Von Thomas Lähns : Geschichtsunterricht auf Rädern

Historischer Planwagentreck „Titanen on Tour“ erreichte gestern Beelitz und geht nun in den Endspurt

Thomas Lähns

Beelitz - Es geht nur langsam voran auf dem Weg von Klaistow nach Fichtenwalde. Von der Polizei eskortiert und mit mehr als einem Dutzend Autos im Schlepptau schiebt sich der „Treck der Titanen“ durch die Landschaft. Niemand in der Fahrzeugschlange dahinter hupt genervt, weil er vorbei will, alle passen sich dem Schritttempo an. Sogar der Gegenverkehr bremst ab, um sich die großen Kaltblutpferde und die fünf Planwagen genauer zu betrachten. Am Straßenrand tauchen immer wieder Menschen auf, die einen Fotoapparat oder ein Handy zücken oder einfach winken.

Gestern ist der historische Planwagentreck „Titanen on Tour“ in der Spargelstadt Beelitz angekommen und hat damit den letzten Abschnitt seiner Route erreicht. Mit der Fahrt vom belgischen Brügge ins märkische Brück soll an die Besiedelung des Flämings vor 850 Jahren erinnert werden. Organisiert wird das Spektakel vom „Kaltblut Pferdezucht und -sportverein Brück“, zahlreiche Kommunen und Tourismusverbände beteiligen sich an diesem Geschichtsunterricht auf Rädern. Albrecht der Bär hatte 1159 Flamen, Holländer und Seeländer zur Besiedelung der Mark aufgerufen. Der Name einer ganzen Region kündet noch heute davon – „Fläming“. Am 2. Mai waren insgesamt zehn Planwagen in Brügge gestartet, ein Großteil der Strecke haben sie mittlerweile zurückgelegt. In Magdeburg hat sich der Treck geteilt, die nördliche Route führte über Brandenburg, Lehnin und Beelitz, die südliche über Wittenberg. Am 27. Juni treffen sich die beiden Gruppen in Brück. Dort startet dann das Kaltblutrennen „Titanen der Rennbahn“.

Silvia Nöbel ist noch ganz ergriffen von ihren Reiseerlebnissen. Die Flämingkönigin des Jahres 2001 steht neben einem der Wagen auf dem Spargelhof Buschmann & Winkelmann kurz vor der Abfahrt von Klaistow nach Fichtenwalde. Sie ist historisch gewandet und wohl auch deshalb erster Anlaufpunkt für fragende Besucher. „Man vergisst Zeit und Raum“, berichtet sie über ihre Eindrücke. Wenn neue Mitreisende dazu gekommen sind – kaum jemand fährt aus Zeitgründen die ganze Strecke mit – habe man sie immer erst fragen müssen, welcher Tag gerade sei. Uhren und Kalender seien auch gar nicht nötig gewesen, weil die Tour von den Organisatoren bis ins Detail geplant sei. Bislang habe man auf jeder Etappe im Zeitrahmen gelegen.

Auch Thorsten Wenzel aus Dallgow schwärmt: „Es ist ein Abenteuer. Nie wussten wir so richtig: Wo sind wir heute, wohin fahren wir morgen.“ Die Resonanz auf den Treck sei überwältigend – sogar bei Autofahrern. „Manche haben uns viermal überholt, nur um uns nochmal zu sehen“, setzt Juliana Eggers aus Gransee hinzu. Die beiden Pferdefreunde haben sich extra Urlaub genommen für die Tour. Eggers hat ihre eigene Kaltblüterstute „Dodo“ dabei.

Für die Reisenden waren es trotzdem auch entbehrungsreiche Wochen: Weder Fernseher noch Radio gab es an Bord der Wagen, Neuigkeiten erfuhren sie von den Leuten, denen sie unterwegs begegnet sind. Dabei habe sich gezeigt: „Je kleiner das Dorf, umso größer die Anteilnahme“, bringt es Silvia Nöbel auf einen Nenner. Man merke einfach, wo früher mit Pferden gearbeitet wurde.

Auch beim Eintreffen in Fichtenwalde sammeln sich die Menschen am Straßenrand. Auf dem Markplatz wird kurz Rast gemacht, bevor es weitergeht in die Spargelstadt. Kinder aus der Grundschule drängen sich, um die großen Pferde um sie zu streicheln. Einige von ihnen dürfen auf der nächsten Etappe mitfahren – und sich damit selbst auf die Spuren der ersten Siedler im Fläming begeben.