Vorstoß für bessere Kitas : Werder will Erzieherausbildung zahlen

Die Stadt Werder beschreitet testweise einen neuen Weg, um trotz Fachkräftemangels Personal für eigene Kitas zu sichern

Viel zu tun. Erzieher sind in den Kitas jetzt schon stark gefordert, da es hohe Krankenstände und auch unbesetzte Stellen gibt. Damit zusätzliche Auszubildende nicht auch noch als Fachkräfte angerechnet werden, will Werder sie selbst bezahlen.
Viel zu tun. Erzieher sind in den Kitas jetzt schon stark gefordert, da es hohe Krankenstände und auch unbesetzte Stellen gibt....Foto: Georg Wendt/dpa

Werder (Havel) - Die Stadt Werder (Havel) will künftig neue Wege gehen, um dem Erziehermangel in ihren Kitas entgegenzutreten: Von 2019 an soll die Stadt testweise die berufsbegleitende Ausbildung von Erziehern bezahlen. Das wird voraussichtlich in einem parteiübergreifenden Antrag in der Stadtverordnetenversammlung am 17. Mai beschlossen. Etwa 600 000 Euro will die Stadt investieren, um bis 2023 zehn Erzieher auszubilden.

Vorausgegangen war dem ein Antrag der SPD-Fraktion, demzufolge die Stadt es Erwachsenen mit abgeschlossener anderweitiger Berufsausbildung ermöglichen sollte, sich in Vollzeit an einer städtischen Kita qualifizieren zu lassen und deren Schulgeld zu übernehmen. Kita-Erzieher müssen ihre schulische Ausbildung in Brandenburg derzeit noch aus eigener Tasche finanzieren. „Der Antrag der SPD hätte jedoch zur Folge, dass die Auszubildenden voll auf den Personalschlüssel der Kita angerechnet würden“, sagte Werders 1. Beigeordneter Christian Große (CDU) am Mittwochabend im Bauausschuss der Stadt. In den Einrichtungen würden die vorhandenen Erzieher so zusätzlich belastet, da die Auszubildenden wie ein qualifizierter Erzieher auf den Personalschlüssel angerechnet würden, es so also weniger ausgebildetes Personal für die Kinder geben würde. Die Verwaltung hat daher vorgeschlagen, die Erzieher komplett selbst zu bezahlen. Fünf Kitas sollen im September 2019 je einen berufsbegleitend auszubildenden Erzieher übernehmen, im September 2020 kommen weitere fünf hinzu.

„Auf diese Weise werden die Auszubildenden nicht auf den Schlüssel angerechnet. Wir wollen sie nach der Ausbildung dann auch in Werder halten“, so Große. Wahrscheinlich könnte auch die theoretische Ausbildung der Erzieher im Werder stattfinden, am dortigen Oberstufenzentrum.

Testweise werden zehn Erzieher ausgebildet und mit 1184 Euro brutto für 20 Stunden bezahlt

Die Auszubildenden werden dem 1. Beigeordneten zufolge für 20 Stunden in den Kitas von der Stadt bezahlt und verdienen dabei 1184 Euro brutto. „In den anderen 20 Stunden erfolgt die Ausbildung. Von ihrem Gehalt müssen die Quereinsteiger ihr Schulgeld begleichen, das nach unseren Kenntnissen unter 100 Euro pro Monat liegt“, so Große. Dazu kommen für die Stadt noch die Kosten für die Qualifizierung der Ausbilder. Die CDU-Fraktion hat die Vorschläge der Stadtverwaltung in einem Änderungsantrag zum SPD-Vorschlag übernommen.

