WERDER : „Die U-Bahn hat Papa gebaut“

Michael Pradel leitet den Bau von Großprojekten in Rotterdam – in Werder ist seine Heimat

Andreas Koska
Leben als Pendler: Seit 2004 arbeitet Michael Pradel in den Niederlanden.
Leben als Pendler: Seit 2004 arbeitet Michael Pradel in den Niederlanden.Foto: pr

Werder/Rotterdamm - „Die U-Bahn hat Papa gebaut.“ Susanne Pradel aus Werder sagt es durchaus mit Stolz zu ihren beiden Söhnen, wenn sie in Richtung der aktuellen Baustelle fahren. Alle zwei Monate besucht sie ihren Mann in Rotterdam. Die beiden Söhne Rune und Tero sind manchmal mit in Holland. Der 38-jährige Werderaner Michael Pradel arbeitet bereits seit 2004 in den Niederlanden und spricht inzwischen perfekt Holländisch. Am Bau der tiefsten U-Bahnstation der Stadt, „Blijdorp“, war er als Bauleiter beteiligt. Jetzt ist er Projektleiter an der größten Baustelle der Niederlande – dem Hochhauskomplex „De Rotterdam“, direkt an den Ufern der Maas.

Der vom Rem Koolhaas entworfene Komplex erinnert den unbefangenen Betrachter an eine große Bauklotzkonstruktion. Er besteht aus drei Hochhaustürmen mit 41 bis 45 Stockwerken, 150 Meter hoch. Hier sollen Wohnungen, ein Hotel und Büroflächen entstehen. Die drei Türme gliedern sich in das sogenannte „Low-Rise“ und das „High-Rise“, wobei der obere Würfel jeweils den unteren überragt. Auf etwa 160 000 Quadratmetern werden 75 000 Kubikmeter Beton, 12 500 Tonnen Bewehrungsstahl und 800 Tonnen Verbundstahl unter Pradels Leitung von der Firma Züblin verbaut. Die Baukosten sollen sich auf 330 Millionen Euro belaufen. Man spricht schon vom Manhattan an der Maas.

Michael Pradel hat an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin studiert, danach bei der Walter Bau AG gearbeitet, 2002 wechselte er zur Firma Züblin. Seit Jahren ist er nun ein Pendler. Montags um 4 Uhr klingelt der Wecker, das Flugzeug in Berlin-Tegel hebt um 6 Uhr ab, zwei Stunden später ist der Ingenieur schon an der Baustelle. Am Freitag geht es wieder zurück. „Eigentlich ist es so nicht schlecht, den Arbeitsalltag streife ich im Flugzeug ab, zu Hause widme ich mich dann ausschließlich der Familie“, sagt Pradel. Wenn er in Berlin arbeiten würde, wäre er selten vor 21 Uhr zu Hause, könnte die Kinder auch kaum sehen und würde den Arbeitsstress wahrscheinlich mit nach Hause bringen, glaubt der Bauleiter aus Leidenschaft.

Eigentlich führt Pradel derzeit zwei Leben, in Rotterdam wohnt er mit seinem Polier auf einem Hausboot – er ist auch schon mal mit einem Boot zur Arbeit gefahren. In Werder hat die junge Familie erst vor Kurzem ihr Eigenheim errichtet, direkt unter der Bismarckhöhe mit Blick über Werder bis zur Havel. „Zuerst wohnten wir in einer Doppelhaushälfte, haben lange nach einem geeigneten Grundstück gesucht“, berichtet Pradel. Wie so häufig half der Zufall. Bekannte eines Skatfreundes hatten das Areal geerbt, Pradel bemühte sich drei Jahre lang, bis es dann zum Kauf kam. Ausdauer und zielgerichtetes Wirken sind seine Stärken. Das hat er auch als Leistungssportler gelernt. Pradel gehörte der letzten DDR-Juniorennationalmannschaft der Ruderer an und der ersten Gesamtdeutschlands. Er war bei der Junioren-WM dabei und zweimal deutscher Meister.

Die Pradels sind Skandinavienfans, verbringen den Urlaub in Norwegen, Schweden und Finnland. Die Namen der Jungs deuten darauf hin, ein norwegischer Fußballer und ein finnischer Speerwerfer waren Vorbild. Die Sommerwochenenden genießt Michael Pradel derzeit mit Frau und Kindern im Garten des Werderaner Grundstücks. „Wenn man ein Gebäude mit architektonischem Anspruch verwirklicht, kann man mit Recht stolz sein“, sagt er, blickt dabei auf sein fertiges Eigenheim und denkt gleichzeitig an die Großbaustelle an der Maas, auf der im nächsten Jahr die Arbeit vollendet sein soll. „Nur deshalb nehme ich die Reisetätigkeit auf mich“, sagt Michael Pradel. Andreas Koska