Potsdam-Mittelmark : Teltow streicht Goebbels von der Liste

Stadtverordnete aberkennen die Ehrenbürgerschaft von Propagandaminister und von NSDAP-Gauleiter

Tobias Reichelt
Aufgearbeitet. Einige Städte haben sich schon von der zweifelhaften Ehrenbürgerschaft Goebbels’ getrennt.
Aufgearbeitet. Einige Städte haben sich schon von der zweifelhaften Ehrenbürgerschaft Goebbels’ getrennt.Foto: AFP

Teltow - Der eine trieb die Deutschen mit seiner Propaganda in den „Totalen Krieg“ und bereitete den Weg zum Holocaust. Der andere ließ den zigfachen Mord an unschuldigen Menschen in deutschen Konzentrationslagern geschehen. Für ihre Gräueltaten wurden der NS-Propagandachef Joseph Goebbels und der NSDAP-Gauleiter Wilhelm Kube in der Naziära in Teltow verehrt. Heute, mehr als sieben Jahrzehnte später, ist ihnen die Ehre genommen worden. Die Stadtverordneten von Teltow haben Goebbels und Kube in ihrer Sitzung am Mittwochabend aus der Liste der Ehrenbürger der Stadt gestrichen. Die Entscheidung fiel einstimmig und ohne Diskussion. Wohl allen Kommunalpolitikern galt sie als überfällig.

„Wir waren geschockt“, sagte der SPD-Stadtverordnete Marc Bomhoff vor der Abstimmung. Erst im November hatte eine „Arbeitsgemeinschaft Ehrenbürger“ unter Leitung der Historikerin Gabriele Bergner die Ehrenbürgerschaften der Nazigrößen aufgedeckt. Über mehrere Jahre hatten die Historikerin und ihre Helfer zum Thema geforscht. Bis dahin fand sich im offiziellen Archiv der Stadt nur ein Ehrenbürger wieder: Landrat Ernst von Stubenrauch, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Entwicklung der Stadt unter anderem mit dem Bau des Teltowkanals maßgeblich vorangetrieben hatte.

Bei ihrer Suche stießen die Forscher aber auf fünf weitere Personen, denen von der Kaiserzeit bis zum Jahr 1975 die Teltower Ehrenbürgerschaft zugesprochen worden war, darunter Goebbels und Kube. „Warum haben wir das nicht schon vorher gewusst?“, fragte Bomhoff. Selbst über die Zeit der DDR und des SED-Regimes in Ostdeutschland war das nicht aufgefallen. Oder hatte niemand so genau hingesehen?

„Menschen, die so tief im nationalsozialistischen Unrechtssystem verstrickt waren, gehören auf keine Ehrenbürgerliste einer Stadt auf der ganzen Welt“, sagte Bomhoff. Ohne Diskussionen folgten dem Antrag alle Stadtverordneten.

Eine Erklärung für das späte Auftauchen der fragwürdigen Ehrenbürgerschaften suchte zumindest noch der FDP-Politiker Hans-Peter Goetz: Er sei, wie wohl viele andere Stadtverordnete vor ihm auch, davon ausgegangen, dass eine Ehrenbürgerschaft an das Leben der Person geknüpft sei. Da Goebbels und Kube schon lange tot sind, habe man darüber früher nicht nachgedacht. „Ich finde es aber richtig, dass wir sie jetzt aus der Liste streichen“, so Goetz.

Die Stadt Teltow steht mit ihrer Auszeichnung für ehemalige Nazigrößen wie Goebbels nicht alleine da. In mindestens 1000 anderen deutschen Kommunen wurde der Propaganda-Chef seinerzeit auch geehrt. Adolf Hitler kommt sogar auf rund 4000 Urkunden. Viele Städte haben sich nachträglich von den zweifelhaften Ehrenbürgerschaften getrennt, wie jüngst auch die Stadt Goslar.

Bereits seit Jahren hatten sich in Teltow die Gerüchte gehalten, dass die Stadtväter nach der Machtergreifung Adolf Hitlers einen oder mehrere Nazigrößen zu ihren Ehrenbürgern gemacht hatten. Doch das konnte lange niemand beweisen. Viele der geschichtsträchtigen Unterlagen waren im Rathaus nach Kriegsende und später nach dem Mauerfall verschwunden.

Bei den aktuellen Recherchen zu Teltows Ehrenbürgern tauchten zum Glück nicht nur die Beweise für die Ehrenbürgerschaft der zwei Nazi-Größen auf, sondern auch ganz andere, mutige Geschichten, wie die von Konstantin Fjodorowitsch Tschaika. Der russische Soldat hatte zum Ende des Zweiten Weltkriegs als einer der Ersten die Berliner Stadtgrenze bei Teltow erreicht.

Der damals 22-jährige Leutnant schlug sich mit seinem Stoßtrupp im April 1945 bis zum Teltowkanal durch. Dort wurde er bei einem Granatenangriff lebensgefährlich verletzt: Er verlor ein Auge, Granatsplitter verletzten Becken und Oberschenkel. Im Jahr 1975 ernannten ihn die damaligen Teltower Stadtväter bei einem Besuch in Teltow zum Ehrenbürger.

Er war nicht der Einzige, der zu DDR-Zeiten ausgezeichnet wurde: Im Jahr 1956 wurde auch der Präsident des Nationalrates der Nationalen Front der DDR, Erich Correns, geehrt. Der Chemiker leitete elf Jahre in Teltow das Institut für Faserstoff-Forschung der Deutschen Akademie der Wissenschaften.

Geehrt wurde 1968 auch das KPD-Mitglied Albert Wiebach. Er war Teltows erster Bürgermeister nach dem Zweiten Weltkrieg.