Von Henry Klix : Kleiner Spiegel der Geschichte Neue Ausstellung

des Heimatvereins über Petzow im Waschhaus

Henry Klix
Im Liegestuhl vor dem Schloss Petzow: Ausstellungsfoto von 1968. Repro: hkx
Im Liegestuhl vor dem Schloss Petzow: Ausstellungsfoto von 1968. Repro: hkx

Werder (Havel) - 131 Sack Roggen, 32 Sack Gerste – die komplette Ernte hat Adda von Kaehne am 31. Juli 1945 den Rotarmisten geschenkt – als Dank „für die Mithilfe bei der Einbringung“, wie es in einer bitteren Urkunde heißt. Einen Monat später war das Gut beschlagnahmt. Gutsherr Carl von Kahne sei „unbekannten Aufenthalts“, ist im Bescheid des Werderaner Magistrats zu lesen. Die Dokumente aus der Nachkriegszeit sind in einer neuen Schau des Heimatvereins im Waschhaus des Petzower Parks ausgestellt, die gestern eröffnet wurde. Die kleine Ausstellung blättert sich mit historischen Requisiten, Fotos, Dokumenten und Schautafeln durch die Geschichte des von den Kaehnes geprägten Ortes.

Carl I. von Kaehne (1775-1857) hatte, mit Schinkel, Stüler und Lenné an der Seite, die Schaffung des in sich geschlossenen Ortsensembles einst vollendet. Die Ausstellung bleibt aber nicht an den Gutsherren kleben: Originalturmspitzen der Ecktürme der Petzower Kirche sind ebenso zu sehen wie eine Kopie der Carl-Friedrich-Zelter-Tafel, die mal am Petzower Geburtshaus des berühmten Musikpädagogen (1758 bis 1832) hing.

Und auch andere Künstler beehrten das Dorf: Im DDR-Schrifstellerheim am Schwielowsee, der Villa Berglas, gingen Autoren wie Arnold Zweig, Maxi Wander oder Christa Wolf ein und aus. Mancher von ihnen zog kapitale Hechte aus dem See. Die Villa wurde nach der Wende an Nachfahren ihres jüdischen Eigners Alfred Berglas rückübertragen.

Die Ersterwähnung von „Pessöw“ 1419, die Geschichte der Ziegeleien und die Entstehung des Ortswappens vor zwei Jahren werden in der Ausstellung dokumentiert. Auch der DDR-Geschichte wird Raum gegeben. So erfährt man, auch Dank der Recherchen von Heimatvereinschef Karl-Heinz Friedrich, dass Petzow 1958 das erste zwangskollektivierte Dorf der DDR war. Bis 1990 prägte die Landwirtschaft den Ort – mit Viehmastanlagen und Großflächen für den Obstanbau. Das Schloss ging schon 1946 an den „Freien Deutschen Gewerkschaftsbund“, der hier bis zur Wende ein Schulungs- und Erholungsheim betrieb. Anfang der 1950er Jahre wurde ein Bettentrakt angebaut. Ein Foto von Feriengästen auf dem Liegestuhl erzählt von der Atmosphäre, die in den 60er Jahren vor der Tudor-Fassade herrschte.

Petzow war auf die eine oder andere Art immer auch ein kleiner Spiegel der Geschichte: Zur Märzrevolte 1847 hatten Leiharbeiter Jagd und Holzung verwüstet. Seitdem waren die Gutsherren offenbar empfindlich gegen alle Störungen geworden: Carl III. saß wegen Schießereien vor dem Gericht. Sein Sohn Carl IV. soll schon 1913 zwei Pilze sammelnde Buben im Jagdrevier hinterher geschossen haben. Auf sein Konto geht wohl auch der Tod des Flugzeugingenieurs Alfred Mehlhammer.

Die Ausstellung klärt über die Hintergründe des nebulösen Mordes auf: Mehlhammer, der wegen seiner Untergrundarbeit gegen Hitler gerade einen einjährigen KZ-Aufenthalt hinter sich hatte, angelte mit einer Genehmigung des Fischereipächters am Haussee des Schlossparks. Die Reste einer Schwarzschlachterei im Schilf hatte er wohl für Mordspuren gehalten. Bei einem Lokaltermin mit Carl IV. und der offenbar in die illegalen Schlachtungen involvierten Polizei sollte die Sache aufgeklärt werden, Mehlhammer überlebte den Abend nicht. Carl IV. starb 1946 im „Sonderlager“ Sachsenhausen.

bis Mitte Oktober, sonntags 13-17 Uhr