Teltow : Die Frau mit dem göttlichen Hintern

Schon bei ihrer Enthüllung sorgte die Bronze des Künstlers Markus Lüpertz in Teltow für Gesprächsstoff

Ariane Lemmme
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17.07.2012 23:00

Teltow - Den großen Kopf dem Betrachter zugeneigt steht „Athene“ auf ihrem Sockel. Eine archaische Wucht geht von ihren muskelbepackten Beinen, ihrer Haltung aus. Mit der linken Hand vor der Brust scheint sie zugleich aber schon ins Gespräch mit Passanten vertieft. Eine Schönheit im klassische Sinn ist die bunt bemalte Bronze-Göttin auf dem Teltower Saskatoon-Platz allerdings nicht.

Das ist auch nicht die Absicht. Zwar verweist eine kleine Eule zu Athenes Füßen auf ihre mythologische Bedeutung. Dennoch mache er keine Kopien antiker Plastiken, sagt ihr Schöpfer Markus Lüpertz. Seine Vorstellung, wie eine Skulptur sich aufbaut, habe er an der Antike geschult, sie reiche aber bis zur Verletzung dieser Idee in der heutigen Zeit. Die Werknamen wie Daphne oder eben Athene entstünden eher aus Zuneigung – wie bei seinen Kindern. „Würde ich Filme oder Politik lieben, könnten sie ebenso gut Marlon oder Willy heißen“, so Lüpertz.

Zwischen „Athene“ und dem Atelier des international bekannten Bildhauers und Malers mitten in dem Teltower Neubaugebiet Mühlendorf liegen nur knapp hundert Meter. Nur wenige wissen, dass der exzentrische Künstler hauptsächlich hier arbeitet. Vor gut vier Jahren schlug er sein Quartier in den 42 Containern auf, in denen ursprünglich das Baubüro für die Siedlung untergebracht war.

Anzug, Fliege, Gehstock – wie immer vollendet elegant tritt Lüpertz dort am Dienstagmorgen, gut eine Stunde vor der Enthüllung seiner Teltower „Athene“, in die Atelierküche. Die wirkt wie ein Gegenentwurf zum aufgeräumten Äußeren des Malers. Von der Wand blicken mehrere Hundert gezeichnete Gesichter, auf dem langen Holztisch stapeln sich Papiere zwischen Schalen mit frischen Erdbeeren und Johannisbeeren. Dass er hier gelandet ist, sei Zufall gewesen, die Beziehung zur Landschaft nach und nach entstanden.

Trotzdem: Nie war bisher ein Werk von ihm in der Stadt zu sehen. Dass seine gut 2,50 Meter hohe Bronze nun, dauerhaft und öffentlich, hier ausgestellt sein wird, hat mit der Kunstaffinität der Ärzteversorgung Niedersachsen zu tun. Die hat auf dem Areal an der Kanada-Allee seit vergangenem April 116 Doppel- und Reihenhäuser gebaut. „Durch die Skulptur soll das Wohngebiet aufgewertet werden“, sagt Frank Adelstein, der bei der Ärzteversorgung für Immobilen zuständig ist.

Beraten wurden die Bauherren bei ihrer Auswahl von Veit Görner, Direktor der Hannoveraner Kestnergesellschaft. Lüpertz und er kennen sich noch von der Akademie in Düsseldorf. „Lüpertz feierte dort die wildesten Partys, sein Credo ist, man lebt nur einmal“, so Görner. Dieser triebhaften Männlichkeit verdanke der 71-jährige Künstler bis heute seine Kraft.

Kraft verkörpert auch seine Athene. Kaum enthüllt, scheint die knapp 350 Kilogramm schwere Göttin den kleinen Platz zwischen den weißen Häusern zu beleben. Die Farbgebung, so Görner, sei Lüpertz’ Aufarbeitung der klassischen Antike, in der, wie man heute weiß, alle Marmorstatuen bunt bemalt waren.

Wie genau, darüber streiten die Fachleute, und Markus Lüpertz mischt sich mit sichtlichem Spaß in diesen Streit ein: „Ich glaube, ich bin der Einzige, der weiß, wie die Skulpturen damals aussahen.“ Woher? Er weiß es einfach, basta.

In spätestens fünf Jahren wird die Farbe verschwunden sein – das sei gewollt, sagt Lüpertz: „Dann gewinnt die Bronze.“ Überhaupt interessiert ihn die Oberfläche mehr als jede Bedeutung. „Kunst hat sich ein Leben lang bemüht, sich von Sinn und Zweck zu befreien, ich weiß nicht, warum heute beides plötzlich wieder hineingebuttert werden muss.“

Um seine Ideen weiterzugeben, plante Lüpertz 2009 eine eigene Kunstakademie in der Potsdamer Villa Henckel, doch das Projekt scheiterte. „Mit der Krise sprangen die Geldgeber ab“, so Lüpertz. Gestorben sei die Idee nicht: „Wenn sich die Zeiten erholt haben, werden Leute auch wieder bereit sind, Geld für so etwas auszugeben.“ Dabei helfen könnte ein Blick auf „Athenes“ üppiges Hinterteil – schon bei der Enthüllung war klar, dass zumindest das göttlich sei.

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