Von Henry Klix : „Am Ende bleibt nur noch Glück“

Vor einem Jahr haben die Geschwister Aland das Tierheim Verlorenwasser übernommen – viel ist passiert, einiges liegt noch im Argen

Henry Klix

Belzig - Jerry wurde an einer Straße bei Treuenbrietzen gefunden. Ein Autofahrer hatte geglaubt, ihn angefahren zu haben. Doch die Verletzungen waren älter: Der Schäferhundmischling zitterte wie Espenlaub, fraß nicht, humpelte mit eingezogenem Schwanz ängstlich umher, erinnert sich Ingrid Aland. Erst nach einem Monat Rundum-Betreuung beruhigte er sich ein wenig, nach drei Monaten Training und ärztlicher Behandlung ist nun auch die Wirbelsäule wieder in Ordnung. Und Jerry ist kaum wiederzuerkennen, bellt und springt durch das Tierheim gelände Verlorenwasser. Der Hund war von seinem früheren Besitzer so übel zugerichtet worden. Und hätte der Autofahrer den rund achtjährigen Rüden nicht beim Tierheim abgegeben, wäre Jerry im Straßengraben verendet.

Vor einem Jahr haben die Tierschützer Ingrid und Wolfgang Aland das Tierheim Verlorenwasser übernommen. Vieles lag damals im Argen, der frühere Betreiber, der Tierschutzverein Belzig, war mit dem Heim überfordert und in die Schuldenfalle geschlittert. Die Geschwister Aland retteten eines der größten Tierheime Brandenburgs mit Hilfe der Tierfreunde Berlin-Brandenburg e.V. und einer Einzelspende des Potsdamer Ehepaars Fred und Goldrun Nitsche, dessen Name das Tierheim heute trägt.

Vieles hat sich bewegt: Ein 24-Stunden-Notdienst wurde eingeführt, die Einzelhaltung der Hunde in Minizwingern durch Gruppenhaltung in Gehegen aufgelöst. Impfung und medizinische Betreuung der Tiere wurden gesichert, die häufig krank oder verletzt das Tierheim erreichen. Ausgebildete Mitarbeiter wurden eingestellt, das Personal geschult. Fünf Festangestellte und ebenso viele Ehrenamtliche arbeiten hier. Kontakte zu Sponsoren wurden aufgebaut, und der Futterbedarf kann heute - auch aufgrund von Spendencontainern in Berlin und der Region – ohne Zukäufe abgedeckt werden.

Das ist nicht wenig: 60 Hunde, 80 Katzen, zudem Schweine, Meerschweinchen und Vögel leben auf dem 40 000 Quadratmeter großen Gelände im Kiefernwald. Die Älteren, wie die beiden zehn Jahre alten Hängebauchschweine, die einmal in Teltow aufgelesen wurden, bekommen ihr Gnadenbrot. Andere wie der quirlige kleine Terriermischling Kiki, der sich fröhlich von der viel größeren Amy zwicken lässt, warten auf ein neues Zuhause. Für Hektor, der das Treiben gelassenen Schrittes über sich ergehen lässt, wird es schwerer: Der Rücken des alten Herren ist von einer Operation abrasiert - ein Geschwür musste entfernt werden. Der Job ist nicht immer lustig, gibt Aland zu verstehen: „Wir sehen hier mehr Leid als Frohsinn.“

Dramatische Tierschicksale sind nicht das Einzige, womit sich die neuen Betreiber zu beschäftigen haben: Der Investitionsbedarf ist enorm, die Betriebskosten sind kaum abzudecken und einigen Kommunen ist offenbar gar nicht klar, dass die Fundtierbetreuung eine Pflichtaufgabe ist. Gemeinhin schließen sie dazu Verträge mit Tierheimen, doch die Zuschüssen sind lausig, sagt Aland. Ein Euro pro Einwohner gibt die Stadt Potsdam jährlich, in den Partnerkommunen des Tierheims Verlorenwasser waren es im vorigen Jahr 20 bis 30 Cent. „Wir zahlen schon Minigehälter und decken vieles mit Sponsoren ab“, sagt Wolfgang Aland. Am Ende würden hier Staatsaufgaben aber fast nur aus Spenden finanziert.

Rund 12 000 Euro kostet der Betrieb monatlich, und doch lässt sich mit den Einkünften kaum wirtschaften. Mit der Gemeinde Schwielowsee konnte das Tierheim einen neuen Vertrag aushandeln, in diesem Jahr wird auch hier der Euro pro Einwohner bezahlt. „Auch davon lassen sich noch keine ärztlichen Behandlungen abdecken“, sagt Wolfgang Aland. Brück, Niemegk, Ziesar und Wusterwitz mussten die Dumping-Verträge gekündigt werden. Auch mit Belzig, Wiesenburg und Treuenbrietzen muss nachverhandelt werden. „Wir können aber auch gut verzichten, wenn uns ein Ordnungsamtsleiter zu einer zugelaufenen Katze erklärt, dass sie Mäuse fangen soll.“

Zudem ist an der Gebäudesubstanz des früheren Polizeischul-Geländes einiges zu tun. Sie ist marode, die sanitären Bedingungen sind dürftig. Es gibt nur notdürftige Räume für Quarantänestation und den Tierarzt. Für die Katzen wird mehr Platz benötigt und die Hunde sollen, um sich bei ihren späteren Besitzern einfinden zu können, auch häusliche Atmosphäre kennenlernen. Zumindest für das Grundstücksproblem - ein Teil des Geländes ist nur gepachtet - bahnt sich eine Lösung an, das Tierheim hofft auf die Unterstützung des Landkreises.

Alands sind zuversichtlich, Geldgeber für die Investitionen zu finden. Ihre Zuversicht hilft ihnen auch im Tierheim-Alltag. Zum Beispiel, als eine Tages ein verstörtes Flauschbündel abgegeben wurde. Der Finder kannte den Besitzer aus der Region Belzig – und wusste auch, warum der Welpe fortgelaufen war: Andere aus dem Wurf wurden erschlagen. Namen wurden nicht ausgetauscht. Später konnte auch noch ein zweiter „Überlebender“ der Griffon-Familie und die Mutter gerettet werden. Der Hundehalter war psychisch erkrankt.

Alle drei Tiere haben in Belzig, Wannsee und Grunewald neue Herrchen und Frauchen gefunden, die nun Fotos an das Tierheim schicken, wie die riesigen Hunde die Pfoten auf der Couch ausstrecken. Aus solchen Geschichten schöpfen Wolfgang und Ingrid Aland die Kraft, weiterzumachen. „Wenn alles gut läuft“, sagt Wolfgang Aland, „bleibt am Ende nur noch Glück“.

www.tierheim-verlorenwasser.de