Zocker-Krimi in Bad Belzig : Kriminelle Energie?

Der mittlerweile geschasste Chef der Stadtwerke Bad Belzig soll mit Gas- und Strompreisen gezockt haben. Nun befasst sich ein Sonderausschuss mit dem Fall.

Werner van Bebber
Die Stromversorgung der Belziger Kunden war nicht gesichert. Der Stadtwerkechef hatte offenbar versäumt, Verträge zu schließen. 
Die Stromversorgung der Belziger Kunden war nicht gesichert. Der Stadtwerkechef hatte offenbar versäumt, Verträge zu schließen. Foto: dpa

Bad Belzig - Gas und Wasser fließen weiter, die Fernwärme funktioniert und Abwässer werden entsorgt: Die Kunden der Stadtwerke von Bad Belzig werden mit den gewohnten Leistungen versorgt, auch wenn der städtische Dienstleistungsbetrieb große wirtschaftliche Probleme hat. Dabei hatte es im November so ausgesehen, als müssten die Stadtwerke den Betrieb einstellen – wegen gigantischer finanzieller Schwierigkeiten. Wie die entstanden sind, soll nun ein Sonderausschuss klären, den die Belziger Stadtverordneten heute Abend einsetzen wollen.

Dass der Betrieb überhaupt fortgeführt werden kann, war nicht absehbar, als Bürgermeister Roland Leisegang (parteilos) die Stadtverordneten Mitte November informierte. Leisegang teilte den Bürgervertretern über eine interne Kommunikationsplattform mit, dass der Geschäftsführer der Stadtwerke „mit sofortiger Wirkung“ von seinen Aufgaben entbunden worden sei. 

Bürgermeister Roland Leisegang (parteilos).
Bürgermeister Roland Leisegang (parteilos).Foto: Eva Schmid

Hüseyin Evelek hatte zu diesem Zeitpunkt schon seinen Schlüssel zum Gebäude der Stadtwerke abgeben müssen und war, wie es in einer Chronologie des Bürgermeisters heißt, vom „digitalen Zugang“ zum Netz der Stadtwerke getrennt worden – ein konsequenter Rausschmiss.

"Pleite", "Missmanagement", "Zocker-Krimi"

Von „Pleite“ war die Rede, von „Missmanagement“, von einem „Zocker-Krimi“, bei dem sich Evelek um Millionen Euro verspekuliert haben soll. Eine bizarre Entwicklung – hatte doch der Aufsichtsrat der Stadtwerke noch Ende September den Geschäftsgang für 2020 ohne Beanstandung gutgeheißen. Die Wirtschaftsprüfer hatten an den Bilanzen des Vorjahres nichts zu beanstanden.

Bizarr war bloß, dass Geschäftsführer Evelek seinen Aufsichtsräten (zu denen der Bürgermeister und auch Stadtverordnete gehören) eine besorgniserregende Mitteilung machte: Die Gas- und die Stromversorgung der Belziger Kunden für die Zukunft war keineswegs gesichert. Evelek hatte es offenbar versäumt, für 2022 Strom- und Gaspreise auszuhandeln und Verträge zu schließen. 

Was Evelek stattdessen gemacht hatte, wusste sein ehemaliger Mitarbeiter Harald Lacher. Der Ingenieur mit eigenem Büro, Schwerpunkt Energieberatung, hatte fünf Jahre für die Stadtwerke gearbeitet. Bis er mit Evelek aneinandergeriet.

Unverständnis bei Harald Lacher

Harald Lacher ist ein freundlicher Mann, der auch beim Telefonat über seine Erfahrungen mit Evelek gern lacht und offen über die obskuren Vorgänge unter Eveleks Geschäftsführung spricht. Lacher kann und will nicht verstehen, dass der Aufsichtsrat von Eveleks Geschäftsgebaren erst durch den Rausschmiss erfahren haben will. Denn er habe den Stadtverordneten und Aufsichtsrat Tobias Paul per Mail informiert und um einen Aufhebungsvertrag gebeten, um die Stadtwerke verlassen zu können.

Der Anlass: Lacher war mit Eveleks Geschäftsführung nicht einverstanden. Er hielt sie für falsch und vorschriftswidrig. Denn Evelek hatte, statt die Versorgung der Belziger mit Gas und Strom vertraglich abzusichern, mit Energiepreisen spekuliert. Der fachlich korrekte Begriff: Evelek hatte Warentermingeschäfte gemacht, und zwar mit großen Unternehmen. Er hatte zum Beispiel Stromlieferungen für bestimmte Zeiträume zu festen Preisen zugesichert – in der Erwartung, den Strom zu einem günstigeren Preis beschaffen zu können.

Hätten solche Geschäfte funktioniert – Evelek hätte für die Stadtwerke Millionen Euro verdienen können. Stattdessen fehlten für 2022 nicht nur vertraglich sichere Strom- und Gas-Mengen, auch werden die von Evelek zugesicherten Lieferungen wegen erheblich gestiegener Preise für die Stadtwerke zum Millionen-Verlust-Geschäft. Von über 22 Millionen Euro Verlusten war zuletzt die Rede. Energie-Ingenieur Lacher hält in Anbetracht explodierender Marktpreise auch doppelt so hohe Verluste für möglich.

