Potsdam-Mittelmark : Tempoerbsen als Feuertaufe

Vom Lebensmittel-Erfinder zum Institutsmanager: Peter Kretschmer – der Vater der schnellen Küche und der Erdnussflips – feiert heute seinen 65. Geburtstag

Vom Lebensmittel-Erfinder zum Institutsmanager: Peter Kretschmer – der Vater der schnellen Küche und der Erdnussflips – feiert heute seinen 65. Geburtstag Von Peter Könnicke Nuthetal. Es hat die Arbeit in sozialistischen Großküchen revolutioniert, den Einsatz der ostdeutschen Hausfrau am heimischen Herd extrem verkürzt, den Gas- und Stromverbrauch der Nation erheblich reduziert. Die Erfindung der Tempoerbsen war eine Tat mit ungeheurer Auswirkung für Volkes Seele und Wirtschaft gleichermaßen. Und die Fast-Made-Terrine made in GDR scheint unvergessen: Millionenfach jaulte ein kenntnisreiches Kinopublikum auf, als eine Packung „Tempoerbsen“ in „Good by Lenin“ als Requisite auf der Leinwand flimmerte. Lediglich 10 Minuten Kochzeit benötigte die VEB–Erbsen- und auch Linsensuppe dank eines Mannes: Peter Kretschmer. Der war etwas mehr als 20 Jahre alt, als er 1961 nach Lehre und Studium als Wissenschaftler im Rehbrücker Institut für Getreideverarbeitung einen Job bekam. Seine erste Aufgabe: Verkürze die 45-minütige Kochzeit von Erbsen. „Ein anspruchsvolle Problematik“, erinnert sich Kretschmer. An der Arthur-Scheunert-Allee entwickelte er ein technologisches Verfahren, in dem Hülsenfrüchte unter Druck behandelt und speziell getrocknet wurden und dadurch schneller weich zu kochen waren. Nach anderthalb Jahren waren Tempoerbsen Kretschmers bestandene Feuertaufe als Verfahrenstechniker und Chemielaborant für Lebensmittel. Das Institut in Bergholz-Rehbrücke war gegründet worden als praxisnahe Forschungsschmiede für eine ganze Reihe iIndustrieller Zweige: für Backwaren und Suppen, Tee und Kaffee, Würze und Gewürze. In der Republik des Mangels und der Engpässe hatte die Suche der Forschungsinstitute nach Lösungen einen besonderen Stellenwert. Mit Kretschmer hatte die Experimentierstube an der Arthur-Scheunert-Allee einen besonders kreativen und hartnäckigen Forschergeist. Unter seiner Mithilfe folgten den Tempoerbsen Kuko-Reis (Kurzkoch), Combo-Kakao, Burger Knäckebrot oder Kindernährgrieß. Speziell zum 20. Jahrestag der DDR wollten die Staats- und Parteioberen dem Volk eine neue Gaumenfreude präsentieren. „Zu Jubiläen musste immer etwas entwickelt werden“, schmunzelt Kretschmer. Als Rehbrücker Beitrag zum kollektiven Wohlgenuss wurde dem zuständigen Ministerium die Entwicklung von Instant-Kindernahrung gemeldet. Doch als wahres Geburtstagsgeschenk dachte man an mehr: an Erdnussflips und Cornflakes. Zu Kretschmers Überraschung wurden Forschung und Produktion genehmigt. In Wurzen wurde eine alte Mühle zur Produktionsstätte für Erdnussflips umfunktioniert. In einem speziellen Verfahren wurde Mais aufgebläht, mit Erdnussfett dragiert – und fertig war der Volkssnack Nummer Eins. Weil keiner wusste, wie der Knabberspaß ankommt, wurden zunächst 400 Tonnen hergestellt. Später wurden jährlich 2000 Tonnen Erdnussflips im Land verteilt. Weitaus schwieriger war die Produktion von Cornflakes. „Noch immer ist es eine sehr aufwändige Technologie“, sagt Kretschmar. Damals, kurz vor dem 20. Geburtstag der Republik, drohte die Entwicklung eines eigenen technischen Herstellungsverfahrens zu scheitern. „Es entstand lediglich ein großer Klumpen.“ Die Ministeriellen waren schon bereit, sich ein holländisches Patent für die Cornflakes-Produktion eine knappe Million Gulden kosten lassen. Doch Kretschmer übernahm die Verantwortung, das Problem fristgerecht in den Griff zu bekommen. Letztlich fehlten nur vier Kilogramm Wasser, die stündlich hinzugeben werden mussten, um aus der klebrigen Masse knackige Flakes zu machen. Seit 1969 knusperte es an ostdeutschen Frühstückstischen. Seine Widerstandsfähigkeit hat Peter Kretschmer quasi mit dem Löffel geschluckt. Heute vor 65 Jahren wurde er in 1214 Metern Höhe geboren. Sein Vater war Meteorologe auf dem Fichtelberg, dem höchsten Berg der DDR. Der tägliche Fußmarsch hinab zur Schule begann mit einem Löffel Lebertran, den die Mutter verabreichte. „Ich habe mich da oben auf dem Berg nie unterkriegen lassen“, sagt Kretschmer. Der Wille nicht aufzugeben, war eine Eigenschaft, die nach der Wende auch am Institut für Getreideforschung gefragt