Tipps gegen den Coronablues : Virusfrei wandern in der Mittelmark

Den Mitmenschen nicht zu nahe kommen? Auf Waldwegen geht das. Eine Tour von Michendorf nach Ferch.

Andreas Conrad
Ein idyllisches Gewässer wie der Kleine Lienewitzsee ist Balsam für die vom Virenstress strapazierten Nerven. 
Ein idyllisches Gewässer wie der Kleine Lienewitzsee ist Balsam für die vom Virenstress strapazierten Nerven. Foto: Andreas Conrad

Michendorf - Abstand halten! Reduzierung sozialer Kontakte, heißt es in der Coronakrise. Mitten im Wald, zwischen Michendorf und Ferch, fällt das nicht schwer. Gut anderthalb Stunden dauert die Wanderung nun schon, und die Menschen, die einem dabei begegnet sind, kann man fast an einer Hand abzählen: ein älteres Paar, das seinen Hund spazieren führt, drei, vier Angler, zwei Radlerinnen. Das einzige Lebewesen, das aus Zentimeterabstand ins Auge gefasst wird, ist eine dicke erdfarbene Kröte, die gemächlich über den Sandweg hopst.

Das also bleibt, vorerst: Ausflüge in die freie, die virenfreie Natur. Wanderungen durch die Mark Brandenburg sind noch möglich, ob mit Fontane oder welchem gedruckten Wegbegleiter auch immer. Zum Beispiel dem passenderweise soeben erschienenen Reiseführer „Wandern mit Kindern rund um Berlin“, dessen Autorenpaar Florian Amon und Pavla Nejezchleba darin „21 kinderwagenfreundliche Touren“, sogar „mit Geschichten zum Vorlesen“ verspricht. Wobei „rund um Berlin“ ziemlich weit gefasst ist. Auch Spreewald, Niederfinow, Bad Saarow und Fürstenberg werden dazugerechnet, aber eben auch die Wanderung vom Bahnhof Michendorf zum Strandbad Ferch, von dem es dann per Bus und Bahn zurückgeht. Eine Strecke von rund zehn Kilometern, nach Bewertung der Autoren in drei Stunden zu bewältigen, mit Kinderwagen von „mittlerem Schwierigkeitsgrad“ – der Weg könne also „auch mal sandig oder uneben (z.B. durch Wurzeln) sein“, es empfehle sich „ein outdoor-tauglicher Kinderwagen mit größeren Rädern“. Nun, der ist gerade nicht zur Hand, übrigens auch kein Kind, aber warum sollte man als familienfreundlich empfohlene Wanderwege nicht auch allein ausprobieren können.

Überall zwitschert es

Zumal man nun keinen Kinderwagen die Treppe hochbuckeln muss, die – wie im Buch penibel verzeichnet – auf der dem Bahnhofsgebäude gegenüberliegenden Seite der Gleisanlagen hoch aufs Straßenniveau führt. Wie ohnehin die Wegbeschreibung, auch dank der beigefügten Karte und manch anderer Angaben zur Tour, sich als erfreulich präzise erweist und der kleine Irrtum in der einzuschlagenden Richtung, der später leider doch unterläuft, nur eigener Dusseligkeit zuzuschreiben ist. Einmal nicht aufgepasst …

Aber noch sind wir nicht so weit, noch geht es schnurgeradeaus durch den Wald, anfangs zur Linken die Zivilisation noch immer in Sichtweite, in Gestalt neuer, dann älterer Einfamilienhäuser. Am Wegesrand grünt es bereits, blüht mal in Weiß, mal in Blau. Überall zwitschert es, ab und zu taumeln die ersten Schmetterlinge der Saison vorbei, und irgendwo tiefer im Wald müssen auch die Wildschweine lauern, die den Waldboden beidseitig des Weges wieder und wieder umgewühlt haben. Nach gut zwei Kilometern „lächelt der See, er ladet zum Bade“, so würde Schiller jetzt wohl formulieren. Nun, um diese Jahreszeit traut sich noch niemand ins Wasser der kleinen Badebucht mit Naturwiese und Sandstrand. Es ist ja auch keiner da außer dem älteren Ehepaar mit Hund. Ein wirklich lieblich anzusehendes Gewässer, von Mischwald umstanden, das Ufer da und dort mit Schilf umsäumt, ab und zu ein fischender Haubentaucher und andere Wasservögel. Mit gut gefülltem Picknickkorb wäre dies jetzt ein guter Platz für eine erste Rast.