Dimension der Spekulationsgeschäfte erkannt

Lacher hatte durchaus keinen schlechten Eindruck von Hüseyin Evelek, als er den neuen Geschäftsführer – seinen neuen Chef – Anfang 2019 kennenlernte. „Offenherzig“ wirkte Evelek auf ihn, sagt Lacher, der Chef habe schnell ihm und anderen Mitarbeitern das Du angeboten. Im Lauf des Jahres erkannte Lacher die Dimension von Eveleks Spekulationsgeschäften. 

In einer Mail schreibt Lacher: „Seit 2019 waren die Mitarbeiter der Stadtwerke in Sorge, denn Herr Evelek hat gerne vor Sitzungen über seine erfolgreiche Spekulation mit Strom berichtet. Dass dadurch das Stadtwerk Schaden nehmen könnte, war allen sofort bewusst. Aber der Aufsichtsrat hat dies scheinbar anders bewertet.“

Nach ein paar Monaten, so schreibt Lacher weiter, habe im Evelek „Auskünfte über seine Energiebeschaffung“ verweigert. Lachers Ausscheiden war, so kann man es wohl zusammenfassen, die Folge.

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Ob die großen Schulden der Stadtwerke geringer ausgefallen wären, wenn der Aufsichtsrat schneller auf Lachers Alarm-Mail reagiert hätte, kann womöglich der neue Sonderausschuss klären. Noch immer wirkt die Belziger Bürgervertretung vor allem irritiert von den Vorgängen in den Stadtwerken. Mancher, den man dazu sprechen möchte, schweigt auf Mails und telefonische Anfragen – gerade dann, wenn zum Mandat als Stadtverordneter auch noch eins im Aufsichtsrat der Stadtwerke kommt. Groß ist offenbar die Sorge, den Zorn vieler Bürger weiter anzufachen, die jetzt befürchten, ihre Gas- oder Abwasserkosten so explodieren zu sehen wie die Benzinpreise beim Tanken.

Kommunalpolitiker getäuscht

Allerdings hatte Evelek offenbar auch auf die Belziger Politik zunächst einen guten Eindruck gemacht. Thomas Heuser, Stadtverordneter von Bündnis 90/Grünen, hatte einen ganz guten Eindruck von Hüseyin Evelek, als er ihn in einer Fraktionssitzung kennenlernte. „Freundlich, zuvorkommend“ wirkte der Geschäftsführer – und er sei „auf unsere grünen Belange eingegangen“, erinnert sich Heuser.

Wie schlecht es wirtschaftlich um die Stadtwerke infolge der Nebengeschäfte von Evelek stand, habe er „erst im November mitbekommen“, sagt Thomas Heuser. Ob Evelek schon vor 2021 solche Warentermin-Spekulationen gemacht habe, wisse er nicht.

Ähnlich ging es Claudia Wipfli, Stadtverordnete der Linken, mit Evelek und den Stadtwerken. Auf sie wirkte der Geschäftsführer „sachlich“ und „sehr geschäftsmäßig“, wie sie sagt – „kein Aufschneider“. Dass es Unmut, Unruhe in den Stadtwerken gab, habe sie allenfalls geahnt. Da war die Mail eines Bürgers, die sie erreichte und in der von „Schwierigkeiten“ die Rede war. Das ganze Ausmaß der Schwierigkeiten sei ihr erst im November und Dezember vergangenen Jahres bewusst geworden.

Bürger sammelt Stimmen zur Abwahl Leisegangs

Einstweilen hat das Geschäftsgebaren des Ex-Stadtwerkechefs die Belziger Politik ziemlich aufgemischt. Im Internet sammelt ein Bürger Stimmen zur Abwahl des Bürgermeisters; völlig offen ist, ob daraus etwas wird. Die Stadtwerke sind zum Reparaturbetrieb geworden, per Darlehen der Stadt am Laufen gehalten. Das Sanierungsverfahren läuft, geleitet von zwei neuen Geschäftsführern. Wie ein Vergleich mit den Gläubigern aussehen könnte, ist offen – ebenso wie die Auswirkung des Verfahrens auf die Gas-, Wasser- und Abwasserkosten. Die Stromversorgung der Belziger Kunden hat zu Beginn der Probleme die Konkurrenz aus Potsdam, der Versorger EWP, übernommen.

Bürgermeister Roland Leisegang weist in einer Mail an die PNN darauf hin, dass er „vorsichtig mit öffentlichen Äußerungen“ sein müsse, zumal ihm schon vorgeworfen worden sei, dass er als Aufsichtsratsmitglied „nicht der Chefaufklärer sein kann“. Er erwarte den Ausschuss „mit Spannung“, schreibt er und „werde meinen Beitrag leisten“.

Der Grünen-Stadtverordnete Thomas Heuser fragt sich über den politischen Streit hinaus, was man tun kann, um Menschen in der Stadt zu helfen, die angesichts ihrer Energie- und Wasserkosten in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Er frage sich: „Was können wir in Zukunft besser machen?“ Er möchte versuchen, über eine Initiative „Bürger für Bürger“ Menschen zu helfen, die ihre Gasrechnung nicht mehr bezahlen können.


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