachen mit seinem Forschungsprojekt. „Humperdincks Musik braucht eine neue Sichtbarkeit.“ 


Ehrung Humperdincks am Sonntag. 26. September, ab 14 Uhr auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf, Bahnhofstraße 2. Alle Infos finden Sie hier. 

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