Ukraine-Flüchtlinge in Potsdam-Mittelmark : Deutschlernen und auf Deutsch lernen

Die Maxim-Gorki-Schule in Kleinmachnow hat rund 40 ukrainische Schüler aufgenommen – samt ihrer Lehrerin.

Ilona Tulikova ist mit ihrem Sohn aus Kiew nach Kleinmachnow geflohen. 
Ilona Tulikova ist mit ihrem Sohn aus Kiew nach Kleinmachnow geflohen. Foto: Andreas Klaer

Kleinmachnow - Ilona Tulikova hätte am liebsten gleich nach ihrer Ankunft in Kleinmachnow mit dem Unterricht begonnen. „Doch vor der Anstellung mussten wir die Impfungen gegen Masern kontrollieren. Aber unsere Impfpässe haben wir auf der Flucht nicht mitgehabt“, sagt sie. Die ukrainische Lehrerin ist seit dem 3. März in Deutschland. 

Seit Anfang April unterrichtet sie nun in der Maxim-Gorki-Gesamtschule in Kleinmachnow – und an diesem Sonntag gehört sie zu den Gästen eines Nachmittagstreffs mit Kaffee und Kuchen, zu dem die Frauenloge Elisabeth in den Garten der Alten Schule eingeladen hat. Die Loge unterstützt die Ukraine-Hilfe, gekommen sind Geflüchtete und ihre privaten Gastgeber.

Tulikova ist stellvertretende Schulleiterin an einer Partnerschule der Kleinmachnower Bildungseinrichtung in Kiew. Am ersten Tag des russischen Angriffs auf die Ukraine fragte die brandenburgische Schule die Partnereinrichtung, ob sie irgendwie helfen kann. Kurz darauf kamen die ersten Schülerinnen und Schüler in Kleinmachnow an. Auch Tulikova war mit ihrem Sohn darunter. Schnell brachte die Schule den Anstellungsvertrag mit der Deutschlehrerin auf den Weg.

Einige Schüler kennt Tulikova aus Kiew

Rund einen Monat später steht Tulikova in der Klasse der Maxim-Gorki-Schule wieder vor ihren Schülern. Einige kennt sie aus Kiew, andere Gesichter sind neu für sie. Die rund 40 ukrainischen Schüler wurden in der Schule direkt in Regelklassen integriert. Ihr Vorteil: Sie haben bereits Deutsch an der Kiewer Schule gelernt. „Sie haben etwa ein Sprachniveau zwischen A2 und B2“, sagt Tulikova. Manches fiele den Schülern leichter, manches schwerer. „Mathe, Physik“, sagt Tulikova, „das ist für sie einfacher. Da geht es um Formeln.“ 

Komplizierter sei es mit Fächern wie Biologie. „Sie kennen die fremden Begriffe nicht.“ Bei den Älteren laufe es in der Regel besser als bei den Kleineren, die die Sprache noch nicht so gut beherrschten. Daher gibt es an der Gesamtschule für die ukrainischen Schüler zusätzlich zum normalen Unterricht noch drei Mal pro Woche Deutsch. „Sie müssen in Deutsch gefördert werden“, sagt Tulikova.

Familie von TV-Moderator nahm Geflüchtete auf

Wenn Liuba Dikhtiarenko an den Deutschunterricht denkt, stöhnt sie. Es sei viel Unterricht. Gastvater Matthias Killing, Moderator beim Sat.1-Frühstücksfernsehen, muntert auf: „Aber es lohnt sich doch.“ Liuba nickt. Die 16-Jährige wohnt seit drei Wochen gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Hund bei den Killings in Kleinmachnow. „Wir sind jetzt plötzlich sechs zuhause statt zu dritt, mit drei anstatt zwei Hunden“, sagt Gastmutter Svenja Killing.

Die ukrainische Familie wohnt im Gästezimmer des Hauses. „Wir kochen und backen zusammen. Sie helfen und unterstützen uns. Das klappt super“, sagt Svenja Killing. Wie lange die drei bleiben können? „Wir haben gerade keine Grenze. Jetzt kommt der Sommer. Da sind wir eh viel im Garten.“ Liuba komme in der neuen Schule eigentlich ganz gut zurecht, sagt sie. Es gebe schwierigere und weniger schwierige Fächer. 

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Bei Mathe beispielsweise, da habe sie keine Probleme. Geschichte, Biologie, das falle ihr nicht so leicht wegen der Begriffe. „Meine deutschen Mitschüler helfen mir. Ich kann sie immer fragen“, erzählt sie. In den Pausen treffe sie sich aber auch gerne mit ihren ukrainischen Freundinnen aus den Parallelklassen. „Ich möchte auch mal Russisch oder Ukrainisch sprechen. Das geht leichter. Auf Deutsch muss man immer so lange überlegen.“

Liuba gefällt, dass die Schule hier moderner sei als in der Ukraine. Die Lehrer seien offener und hilfsbereiter, sagt sie. Nicht so glücklich sei sie über den frühen Unterrichtsbeginn. In der Ukraine beginne die Schule um 8.30 Uhr, in Kleinmachnow müsse sie wegen des Deutschunterrichts schon um 7.35 Uhr in der Schule sein.

Online-Unterrichtet für Schüler in Kiew 

Auch Anastasia Koval stammt von der Partnerschule der Maxim-Gorki-Schule in der ukrainischen Hauptstadt. Sie besucht jetzt aber eine Schule in Berlin-Frohnau, da sie mit ihrem Bruder und ihrer Mutter keine Unterkunft in Kleinmachnow gefunden hat, wie sie berichtet. Die 17-Jährige hatte ebenfalls bereits in Kiew Deutsch gelernt. Sie komme gut zurecht in der Schule, erzählt sie. Dennoch sei es eine Fremdsprache, die es ihr schwerer mache, zu folgen. Auch Fächer, die sie vorher nicht kannte, wie Religion, seien schwieriger für sie.

Ilona Tulikovas Arbeitstage sind lang geworden, seitdem sie an der Kleinmachnower Schule arbeitet. Am Vormittag steht sie in Präsenz vor den Schülern. Am Nachmittag gibt sie den Schülern aus ihrer Schule in Kiew online Unterricht. „Die Schule muss weiterlaufen“, sagt sie. Das sei wichtig. Sie rechne nicht damit, dass sie dieses Schuljahr in Kiew normal zu Ende bringen könnten.

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Der Lehrerin fehlt ihre Heimat. Aber sie könne nicht zurück. „In meinem Haus gibt es kein Wasser, keinen Strom.“ Außerdem möchte sie mit ihrem Sohn nicht in einem Land leben, in dem sie jederzeit vom Krieg betroffen sein könnte. Ihr Sohn möchte derzeit nicht zurück in die Ukraine. „Wir haben die Explosionen miterlebt. Es hat ihn sehr erschrocken“, sagt Ilona Tulikova. Er beginne jetzt langsam, mit ihr über die Kriegserlebnisse zu sprechen. Bei ihren Schülern sei das noch schwierig. „Sie sprechen ungern darüber“, sagt die Lehrerin: „Ich denke, sie brauchen noch etwas Zeit.“

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