Potsdam-Mittelmark : Wenn die Mutter ausflippt

Die Neuen Kammerspiele bringen die Märchenoper „Hänsel & Gretel“ auf die Bühne – ganz modern

E. Schmid
Achtung, bissig. Familienalltag mit Pubertierenden kann anstrengend sein.
Achtung, bissig. Familienalltag mit Pubertierenden kann anstrengend sein.Foto: A. Klaer

Kleinmachnow - Hänsel ist ein Sprayer, Gretel ist eine Tussi. Gemeinsam bringen sie ihre Mutter zur Weißglut, die zur Hexe mutiert. In den Kleinmachnower Neuen Kammerspielen wird die Märchenoper von Humperdinck am kommenden Wochenende auf modern getrimmt. Ein Familiendrama, das am Ende gut ausgeht. Davor fliegen aber die Fetzen.

„Mich hat besonders die Rolle der Mutter an der Geschichte interessiert“, sagt Regisseurin Enke Eisenberg. Die Mutter ist gereizt, überlastet von ihren pubertierenden Kinder, der Vater verwandelt sie kurzerhand in eine Hexe. Ob absichtlich oder aus Versehen – das bleibt offen. Der Schockeffekt macht Eindruck auf die Kinder: Mit Gurken auf den Augen und Lumpen am Leib wird die Mutter zu einem gruseligen Weib. Sie schnüffelt an den Kindern, will sie essen.

Ihre eigenen Kinder erkennen sie nicht wieder. „Im Original sind die kleinen Kinder die Opfer“, so die Regisseurin. In der Version der aus Hannover stammenden Künstlerin ist alles nicht mehr so schwarz-weiß, die böse Hexe kann auch mal eine genervte Mutter sein, die Kinder sind nicht nur Opfer. „Hinter der surrealen Hexen-Story steckt die Botschaft: Wer Wind sät, wird Sturm ernten“, so Eisenberg. Und ja, auch Eltern können gemein sein und sich wehren, wenn die Kinder ständig provozieren.

Es ist die erste Kinderoper in den Neuen Kammerspielen. Oper und Operette vor der Kinoleinwand, das erproben die Kammerspiele bereits seit zwei Jahren. Mit Stücken von Strauss, Verdi und Wagner – Kammeroper nennt sich die Reihe. Im nächsten Jahr soll es eine Fassung der Carmen-Oper geben, kündigt die künstlerische Leiterin Ilona Nymoen an. Sie ist im Vorstand der Kulturgenossenschaft. „Wir haben hier einen tollen Saal mit einer guten Akustik und einer neun Meter tiefen Bühne“, so Nymoen. Die Kinoleinwand könne bei Bedarf zusammengerollt werden. Bei „Hänsel und Gretel“ wird sie als Bühnenbild genutzt.

Begleitet werden die vier professionellen Solisten auf der Bühne von einem kleinen Orchester, das in einer Ecke des Zuschauerraumes unter anderem mit Flöte, Klarinette, Saxofon und Geige das Treiben der wilden Familie in Szene setzt. Schön sind auch die im höchsten Sopran gesungenen Töne der Mutter, wenn sie sich schüttelt vor Ärger.

Dass Kammeroper funktioniere, beweise das Interesse der Kleinmachnower an der Veranstaltungsreihe. Ilona Nymoen, die bei „Hänsel und Gretel“ die Mutter spielt, stellt für die Opern und Operetten wechselnde Projektgruppen zusammen. Hochkarätige Musiker würde sie verpflichten, auch wenn die finanziellen Möglichkeiten minimal seien. „Um Kosten zu sparen, war bisher nur Klavierbegleitung möglich.“ Zum ersten Mal könne man sich nun ein kleines Orchester leisten. Die moderne Inszenierung solle vor allem das junge Publikum ansprechen – man wolle weg vom eingestaubten Image der Oper. Und am Ende des Stückes, so verspricht die Regisseurin, könnten Kinder womöglich ihre Eltern mit anderen Augen sehen. Sie würden lernen, sie zu verstehen. E. Schmid

„Hänsel und Gretel“ feiert am Freitag, dem 4. Dezember, um 16 Uhr Premiere. Weitere Termine am 5. und 6. Dezember. Die Karten kosten 18, ermäßigt 12 Euro.

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