Idyllische Datschen am See

Ein manchmal etwas holpriger, aber noch gut gangbarer Weg führt nun am Südufer um den See herum, vorbei an einer naturbelassenen Waldszenerie, Bäume in jedem Stadium des Wachstums und Verfalls, darunter mancher vom Sturm gefällte Riese mit bizarr ragendem Wurzelwerk, daneben morsche und von Spechten durchlöcherte Stämme – fast Wildnis.

An der Westseite des Sees dann eine kleine Siedlung, von der aus der Ferne nur ein paar Bootshäuser zu erkennen waren und die dem Großen wie dem benachbarten Kleinen Lienewitzsee den Namen gab: offiziell ein Ortsteil Michendorfs, bei näherer Betrachtung eine idyllische Ansammlung von Datschen, zwei stabilen Wohnhäusern und einem schon betagten, offenbar ganz aus Holz zusammengefügten Gebäude, Sitz des Michendorfer Anglervereins. Als Abstecher empfehlen die Buchautoren nun eine Umrundung des Kleinen Lienewitzsees, nennen als Attraktion am Ufer „die große, alte Kurfürsteneiche“. Der kleine Umweg ist nicht nur des Baumriesen wegen zu empfehlen. Man erspart sich einen Teil der mit Kinderwagen doch etwas unbequemen, im Buch so auch ausgewiesenen Ortsstraße mit ihrem historischen Feldsteinpflaster – und stößt, bevor man doch noch auf sie einschwenken muss, auf eine an dieser Stelle unerwartete, frisch mit Blumen geschmückte Grabanlage samt Metallkreuz und Plakette, wonach hier „am 2. Mai 1945 Obergefreiter Jakob Schreiber“ gefallen sei.

Waldwege können in die Irre leiten

Nun, nach halber Strecke, ist es mit der Bequemlichkeit des Wanderns, auch mit der narrensicheren Wegführung erst mal vorbei. Für einige Hundert Meter geht es auf dem Holperpflaster weiter, unter einer Bahnbrücke durch, dann scharf nach links zurück in den Wald. Die Tour führt jetzt bergauf, Waldwege kreuzen und können schon mal verwirren, mit der Folge kürzerer Irrwege. Familien mit kleinen Kindern dürften da schon mal zu japsen beginnen, immerhin liegen bereits etwa anderthalb Stunden Fußmarsch hinter ihnen. Das Ziel ist aber noch lange nicht in Sicht, auch ein paar laut Karte „schwierige Stellen“ sind noch zu bewältigen, vor wie auch hinter dem nächsten Zwischenziel, dem Aussichtsturm Wietkiekenberg mit seinen 113 Stufen. Von dort ist es nur noch ein Kilometer bis zu den ersten Häusern des am Schwielowsee gelegenen Ferch mit dem Museum der hier Ende des 19. Jahrhunderts blühenden „Havelländischen Malerkolonie“. Auf dessen Besuch sollten sich Kunstaffine derzeit allerdings nicht freuen: wegen Corona geschlossen.

Foto: promo

— Florian Amon, Pavla Nejezchleba:

Wandern mit Kindern rund um Berlin. Via Reise Verlag, Berlin. 192 Seiten, etwa 110 Fotos, mit Karten und vielen Tipps zu den 21 Touren, 15,95 Euro

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