Windkraft in Werder (Havel) : Werder will seinen Windpark nicht

Es gibt neue Argumente gegen das Windeignungsgebiet 24. Dass sie gehört werden, ist unwahrscheinlich

Henry Klix

Werder (Havel) - Windräder im Wald – das ist offenbar auch für die Investoren von Windfarmen eine ganz neue Erfahrung. Die Firma Prokon aus Itzehoe hat zwar drei oder vier Antragsverfahren für solche Windparks laufen, aber noch nie einen Windpark zwischen Bäumen gebaut, wie es aus dem Unternehmen heißt. Bei der Firma UKA aus Meißen sieht es kaum anders aus: Ein erster Wald-Windpark sei erst in diesem Jahr in Betrieb gegangen, sagt ein Unternehmensvertreter.

Der Windpark, mit dessen Bau die beiden Firmen jetzt im tiefsten märkischen Forst bei Bliesendorf beginnen wollen, ist also Neuland. Für das Windeignungsgebiet mit der Nummer 24 des Regionalplanes Havelland-Fläming haben die Unternehmen beim Landesumweltamt Anträge zum Bau von elf Windrädern gestellt, neun will Prokon und zwei UKA errichten, alle nördlich der A10, zwischen Autobahn und Bliesendorfer Ortslage. Auf der Südseite sollen weitere folgen.

Nabenhöhen von 140 Metern

Um über die Baumwipfel zu kommen, müssen sich die Windräder in beachtlicher Höhe drehen: Von Nabenhöhen von 140 Meter und Rotordurchmessern von 120 Metern ist die Rede. Werders Stadtverordnete werden ihr Einvernehmen dafür wohl nicht erteilen. Eine entsprechende Beschlussempfehlung des Rathauses ist in der jüngsten Bliesendorfer Ortsbeiratssitzung bereits einstimmig angenommen worden, in der Stadtverordnetenversammlung wird das Votum kaum weniger klar ausfallen.

Was Vertreter beider Unternehmen vorigen Donnerstag bei einer Bürgerversammlung in Bliesendorf vorbrachten, hat wohl niemanden zum Umdenken bewegt. Die etwa 60 Veranstaltungsgäste warfen den Firmenvertretern in Zwischenrufen vor, zu lügen und die Anwohner für dumm zu verkaufen, als sie davon sprachen, dass es sich um einen schonenden Eingriff in die Waldlandschaft handele, die Lärmschutzfunktion unangetastet bleibe, dass jeder gefällte Baum ausgeglichen werde, dass zum Rückbau der Windräder Bürgerschaften hinterlegt würden und dass alle geltenden Lärmgrenzwerte mit dem Siedlungsabstand von 1000 Metern eingehalten würden. „Sagen sie Ihren Chefs, dass wir hier keinen Windpark wollen“, hieß es aus den Reihen der Gäste.

Mit Michael Limburg saß auch noch der Vizepräsident des Europäischen Instituts für Klima und Energie im Veranstaltungspodium und referierte einige Minuten darüber, dass Windräder keinen nennenswerten Beitrag zur Energieversorgung liefern würden und wie das eingesparte CO2 beim Emissionshandel woanders wieder verkauft werde. Das Institut stellt sich bei näherer Betrachtung als Verein heraus, es leugnet den Klimawandel und wurde schon von mehreren Seiten des Atom- und Kohlelobbyismus’ bezichtigt.

Über 30 Groß- und eifvogelhorste

Dabei hat die Stadt Werder in ihrer Beschlussvorlage ernsthafte Argumente vorgebracht. Vor allem hinsichtlich des Naturschutzes scheint man sich Hoffnung zu machen, die Pläne noch kippen zu können. Vorhandene Naturschutzgutachten wurden durch neuere Beobachtungen ergänzt, besonders der Bliesendorfer Naturschutzhelfer Karsten Bathe hat noch einige bemerkenswerte Arten ausgemacht, die in bisherigen Untersuchungen zumindest nicht vollständig erfasst waren.

So fand er auf der Südseite des Windeignungsgebietes ein Quartier des Großen Abendseglers. 53 dieser Fledermäuse würden sich im Bereich des Windparks befinden. Auch auf der Nordseite der Autobahn hat er ebenfalls schlaggefährdete Fledermausarten gefunden, neben dem Großen Abendsegler auch die Rauhautfledermaus. Außerdem würden sich mehrere Rotmilan- und Schwarzmilanhorste im Einzugsbereich des Windeignungsgebietes 24 befinden – mehr noch, als in den bisherigen Untersuchungen dokumentiert wurden. Über 30 Fortpflanzungsstätten relevanter Groß- und Greifvogelarten sind inzwischen in einem 3000-Meter-Radius dokumentiert. Dass solche Vögel von hohen Windrädern zerhäckselt werden können, ist unumstritten. Bei Fledermäusen sind auch Turbulenzen ein Thema, die innere Verletzungen auslösen können.

Der Regionalplan hat keine Relevanz

Dennoch wird das Landesumweltamt im Zuge des Genehmigungsverfahrens das fehlende Einvernehmen aus Werder womöglich „ersetzen“, wie es im Fachjargon der Behörden so schön heißt. Es spielt damit keine Rolle mehr. Denn Fakt ist auch: Das WEG 24 ist eines der wenigen, das bei der Diskussion der neuen Windeignungsgebiete durch die Regionalplanung verkleinert wurde. Entlang der Autobahn wurde ein 200 Meter breiter Lärmschutzstreifen gebildet. Und dass negative Umweltauswirkungen bei der Windenergienutzung nicht völlig vermieden werden können, ist bereits Gegenstand der Betrachtung des Regionalplanes.

Derzeit sieht es sogar eher danach aus, dass die Genehmigungspraxis für neue Windparks noch gelockert werden muss. Denn wie berichtet hat der gerade erst veröffentlichte Regionalplan Havelland-Fläming durch den unwirksamen Landesentwicklungsplan für das Potsdamer Verwaltungsgericht keine Relevanz. Die Idee, die baurechtlich privilegierten Windparks auf 24 Eignungsgebiete zu konzentrieren, wäre damit erledigt.

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