• 100 Jahre Siedlung Eigenheim: Eine kleine Utopie in Potsdam

100 Jahre Siedlung Eigenheim : Eine kleine Utopie in Potsdam

1922 gründete Sozialreformer Adolf Damaschke die Siedlung Eigenheim. Das Viertel hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Am Samstag wurde das Jubiläum gefeiert.

Seit 100 Jahren gibt es die Siedlung Eigenheim, der der Sozial- und Bodenreformer Adolf Damaschke einst den Weg ebnete.
Seit 100 Jahren gibt es die Siedlung Eigenheim, der der Sozial- und Bodenreformer Adolf Damaschke einst den Weg ebnete.Foto: Ottmar Winter

Potsdam - Bodenreform, Subsistenzwirtschaft, gemeinschaftliches Leben – die Anfänge der Siedlung Eigenheim hatten etwas von einer sozialen Utopie. Einfache Arbeiter und Angestellte sollten Grundbesitz erwerben können und sich mit Gemüseanbau und Tierhaltung autonom selber versorgen können, so die Idee des Sozialreformers Adolf Damaschke, der die Siedlung 1922 gegründet hatte. Am Samstag veranstaltete der Verein „Siedlung Eigenheim Potsdam e.V.” ein Fest zum 100-jährigen Bestehen der Gemeinde, die zwischen Heinrich-Mann-Allee und den Ravensbergen liegt. 

Musik gab es vom Kinderchor der Siedlung und der Band Futuria, der Falkenhof zeigte eine Vogel-Show zeigen und Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) sprach ein Grußwort. "Bis heute hat sich das Viertel seinen Charakter als grüne, gut erschlossene und zu Recht sehr beliebte Wohngegend erhalten können", sagte der Rathauschef.

Michael Malson und seine Frau Anja wohnen seit 2001 in der Siedlung.
Michael Malson und seine Frau Anja wohnen seit 2001 in der Siedlung.Foto: Ottmar Winter

Früher lag die Siedlung weit am Stadtrand

Damals lag die Siedlung weit am Stadtrand, doch nach und nach war Potsdam immer näher gerückt. Dass sich der ruhige, dörfliche Charakter des Wohnviertels dennoch erhalten habe, macht für Anwohner Michael Malson den besonderen Reiz des Ortes aus: „Es ist sehr ruhig und sehr grün, aber man ist nur drei Tram-Stationen vom Hauptbahnhof entfernt.“ Der Softwareentwickler und Vorsitzende des Siedlungsvereins wohnt seit 2001 mit seiner Frau im ältesten Haus der Siedlung, das er damals mit viel Aufwand renoviert hatte: Genutzt wurde es ursprünglich als Verwaltungsgebäude der Försterschule, die es früher hier gab. „Wie alt es genau ist, wissen wir nicht“, sagt Malson. Erbaut wurde es wohl im 19. Jahrhundert.

Rund 1100 Menschen leben in der Siedlung.
Rund 1100 Menschen leben in der Siedlung.Foto: Ottmar Winter

Dass das Haus noch vor der Siedlung gebaut wurde, erkennt man daran, dass es schräg zur Straße ausgerichtet ist: Tatsächlich hatte damals sogar ein Teil des Gebäudes entfernt werden müssen, um Platz für die Straße zu machen, die die ersten Siedler:innen angelegt hatten.

Einer der führenden deutschen Bodenreformer

Entstanden war die Siedlung auf Initiative des Volksschullehrers Adolf Damaschke, der seinerzeit zu den führenden Bodenreformern in Deutschland gehörte: In der Krisenzeit nach dem Ersten Weltkrieg setzte er sich dafür ein, dass auch „einfache Leute“ Wohnraum und Gärten besitzen können, um sich und ihre Familien zu versorgen. Für je vier Mark pro Quadratmeter erwarb die Stadt ein rund 40 Hektar großes Gebiet von den preußischen Forstbetrieben; früher hatte sich hier etwa eine Maulbeerplantage für Seidenraupenzucht befunden.

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Die 273 Parzellen wurden per Los verkauft und sollten von den Siedler:innen möglichst weitervererbt werden, um Bodenspekulation zu verhindern. Die Größe der Grundstücke war mit 1250 Quadratmetern großzügig bemessen – schließlich sollten die Familien nicht nur Obst und Gemüse anbauen, sondern auch Hühner oder Ziegen halten können, was viele auch taten. Ab 1923 bauten die Siedler:innen ihre Häuser mit gegenseitiger Hilfe selbst auf; nach zehn Jahren waren alle Parzellen bebaut, auch eine Kapelle wurde errichtet. „Jeder half jedem“, sagt Malson. Viele Handwerker lebten hier, die ihre Werkstätten im Haus hatten, aber auch Händler, Friseure, Gärtner oder Zahnärzte. „Es gab jeden Beruf, den man sich vorstellen kann“, sagt Malson.

In der NS-Zeit wurde die Siedlung gleichgeschaltet

Nach Beginn der Nazi-Herrschaft war mit dem lebensreformerischen Ansatz des Projektes erstmal Schluss: Die Siedlung Eigenheim wurde gleichgeschaltet. „So viel Unabhängigkeit wurde von den Machthabern nicht gern gesehen“, sagt Malson. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Siedlung beinahe unbeschadet: Nur ein einziges Haus wurde zerstört.

In der DDR änderte sich nicht viel an der Struktur der Siedlung, nach der Wende begann dann das Wachstum: Viele der Häuser waren sanierungsbedürftig, gleichzeitig waren die Grundstücke groß und wurden schon lange nicht mehr für Kleinvieh genutzt. Also teilten viele Eigentümer:innen ihre Grundstücke und verkauften sie, sodass nun in zweiter Reihe neue Einfamilienhäuser gebaut werden konnten. „Dadurch ist viel Geld für die Renovierung der alten Häuser hereingekommen und die Siedlung hat sich verjüngt“, sagt Malson. Mittlerweile ist das Wohnviertel stark verdichtet, aus einst rund 270 Häusern sind mehr als 500 geworden.

Führungen, Spieleabende und eine jährliche Frühlingsputzaktion

Heute leben etwa 1100 Potsdamer:innen in der Siedlung, manche Familien bereits seit vierter oder fünfter Generation. Eine ganz so enge Gemeinschaft wie in den Anfangstagen ist die Siedlung nicht mehr, dennoch wird vor allem im Siedlungsverein viel Wert auf gute Nachbarschaft gelegt: Es gibt gemeinsame Spaziergänge, Führungen, Spieleabende und eine jährliche Frühlingsputzaktion. Seit 2009 gibt es auch ein Siedlungsfest, wie einst in den 1920er Jahren.

Neben dem Verein gibt es seit 1995 auch eine Gruppe von Anwohner:innen, die auf die Sicherheit im Viertel achten, abends Beobachtungsgänge machen und in der Urlaubszeit auf leere Häuser aufpassen. Tatsächlich hatte es 2009 und 2019 zwei Einbruchsserien in der Siedlung gegeben. „Aber in den letzten Jahren war alles sehr ruhig“, sagt Malson. Die Bewohner:innen gäben eben aufeinander acht, auch wenn es nicht so wie auf dem Dorf sei, wo jeder jeden kenne, sagt Malson. „Aber jeder kennt jemanden, der jemand anderen kennt.“

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