Potsdam-Mittelmark : Werders vergessene Höhe

Die Gerlachshöhe lockte einst Touristen aus Berlin an die Havel. Nun sollen ihre Reste gesichert werden

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18.03.2015 21:35

Werder (Havel) - Gemütlich bei Kaffee und Kuchen sitzen und dabei den Ausblick auf vier Seen und malerische Ortschaften genießen: Drei Höhengaststätten warben im Hohen Weg einst um die meist per Bahn aus Berlin angereiste, gut betuchte Kundschaft. Während Friedrichs- und Bismarckhöhe noch heute über der Stadt thronen, kennt kaum ein Werderaner noch die Gerlachshöhe.

Vom einstigen, teilweise aus Holz gebauten Anwesen mit Aussichtsturm steht nur noch rund ein Viertel. Besitzer Eik Mellin ist seit Januar damit beschäftigt, durch Feuchtigkeit marode gewordene Anbauten abzureißen und den Kern des Hauses zu erhalten. „Das undichte Dach werden wir in den kommenden Monaten sanieren, um weitere Feuchtigkeitsschäden zu verhindern“, sagte Mellin den PNN. Schrittweise soll das gesamte Anwesen wieder hergerichtet werden.

Die 1875 erbaute Gerlachshöhe steht seit 1994 leer. Nachdem der Maler und Namensgeber Ferdinand August Gerlach das Grundstück 1874 von der Werderschen Brauerei AG erwarb, errichtete er die Höhe und das dahinterliegende Gerlachshäuschen als Alterssitz für sich und seine Frau. 1889 kaufte es Friederike Kohlschütter, die es erst als Wohnhaus nutzte und 1900 eine Schankerlaubnis erhielt, sodass die Höhe zur Gastwirtschaft wurde. Die Gastwirtschaft hielt sich allerdings nur bis in die 20er-Jahre. „Obwohl es vom Bahnhof aus zwei verschiedene kurze Wege hinauf zur Gerlachshöhe gab, hatte sie wohl stark mit der Konkurrenz von Friedrichs- und Bismarckhöhe zu kämpfen“, so Mellin, der sich als Enkel des Werderaner Obstbauern Adolf Kassin mit der Geschichte der Stadt befasst.

Als Mellin im Jahr 2012 mehrere Artikel zur Gerlachshöhe ins Internet stellte, meldete sich der jüdische Besitzer bei ihm, dessen Vorfahren das Anwesen 1923 gekauft hatten und die 1938 von den Nazis enteignet wurden. Er bekam das Grundstück in den 90er-Jahren rückübertragen. 2013 trafen sich beide und ein Jahr später kaufte Mellin schließlich das Areal inklusive des zweistöckigen Mietshauses, das dort um die Jahrhundertwende herum gebaut wurde.

Drei Wohnungen im Erdgeschoss und eine im Obergeschoss sind derzeit bewohnt, den Rest baut Mellin derzeit als Wohnung für sich, seine Frau und seinen Sohn um. Dabei tauchen allerlei Relikte auf, so steckte unter anderem als Dämmung ein Waschmittelkarton der Marke „Gentina“ vom VEB Persil Werk Genthin im Türrahmen, auch ein Säbel wurde gefunden. Die Artefakte sollen nach der Sanierung des Hauses für alle Bewohner gut sichtbar im Flur ausgestellt werden.

Eine Kuriosität bietet auch der Rest der Gerlachshöhe, der bis 1994 als Wohnhaus genutzt wurde: Hinter der Eingangstür in einer Nische gibt es eine Badewanne, die ähnlich wie ein Schrankbett hochgeklappt werden kann – ein Zeichen für die beengten Verhältnisse des nur etwa vier mal vier Meter kleinen Gebäuderestes. Auch die Hygiene ließ zu wünschen übrig. „Bis zum Schluss gab es ein Plumpsklo vor dem Haus, die Abwässer aus Küche und Badewanne flossen direkt in den Wald hinter dem Grundstück“, so Mellin.

Um alle Gebäude auf dem Anwesen wieder herzurichten, rechnet er mit einer Zeitspanne von bis zu zehn Jahren. „Zunächst muss das Mietshaus fertig saniert werden, danach wird das dahinterliegende Gerlachshäuschen erneuert.“ Im einstigen Alterssitz der Gerlachs soll eine Ferienwohnung entstehen. Erst dann sei die Gerlachshöhe dran. Mellin, Mitinhaber einer Medienproduktionsfirma, will dort sein Büro einrichten.

Direkt unter den alten Mauern liegt ein kleiner Steinkeller, perfekt, um dort Wein zu lagern. „Wir wollen auf dem Grundstück selbst Wein anbauen, den man dort super reifen lassen kann.“ Später, im Alter, so Eik Mellin, könne man auch an einen kompletten Wiederaufbau der Höhe in ihren historischen Ausmaßen gehen. Die Baupläne liegen schließlich im Stadtarchiv. „Dann könnte man hier oben wieder Wein ausschenken, wie zu den besten Zeiten der Gerlachshöhe.“