Potsdam-Mittelmark : Wenn „Minutos“ den Euro ersetzen

In Wilhelmshorst wird jetzt mit Zeitgutscheinen bezahlt. Das soll helfen, den Euro-Crash zu überstehen

Thomas Lähns
Der Euro in der Krise. Während Globalisierungskritiker in Frankfurt/Main auf die Straße gehen, werden in Wilhelmshorst Alternativen entwickelt.
Der Euro in der Krise. Während Globalisierungskritiker in Frankfurt/Main auf die Straße gehen, werden in Wilhelmshorst...Foto: JuergenLoesel

Michendorf - Sie haben die Nase voll von Euro-Inflation, Finanzmarktkrise und Ellenbogengesellschaft: In Wilhelmshorst hat sich jetzt eine Gruppe Kapitalismuserschöpfter gefunden, die künftig auf sogenannte „Minuto Zeitgutscheine“ als Zahlungsmittel setzen wollen. Das Prinzip: Wer von jemandem etwas bekommt – sei es Dienstleistung oder Ware – stellt dafür einen unterschriebenen und gestempelten Gutschein aus. Dieser kann dann später bei ihm oder einem Dritten für etwas anderes eingetauscht werden. So wird Zeit zu tauschbarer Ware – und damit zur krisenfesten Währung: Ein „Minuto“ entspricht in der Regel einer Minute Arbeit.

„Wir stellen uns vor, dass es eine gute Alternative zum Euro ist“, sagt Michael Gauß. „Und es fördert die Nachbarschaftshilfe“, setzt er hinzu. Der Inhaber des Begegnungszentrums „Oekogekko“ hat die Wilhelmshorster Währungsreform vor zwei Wochen ins Rollen gebracht. Immerhin zwölf Leute waren zu einem ersten Treffen gekommen, der Kreis soll stetig wachsen, sagt Gauß. Schon jetzt seien Freunde aus Berlin dabei, die das Minuto-Rezept bis in die Hauptstadt tragen wollen. Der Gedanke an sich ist in Michendorf nicht neu: Bereits seit drei Jahren gibt es einen Tauschkreis, und auch hier werden Leistungen wie Kuchenbacken, Babysitten, Zaun streichen oder was immer den Fähigkeiten des Einzelnen entspricht, gehandelt. Damit es dabei fair bleibt, werden sogenannte „Michel“ – eine imaginäre Währung – auf einem Punktekonto gutgeschrieben. Das jedoch muss zentral verwaltet werden – und hier liegt der Unterschied zum „Minuto“.

Denn die Zeitgutscheine im Wert von einem bis 120 Minutos kann sich jeder am heimischen PC selbst ausdrucken. Er muss nur darauf unterschreiben, einen Stempel mit Adresse darauf drücken und noch einen Bürgen finden, der im Notfall einspringt. „Dieser Weg ist wahrhaft dezentral“, sagt Konstantin Kirsch, der die Minuto-Gutscheine erfunden hat. Zwar haben in den vergangenen Jahren Regionalwährungen einen Boom erlebt – im Fläming kann man mit dem „Steintaler“ zahlen, im Raum Potsdam mit der „Havelblüte“ – doch werde dieses Geld wie der Euro zentral geschöpft, zentral kontrolliert und zentral verwaltet. „Der Minuto ist da ein Stück weit anarchistischer“, erklärt sein Erfinder.

Kirsch ist Mitbegründer der gemeinnützigen „Stiftung für öffentliche Gesundheit und Naturschutz“ in der hessischen Gemeinde Bauhaus, und er pflegt ein Zukunftsbild, dass so manchen Banker schlecht schlafen ließe. Denn der Euro steht in seinen Augen kurz vor dem Aus: Zu stark sei das „über Jahrhunderte gewachsene patriarchalische Geldsystem“ in den letzten fünf Jahren ins Wanken geraten. Wenn es zum Crash kommt, sagt Kirsch, könne man nur noch auf das Tausch-Prinzip zurückgreifen. Dann aber würden vor allem jene ins Hintertreffen geraten, die ihr Geld bislang vor dem Computer verdient haben und zu körperlicher Arbeit kaum noch fähig seien.

Schon jetzt könne mit den Zeitgutscheinen Abhilfe geschaffen werden. Denn findet sich ein Kreis von Tauschfreudigen, muss sich jeder Gedanken darüber machen, was er eigentlich sonst noch kann. „Man wird angeregt, selbstverantwortlich zu handeln – und lernt, was einem Spaß macht“, sagt er. Kirsch nennt ein Beispiel aus Franken: Dort hatte ein Minuto-Teilnehmer ein gebrauchtes Auto von einem Nachbarn gekauft. Weil er die 2000 Euro nicht in bar hatte, stellte er 4000 Minutos aus – und verpflichtete sich damit zu 66,6 Stunden Arbeit. Der Verkäufer betreibt einen Bauernhof, und so wurde der Wagen bei der Kartoffelernte oder beim Ausmisten abbezahlt.

Wie viele Tauschgruppen es mittlerweile gibt, könne er selbst gar nicht mehr überblicken, sagt Konstantin Kirsch. Er wolle mit seiner Idee nur „Hilfe zur Selbsthilfe“ geben, sagt er. Und die ist in Wilhelmshorst auf fruchtbaren Boden gefallen. Die Gruppe um Michael Gauß ist nicht nur für alternative Zahlungsformen offen, sondern steht auch alternativen Lebensweisen aufgeschlossen gegenüber. Gesunde Ernährung, ökologische Bauweise und generell der Einklang mit der Schöpfung prägen die „Oekogekko“-Philosophie. Dementsprechend sei der Minuto auch keine radikale Kampfansage an den Finanzmarkt-Kapitalismus.

Die hält auch Konstantin Kirsch für zu ambitioniert. „Einen so großen Dinosaurier zu bekämpfen, ist wohl sinnlos“, sagt er. Und ergänzt: „Man kann ihn ja langsam verhungern lassen.“

Am 11. November lädt das Begegnungszentrum Oekogekko,  Straße An den Bergen 106, zur „Minuto-Regionalgeld Wohlstandsparty“. Beginn: 19 Uhr.