„Die Berufsausbildung ist zwar nicht Sache der Stadt. Da das Land und der Kreis aber nicht das leisten, was sie müssten, müssen wir hier einspringen“, sagt der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Peter Kreilinger. Auch Linke-Fraktionsmitglied Gunter Schinke betonte, dass alle Fraktionen das Ziel von mehr qualifizierten Erziehern unterstützen und einem gemeinsamen Antrag zustimmen werden. Die SPD-Fraktionsvorsitzende Anja Spiegel zeigte sich gegenüber den PNN einerseits erfreut, dass das Ziel des SPD-Antrages nun wohl erreicht werde. Die Genese sei jedoch mehr als fraglich: „Im Sozialausschuss haben wir noch beschlossen, die Vorschläge der Verwaltung als Anlage an den SPD-Antrag zu hängen und dann zur Abstimmung zu stellen.“ Die CDU-Fraktion könne aber anscheinend keiner Vorlage zustimmen, die nicht auch von ihr stamme. Wenn nun wie im Bauausschuss angeregt ein parteiübergreifender neuer Antrag entstehen soll, werde aber auch sie dem zustimmen.

Obwohl die neuen Stellen erst ab September 2019 entstehen sollen, wird schon jetzt darüber abgestimmt, da im Mai auch der Doppelhaushalt der Stadt für 2018/19 beschlossen werden soll. Allein im Jahr 2019 entstehen der Stadt Mehrkosten von knapp 33 000 Euro. Am höchsten wird die Belastung mit 200 000 Euro im Jahr 2020, wenn alle zehn vorgesehenen Ausbildungsstellen parallel bestehen.

„Chapeau für Werder! Da können sich andere Kommunen eine Scheibe abschneiden“

Danilo Fischbach, Bundeselternsprecher für Kinder in der Kindertagespflege, begrüßte den Vorstoß gegenüber den PNN. Deutschlandweit würden etwa 200 000 Erzieher fehlen, der Ansatz der Blütenstadt sei „ein großartiges Zeichen“. „Wenn das so beschlossen wird, kann man nur sagen: Chapeau für Werder! Da können sich andere Kommunen eine Scheibe abschneiden.“ Er selbst kenne ein ähnliches Finanzierungsmodell bisher nur aus der Stadt Königs Wusterhausen (Dahme-Spreewald).

Auch der Kreisverwaltung und dem Städte- und Gemeindebund sind sonst keine Kommunen bekannt, die die Ausbildung der Kita-Erzieher bezahlen. „Wir haben in den Tarifverhandlungen in dieser Woche durchgesetzt, dass auch Erzieher künftig im dualen System ausgebildet werden können, ähnlich wie in den Pflegeberufen“, so der Präsident des Gemeindebundes, Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). In seiner Stadt selbst habe man noch nicht über eine eigene Ausbildungsfinanzierung nachgedacht. „Es wird sicher unterschiedliche Modelle geben, dem Fachkräftemangel zu begegnen“, so Jakobs gegenüber den PNN.

In Teltow, einer in Bezug auf Größe und Kinderzahl Werder ähnlichen Stadt, werden die Ausbildungskosten nicht von der Verwaltung übernommen. Allerdings denkt diese darüber nach, das Schulgeld für die Auszubildenden zu bezahlen. „Wir haben aber noch eine hohe Anzahl an Bewerbern auf freie Erzieherstellen, was vielleicht an der Nähe zu Berlin liegt“, so Pressesprecher Jürgen Stich.

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Hintergrund: Werders Kitas

Die Stadt Werder (Havel) betreibt derzeit neun eigene Kindertagesstätten mit insgesamt 1172 Plätzen. Dazu kommen mehrere Einrichtungen von privaten Trägern wie der Hoffbauer-Stiftung oder der Arbeiterwohlfahrt. Trotzdem haben der Stadt im November 2017 noch 200 Betreuungsplätze gefehlt – obwohl erst im Oktober eine neue Kita mit 100 Plätzen in der Adolf-Damaschke-Straße in Betrieb genommen wurde. Die Stadt plant daher zwei weitere Neubauten: Noch im zweiten Halbjahr 2018 soll eine Einrichtung mit 100 Plätzen in der Poststraße zwischen Glindow und Bliesendorf in Betrieb gehen, der Bauantrag für das Haus in Modulweise wird derzeit bearbeitet. 2019 soll eine Kita mit 120 Plätzen in der Innenstadt folgen.