Wenn der Strom wegbleibt : Selbsthilfe beim Mega-Blackout

Die Gemeinde Schwielowsee spielt den Fall eines mehrtägigen Stromausfalls in allen Einzelheiten durch. Sie ist die erste Gemeinde des Landkreises, die Konsequenzen aus einer neuen Risikoanalyse zieht.

Henry Klix
Foto: Franziska Koark

Schwielowsee - Ein kalter Januarmorgen in Caputh. Vor dem Haupteingang der Schule hat sich eine Schlange gebildet. Die Leute sehen durchgefroren und verwahrlost aus. Ein älterer Mann mit aufgeschlagener Stirn schleicht an der Schlange vorbei. Andere kommen mit Essensbeuteln heraus. Seit Tagen gibt es keinen Strom, das öffentliche Leben ist zusammengebrochen. Heizen können nur noch Leute mit Kaminöfen und Holzvorräten. Wer eine Speisekammer hat, ist klar im Vorteil. Im Schulhaus hat die Gemeinde ein Versorgungszentrum für Notleidende eingerichtet.

Die Szene ist frei erfunden, nicht aber das Szenario. Das Rathaus Schwielowsee bereitet sich mit einem Sonderplan auf einen langanhaltenden Blackout vor, andere Gemeinden im Landkreis werden demnächst wohl folgen. Hintergrund ist eine Initiative, die das Landratsamt schon vor anderthalb Jahren gestartet hat: Es geht darum, die bisherigen Notfallpläne, die für örtliche Gefahrenlagen wie Massenunfälle, Großbrände oder Überschwemmungen geschrieben wurden, um den Fall eines flächendeckenden, mehrtägigen Stromausfalls zu ergänzen.

Katastrophenschützer warnen seit Jahren vor großem Blackout

Regenerative Energien liefern keinen konstanten Strom, das deutsche Stromnetz ist deshalb in den vergangenen Jahren labiler geworden. Und damit auch die Gefahr eines langanhaltenden Stromausfalls, wie Katastrophenschützer seit Jahren warnen. Es dauere sechs Tage plus X, die Stromversorgung nach einem europaweiten Crash wieder zu stabilisieren, sagt Stephan Boy – mit massiven Folgen für die öffentliche Daseinsfürsorge, für die Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung oder Mobilität. „Mit den bisherigen Strategien zur Gefahrenabwehr wird sich das nicht händeln lassen“, so Boy.

Sein Berliner „Kompetenzzentrum Kritische Infrastruktur“ in Berlin hat für alle Kommunen des Landkreises deshalb eine Risikoanalyse erstellt. Schon im Oktober wurde sie vorgestellt, jetzt ist es an den Kommunen, Konsequenzen zu ziehen. Schwielowsee sei die Gemeinde, die am ernsthaftesten mit den Risiken eines Blackouts umgeht, sagt Boy. In anderen Landkreisen sei das Thema, zu dem auch das Land den Kommunen empfiehlt, dringend tätig zu werden, angesichts der mit der Flüchtlingskrise verbundenen Aufgaben derweil aus dem Blickfeld geraten.

Schwielowsees Bürgermeisterin Kerstin Hoppe (CDU) geht davon aus, dass man bis zum Sommer bestehende Notfallpläne der Gemeinde soweit ergänzt hat, dass Rathausmitarbeiter, Feuerwehren und Partner wissen, was im Ernstfall zu tun ist, dass noch benötigte Gerätschaften bereitstehen.

Feuerwehr soll zu Beratungen hinzugezogen werden

Unlängst gab es erste Informationsrunden für die drei Ortsbeiräte der Gemeinde, jetzt sollen die Feuerwehren zu den Beratungen hinzugezogen werden. Laut Hoppe soll dann bei einer Übung für die Helfer theoretisch durchgespielt werden, wie sich Schwielowsee bei einem Blackout halbwegs selber helfen kann. Wichtig sei auch, die Bevölkerung für eine solche Gefahrenlage zu sensibilisieren. „Zum Beispiel ist die inzwischen etwas belächelte Vorratshaltung ja doch nicht so schlecht“, sagt Hoppe.

Sogenannte kritische Einrichtungen seien bereits unter die Lupe genommen worden: Der Caputher Rewe mit seinen vollen Regalen etwa, die Firma Richter Recycling mit ihrer Tankstelle und den Schwermaschinen, die Caputher Apotheke und das Fercher Seniorenheim, in dem sich besonders viele Hilfsbedürftige aufhalten. Die Caputher Schule mit Turnhalle würde zum Versorgungszentrum werden, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten, eine Adresse für Notfälle zu haben, einen Anliefer- und Verteilort für Lebensmittel, eine Koordinierungsstelle für Helfer und eine Notunterkunft für hilflose Personen.

Die Folgen durch Vorbereitung abmildern

Das Konzept dafür soll in den nächsten Monaten weiter verfeinert werden. Ebenso soll die Organisation eines Hilfestabes, sollen Meldeketten und Partnerschaften mit Unternehmen bis ins Detail geklärt werden, soll der zusätzliche Technik- und Schulungsbedarf ermittelt und gedeckt werden. Laut Hoppe sind die finanziellen Investitionen überschaubar.

„Wenn man wie Schwielowsee ein paar Dinge berücksichtigt und die Bürger darauf vorbereitet, kann man die Folgen eines Blackouts erheblich abmildern“, sagt Katastrophenexperte Boy. Bisweilen gehe es um Dinge, die wenig kosten, wie Notfallpläne in gedruckter Form oder ein Überblick über private Heizölkessel, um Dieselvorräte für zentrale Wärmstellen und Katastrophenschutzfahrzeuge auffüllen zu können. „Die Ölheizungen“, sagt Boy, „gehen ohne Strom ja ohnehin nicht mehr.“