• Verdacht: Totschlag in Teltower Asylbewerberheim: Somalischer Ex-Pirat stach 19 Mal zu

Verdacht: Totschlag in Teltower Asylbewerberheim : Somalischer Ex-Pirat stach 19 Mal zu

Der Asylbewerber, der in Teltow einen Landsmann umbrachte, saß schon in Frankreich wegen Seeräuberei im Gefängnis. Nach seiner Haftstraße wurde er offenbar seinem Schicksal überlassen

Henry Klix
Immer neue Geschichten. Der Angeklagte mit Anwalt gestern im Landgericht.
Immer neue Geschichten. Der Angeklagte mit Anwalt gestern im Landgericht.Foto: hkx

Potsdam/Teltow - Stirnrunzeln, Kopfschütteln, offene Münder: Die Körpersprache auf der Richterbank und am Tisch der Anklagevertretung war nicht misszuverstehen. Nur Shik hat sich am Dienstag im Potsdamer Landgericht komplett unglaubwürdig gemacht. Es war an sich nur darum gegangen, am zweiten Verhandlungstag mit dem Dolmetscher einige Lebensdaten des wegen Totschlags angeklagten Somaliers aufzunehmen, doch inzwischen steht sogar ein Fragezeichen hinter seinem Namen.

Nur Shik wird vorgeworfen, am 5. Mai im Asylbewerberheim in Teltow seinen 21-jährigen Mitbewohner Yusuf M. brutal getötet zu haben. Ein dritter Mitbewohner des Zimmers hatte das Todesopfer am Morgen gegen 10 Uhr in einer riesigen Blutlache gefunden. Tatzeugen gibt es nicht, zu den Hintergründen ist nichts bekannt. Der Angeklagte behauptet, dass sein Landsmann ihn umbringen wollte und er in Notwehr zugestochen habe – insgesamt 19 Mal. Ob er daran festhält oder auch dazu noch eine neue Geschichte erfindet, bleibt abzuwarten.

Völlig unterschiedliche Versionen zu seinem Lebensweg

Den Ermittlern, dem psychologischen Gutachter und gestern der großen Strafkammer des Landgerichts tischte Nur Shik jeweils völlig unterschiedliche Versionen zu seinem Lebensweg auf: Gestern im Landgericht stammte er aus einer somalischen Kleinstadt, wuchs als Einzelkind bei seiner Mutter auf und musste schon mit fünf Jahren neben der Schule mit Schuhputzen Geld verdienen. Zuvor hatte er den Ermittlern erzählt, dass sein Vater drei Frauen habe, er zwölf Geschwister, die Familie auf dem Land lebe und er als Kind das Vieh hüten musste.

War er in vorherigen Vernehmungen 14 Monate wegen Seeräuberei in seinem Heimatland inhaftiert, so erzählte er am Dienstag, dass er als Kfz-Elektriker bei der somalischen Regierung tätig war, wegen der Sicherheitslage im Jahr 2008 in den Jemen – auch nicht gerade als Hort des Friedens bekannt – flüchten wollte. Im Golf von Aden sei er von Piraten aufgegriffen worden, als sein Boot kaputtgegangen sei. Zwölf Wochen später sei er in Paris gelandet.

„Der erzählt, was er will“, kommentierte der Dolmetscher gestern die gestenreichen Darlegungen des kleinen, energisch wirkenden Mannes, der hochkonzentriert die Verhandlung verfolgte. Die Piratengeschichte scheint noch am nächsten an der Wahrheit zu sein. Die Staatsanwaltschaft kam der wahren Identität von Nur Shik, von dem drei weitere Aliasnamen bekannt sind, anhand der Fingerabdrücke mit Unterstützung der französischen Justizbehörden auf die Spur.

Es war der erste Prozess gegen somalische Piraten in Frankreich

Demnach handelt es sich um Cheikh Nour Jamac Mohamoud. Er war einer von sieben somalischen Piraten, die im September 2008 ein französisches Ehepaar mit seiner Jacht im Golf von Aden entführten und ein Lösegeld von 1,4 Millionen US-Dollar verlangten. Französische Spezialkräfte befreiten das Paar und nahmen sechs der Piraten fest, einer starb während der Kommandoaktion.

Es war damals das erste Mal, dass somalischen Piraten in Frankreich der Prozess gemacht wurde. Deren Anwältin hatte noch ausgeführt, ihre Mandanten seien aus Armut zur Seeräuberei getrieben oder gezwungen worden, befänden sich in einer Zwickmühle aus Gewalt und Moral. Es nutzte nichts: Wegen Geiselnahme und Schiffsentführung wurden die Somalier zu hohen Haftstrafen verurteilt – und danach offenbar ihrem Schicksal in der Fremde überlassen.

Der französischen Zeitung „Le Monde“ war die Anklage in Potsdam und die Erinnerung an die Geiselnahme einen längeren Bericht wert. Mohamoud bekam sieben Jahren Gefängnis, die Strafe wurde wegen sexueller Nötigung einer Gefängniswärterin um zehn Monate verlängert. Stehend führte er gestern der großen Strafkammer vor, wie er sie lediglich mit dem Ellbogen am Kopf berührt habe.

Polizei: Bei der Festnahme nach dem Totschlag hat er abwesend gewirkt

Die Behörden habe er bei seiner Entlassung im Frühjahr 2014 gebeten, nach Somalia zürückfliegen zu dürfen. Weil es keine Flugverbindung in das vom Bürgerkrieg zerriebene Land gibt, habe man ihm gesagt, er möge sein Glück doch in Frankreich versuchen. Er habe niemanden gekannt, kein Geld gehabt. Warum und wie er in Deutschland und schließlich in Teltow landete – auch dazu gibt es mehrere Versionen.

Nach dem Tötungsdelikt hatten ihn Polizisten an der Landesstraße 40 aufgegriffen, in Höhe der Stahnsdorfer Abfahrt war er mit dem noch blutigen Messer im Hosenbund auf dem Standstreifen in Richtung Potsdam unterwegs. Widerstandslos habe er sich festnehmen lassen, wie die beiden Polizisten gestern bezeugten. Er habe abwesend gewirkt.

Laut psychiatrischem Gutachten ist Mohamoud schuldfähig. Das Urteil wird nach vier weiteren Verhandlungstagen am 10. Dezember erwartet. Dem Angeklagten drohen bis zu 15 Jahre Haft. Eine Abschiebung wäre gesetzlich angezeigt, wenn es mindestens drei Jahre werden. Mohamoud wird wohl selbst dann die ganze Strafe in Deutschland absitzen. Ihn nach Somalia zu schicken sei aufgrund der fehlenden Flugverbindung und der Sicherheitslage derzeit nicht möglich, hieß es auf Anfrage aus dem brandenburgischen Innenministerium. (mit eb und wik)

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