Potsdam-Mittelmark : Wohin mit Stahnsdorfs Gören ?

Mit 92 Jahren war die Pittiplatsch-Erfinderin Emma Maria Lange wieder aktiv – doch um ihr Zille-Kunstwerk wird gestritten

Tobias Reichelt
In Ton. Für den Transport wurden die Figuren zerteilt. Das komplette bronzene Abbild wird noch wie ein Geheimnis gehütet.
In Ton. Für den Transport wurden die Figuren zerteilt. Das komplette bronzene Abbild wird noch wie ein Geheimnis gehütet.Foto: T.Reichelt

Stahnsdorf - Eberhard Trodler kann sich nicht sattsehen. „Die Nase so spitz und die Pausbacken so rund“, schwärmt der Stahnsdorfer Künstler beim Anblick der Altberliner Gören: Angestrengt hält das Mädchen seinen Bruder im Arm. Sein Kragen ist glatt gestrichen, ihre Schleife auf dem Kopf akkurat gezurrt. „Die Figuren sind toll“, sagt Trodler und streicht den Kindern liebevoll über die Wangen. „An der Bronze-Plastik von Emma Maria Lange wird es später sicher viele blankgestreichelte Stellen geben.“

Über 50 Jahre ist es her, dass die Kleinmachnower Bildhauerin Emma Maria Lange die DDR-Kinderfernsehfigur „Pittiplatsch“ kreiert hat. Im Alter von 92 Jahren hat sich die Künstlerin erneut ans Werk gemacht. Zum 750. Jubiläum Stahnsdorfs im kommenden Jahr erschuf sie mit der Hilfe von Trodler und dem Soziokulturellen Verein „EinsA“ aus Stahnsdorf eine lebensechte Kinderplastik aus Ton nach Vorlage des Malers Heinrich Zille. Der ist nicht nur in Stahnsdorf begraben, sondern es sind dort auch eine Straße und eine Schule nach ihm benannt. Die Figur soll ein Geschenk sein. Sie ist bereits in Bronze gegossen, wird aber bis zur Übergabe wie ein Geheimnis gehütet. Doch schon jetzt ist ein Streit um den Standort für das Geschenk entbrannt.

In einer Mitteilung hat sich der Stahnsdorfer Heimatverein in der jüngsten Sitzung des Bauausschusses an die Gemeindevertreter gewandt. Mit dem Vorschlag, die Figuren am Dorfteich hinter der Kirche aufzustellen, haben die Historiker ihre Bedenken. Der Dorfplatz als denkmalgeschütztes Ensemble würde gestört. FDP-Gemeindevertreter Günter Wüstenhagen warnte gar vor einer Überladung des Platzes, an dem es auch ein Krieger-Denkmal gibt. Warum stellt man die Kinder nicht dorthin, wo sie hingehören?, fragte er: an die Zille-Grundschule.

Doch das ist für die Künstler undenkbar, sagt Eberhard Trodler. „Solch ein Kunstwerk sollten wir stolz wie eine Brosche auf der Brust tragen und nicht in der hinteren Hosentasche.“ Vor eineinhalb Jahren habe er sich erstmals Gedanken um das Jubiläumsgeschenk gemacht. Schon früh sei er auf Zille gekommen.

Ohne Emma Maria Lange zu fragen, hatte er im Rathaus das Geschenk angekündigt, erst dann besuchte er die Bildhauerin. Ganz aufgelöst sei die gewesen, erzählt Trodler. „Oh Eberhard, das ist das Schönste, was mir in meinem Alter passieren kann“, habe sie gesagt. Während sich Trodler und der Verein um den Behördenkram, Spenden und Fördergelder kümmerten, begann die alte Dame in ihrer Wohnung den Ton für die Vorlage zu kneten. 1,20 Meter groß und 170 Kilogramm schwer war die Figur am Ende. In ihrem Atelier musste der Abguss für die Bronze-Plastik genommen werden.

Emma Maria Lange sei der ganze Trubel um die Figuren ohnehin zu groß, sagt Eberhard Trodler. Als Nachbarn und Anwohner von der Sache Wind bekamen, musste die 92-Jährige sogar wieder Autogrammkarten schreiben. Viele wollten die Figur sehen. Jetzt, wo die Plastik in Bronze gegossen ist, brauche sie erst einmal Ruhe. Mit den Stahnsdorfer Streithähnen will sie nicht sprechen, richtet Trodler aus. „Sie hat mir aber gesagt, wenn die Figur nicht an den Dorfplatz kommt, wird sie sehr böse.“

Ob die Zille-Gören an den Dorfteich dürfen, soll nun mit der Denkmalschutzbehörde geklärt werden, kündigte die Rathausverwaltung an. Bei Christian Pall vom Soziokulturellen Verein löst das Kopfschütteln aus. „Die Figuren sind für den Platz gedacht.“ Jährlich wechselnd veranstalten die Mitglieder dort Feste und Konzerte für Kinder und Erwachsene. „Mit der Figur wollen wir, dass am Dorfplatz Leben entsteht.“ Weggesperrt hinter einem Schulzaun dürften die Gören wenig Beachtung finden.

Mit dem Ziel, sie am Dorfplatz aufzustellen, sei das Kunstwerk auch vom brandenburgischen Ministerium für Kultur, der Sparkasse und vielen Spendern finanziert worden – in mehreren Stahnsdorfer Geschäften stehen die Spendenbüchsen für die Figuren bereit. Noch seien nicht alle Kosten gedeckt, denn auch eine Bank und eine Zille-Infotafel in altdeutscher Schrift soll es geben. Die Namen der Gören sollen übrigens die Stahnsdorfer Kinder bestimmen. „Liebe Gemeindevertreter“, sagte Pall im Bauausschuss, „machen Sie unser Erfolgserlebnis nicht kaputt.“