wurde. Die Forschungsstätte wurde eine Kapitalgesellschaft der Treuhand. Diese sah als Gesellschafterin zwei Möglichkeiten: sanieren oder liquidieren. Nicht nur wegen seiner stattlichen Erscheinung setzte die Belegschaft auf Kretschmers breites Kreuz und wählte ihn zum Leiter des Instituts. Aus dem Erfinder der Tempoerbsen wurde ein Manager. Kretschmer schrieb Konzepte zur Neuorientierung der Forschung und entwickelte neue Personal- sowie Aufgabenstrukturen für das Haus. Auf seine Initiative kamen die Professoren des Wissenschaftsrates des Bundespräsidenten nach Bergholz-Rehbrücke, um das Institut zu bewerten. Eine Einmaligkeit, denn ein solcher Vorgang war für Forschungs-GmbHs im Einigungsvertrag nicht vorgesehen. Doch nach einem unterhaltsamen Abend im Potsdamer Mercure-Hotel, an dem es Kretschmer konsequent vermied, auch nur ein Wort über Rehbrücke zu verlieren, um möglichst selbstbewusst und überzeugt zu wirken, inspizierte das hohe Gremium am nächsten Tag das Institut. Ergebnis der Visite: Der Wissenschaftsrat empfahl den Fortbestand des Hauses und gab sich überzeugt, dass sich das Forschungskonzept international durchsetzen würde. Dennoch hat das Institut eine festgelegte staatliche Grundfinanzierung nie erhalten. Es war auf die Einwerbung von öffentlich ausgeschriebenen Projekten und Aufträgen aus der Industrie angewiesen. „Über die vielen Verhandlungen zum Überleben könnte ich ein Buch schreiben“, blickt Kretschmar auf die frühen 90er Jahre zurück. Als 1994 Treuhandchefin Breuel das Institut privatisieren oder abwickeln wollte, warfen Kretschmar und zwei seiner Kollegen mit einem Kaufangebot den Rettungsanker. Es wurden zähe Verhandlungen, „oft schienen die Gespräche als gescheitert“. Heute weiß Kretschmar, dass die Treuhand „andere Vorstellungen“ mit dem Areal an der Scheunert-Allee hatte, die Forderungen „waren am Rand von Knebelverträgen“. Die Banken rieten ihm von einer Unterschrift auf dem Kaufvertrag ab. „Hätte ich nicht unterschrieben, gebe es das Institut heute nicht mehr“, sagt Kretschmer trocken. „Getreideverarbeitung ist heute ein historischer Name“, meint Kretschmer mit Blick auf das Firmenschild. Fünf Säulen tragen das international anerkannte – der Wirtschaftsrat hatte sich damals nicht geirrt – das Institut. Die analytischen Kapazitäten der Labors sind stark gefragt: Allein 500 Kunden zählt dieser Bereich. Durch die Kultivierung von Mikroalgen ist das IVG Partner für Kosmetikkonzerne wie Wella und Henkel, für die Textil- und Lebensmittelindustrie sowie für die Medizin. Selbst eine eigene kosmetische Produktpalette trägt das Label des Hauses. In Sachsen-Anhalt werden auf der technologischen Grundlage des Institutes auf einer 10 000 Quadratmeter großen Produktionsfläche Mikroalgen produziert - „ein Bio-Hightech von höchstem Standard“, gibt sich Kretschmer stolz. In das Institut eine Ausbildungsstätte für das Bäckerhandwerk zu integrieren, war Kretschmer ein besonderes Anliegen, um eine Zunft zu stärken, „die in der DDR ein Schattendasein geführt hat“. Allein das Ziel seiner Geschäftsreisen zeigt, wo das Knowhow der Rehbrücker gefragt ist: Taiwan, Dubai, Burma, Amerika. 45 Prozent des notwendigen Etats sichert sich das IVG durch öffentliche Ausschreibungen, 55 Prozent über Aufträge der Industrie. „Wir bewegen uns zwischen einem rosa und leicht grauen Bereich“, beschreibt Kretschmer die Lage seines Hauses, in dem er über 40 Jahre gewirkt hat. Sein heutiger 65-jähriger Geburtstag ist für Kretschmer kein Grund aufzuhören. Aus ihm sprudeln die Visionen für technische Fachschulen und Experimentalbetrieb auf dem Institutsgelände. Welch kreativer Geist in dessen Mauern steckt, zeigt eines der jüngsten Kapitel der Rehbrücker Forschungsgeschichte. Die Frage, wie man den hierzulande millionenfach produzierten Überschuss an Roggen verwerten könnte, beantworteten Kretschmers Mitstreiter mit der Entwicklung eines Verfahrens, in dem das Getreide zu Dämmstoffen verarbeitet wird. Trotz aller erfolgreichen Tests war es zunächst dennoch schwierig, das Produkt anzuwenden. Es erschien als eine Frage der Ethik, ob Roggen als ursprüngliches Nahrungsgut tatsächlich als Dämmstoff genutzt werden sollte. Kretschmer ging bis zur Katholischen Bischofskonferenz, um sich den Segen der Unbedenklichkeit zu holen.

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