Potsdam-Mittelmark : Tief bewegte Nachfahren

Erinnerung an Ingenieur Ernst Valentin / In Teltow werden 16 Stolpersteine gegen das Vergessen verlegt

Kirsten Graulich
Erinnerung an jüdische Mitbürger. Die meisten Fotos der Ausstellung im Pfarrhaus stammen noch aus glücklichen Tagen.
Erinnerung an jüdische Mitbürger. Die meisten Fotos der Ausstellung im Pfarrhaus stammen noch aus glücklichen Tagen.Foto: K. Graulich

Teltow - Lange Jahre stand der Scanner in der Wohnung von Herbert Spatz nur herum. Bis der 93-Jährige, der in Boston in den USA lebt, vor einigen Wochen eine Anfrage aus Deutschland erhielt. Die Teltower Arbeitsgruppe „Stolpersteine“ hatte sich gemeldet und nachgefragt, ob er noch alte Familienfotos besitze, auf denen auch sein Großonkel Ernst Valentin abgebildet ist. Dass sich nun doch noch jemand in Deutschland für seinen Vorfahren interessiert, der 1939 nach Brasilien emigrierte, hat Herbert Spatz tief bewegt. Er ließ sich von seiner Tochter in die Technik des Scannens einweihen und seither werden von ihm alte Familienalben digitalisiert, um die Bilder nach Deutschland zu schicken.

Mehrere Fotos, die so übers Internet Teltow erreichten, sind auch in der Ausstellung zu sehen, die derzeit im Pfarrhaus in der Ritterstraße 11 eröffnet wurde. Auf einem inspiziert der Ingenieur Valentin den Motor seines Automobils. Auch wenn er dabei dem Fotografen den Rücken zukehrt, werten die Mitglieder des Stolperstein-Projektes die Aufnahme als wichtiges Dokument, da sie auf einer Reise nach China entstand, die der Ingenieur Anfang des letzten Jahrhunderts unternahm. Spezialisiert auf Automotoren war Ernst Valentin bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges leitender Ingenieur in mehreren in- und ausländischen Automobilfabriken und durchreiste die Türkei, Frankreich, Russland und Japan. Er wohnte seit 1925 in Ruhlsdorf bei Teltow und publizierte seine Erfahrungen in Fachzeitschriften und für Handbücher. Während des Krieges war er Leiter der Kraftfahrzeugabteilung im Reichsamt für Luft- und Kraftfahrwesen und erhielt für seine Verdienste das Eiserne Kreuz. Doch auch ihm erging es nach 1933 wie vielen anderen hochdekorierten ehemaligen „Frontkämpfern“, die jüdischer Abstammung waren: Sie waren gleichfalls Repressalien des NS-Systems ausgesetzt, bekamen zusätzliche Vornamen wie Sara und Israel, und in ihre Reisepässe wurde ein großes rotes "J" gestempelt, um sie kenntlich zu machen. Seit 2008 recherchiert das Team um die Historikerin Gabriele Bergner die Lebenswege ehemaliger Teltower, deren Namen in der Stadtgeschichte in Vergessenheit gerieten, seit die nationalsozialistische Judenverfolgung sie entrechtete, enteignete, zur Nummer degradierte und viele von ihnen ermordete. Zu 20 Namen recherchierten Bergner und der Historiker Jens Leder in Archiven und Behörden die Lebenswege der einstigen Mitbürger und gaben der Stadt so auch einen Teil ihrer Geschichte zurück. 16 Steine werden am morgigen Freitag im Rahmen des weltweiten Kunstprojektes vom Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt. Einer davon soll auch Ernst Valentin ehren und in der Teltower Straße 20 (Teltomat) verlegt werden.

Die Ausstellung ist bis zum 9. Oktober noch täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Ein Teil davon ist schon im Januar im Rathaus gezeigt worden. Neue Tafeln kamen hinzu, nachdem es gelang, Kontakt mit weiteren Nachfahren aufzunehmen. Während viele von ihnen die Aktion Stolpersteine begrüßen und unterstützen, gab es auch Zurückhaltung, berichtet Bergner. So erfuhr eine Enkelin in den USA erst jetzt, was ihrer Familie einst zugestoßen war und zeigte sich geschockt. Jahrelang hatte niemand über diese Zeit gesprochen. Die Frau bat um Bedenkzeit, da sie alles erst einmal verarbeiten müsse. Die meisten Fotos der Ausstellung im Pfarrhaus stammen aus glücklicheren Tagen. Zu sehen ist zum Beispiel, wie die Familien Glaser, David und Dreyfuss zusammen feierten, ihren Urlaub gemeinsam in Heringsdorf an der Ostsee verbrachten oder über den Wannsee segelten. Zudem wohnten die drei Familien unter einem Dach in der Max-Sabersky-Allee 4. Vielen von ihnen gelang noch die Flucht, andere kamen im KZ um. Auch dem Ehepaar Gertrud und Alfred Dreyfuss gelang noch im Juni 1940 die Flucht über Sibirien in die USA, wo sie im August eintrafen. Nur wenige Wochen später starb der 64-Jährige an den Strapazen der Reise.

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