Von Henry Klix : Pektin und Erholung

In Werder wird geprüft, wie sich Herbstreith & Fox mit Havelcamp verträgt

Henry Klix

Werder (Havel) - Auf der einen Straßenseite das Havelcamp, auf der anderen Herbstreith & Fox – wird sich die geplante Herberge des Diakonischen Werks an der L 90 mit der traditionsreichen Pektinfabrik vertragen? Die Frage soll in zwei Bebauungsplanverfahren beantwortet werden. Es soll auch darum gehen, wie sich eine der wichtigsten Industriebetriebe der Stadt zu benachbarten Wohngebieten, den Havelauen und vor allem zur Kolonie Zern, verhält. Zwar genießen die Industrieanlagen an der Phöbener Chaussee Bestandsschutz. Herbstreith & Fox will aber wachsen. Um konkurrenzfähig zu bleiben, müsse auf einer Freifläche im Norden des Betriebsgeländes eine Obsttrester-Trocknungsanlage gebaut werden. Außerdem denkt man über ein Geothermie-Kraftwerk nach, wie es aus der Unternehmensspitze heißt. Mit einem Bebauungsplanverfahren wolle man den Standort und seine Fortentwicklung sichern. Das Havelcamp werde als „Drohkulisse gegen das Werk“ verstanden.

Herbstreith & Fox gehört zu den größten Pektinherstellern der Welt und beschäftigt in Werder 150 Menschen, im Stammsitz in Neuenbürg (Baden-Württemberg) sind es weitere 250. Für den Vorsitzenden des Werderaner Bauausschusses, Wolfgang Gäding (CDU), steht außer Frage, dass der Standort Werder erhalten werden muss. Am Mittwochabend brachte der Ausschuss ein Bebauungsplanverfahren für die Fabrik auf den Weg. Ein solches Verfahren für das Havelcamp läuft bereits – in einem alten Erntehelferlager soll eine Familienherberge mit 100 Gästebetten entstehen. „Wir wollen beides, aber im Zweifel hat Herbstreith & Fox Priorität“, betonte Gäding.

Das beauftragte Potsdamer Planungsbüro PAN sieht Chancen, beide Projekte umsetzen, zumal das Havelcamp fast 500 Meter entfernt wäre. Eine abschließende Prognose wollte PAN-Geschäftsführer Hans-Jürgen Hinrichsen aber nicht abgeben. „Im Zweifel können die Stadtverordneten ein Bebauungsplanverfahren natürlich abbrechen.“ Soweit es Einwände gegen Herbstreith & Fox von Bewohnern der Kolonie Zern gibt, sei zu klären, wer in der Bungalowsiedlung überhaupt Wohnrecht hat. „Nur wer dort baugenehmigt wohnt, hat auch einen Schutzanspruch“, betonte Hinrichsen. Im Flächennutzungsplan handele es sich bei der Kolonie um „Bestandswohnen auf der Grünfläche“. Währenddessen ist das Pektinwerk als gewerbliche Baufläche fixiert. Nach Rathausangaben verweigern Kolonie-Bewohner derzeit den Flächenverkauf für einen neuen Radweg – offenbar, um den Druck auf die Stadtverordneten zu erhöhen. Es ist einer der Gründe, warum mit dem Lückenschluss des Radwegs Werder-Phöben noch nicht begonnen werden konnte.

Der Kemnitzer Ortsvorsteher Joachim Thiele sprach sich dafür aus, die Pektinfabrik nicht an der Straßenflanke, sondern nach hinten in den westlichen Wald zu erweitern. Auch der SPD-Stadtverordnete Joachim Lindicke sieht die Industrieerweiterung an der Straße kritisch: „Schon jetzt klagen Bewohner der Kolonie Zern und der Havelauen über Krach und Geruchsbelästigung.“ Im Bauausschuss wurde gekontert, dass das Wohnumfeld der Kolonie Zern mit Autobahn und Klärwerk ohnehin „unerträglich“ sei. Planer Hinrichsen stellte klar, dass die Bemühungen von Herbstreith & Fox, die Waldflächen zu erwerben, erfolglos blieben. „Man kann nicht warten, bis der Waldbesitzer verkaufsbereit ist.“

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