Tee- und Wärmestube in Werder (Havel) : Essen, waschen, reden

Nach zwei Jahren Umbauzeit ist die Werderaner Tee- und Wärmestube fertig. Sie ist Anlaufstelle für Bedürftige aus dem ganzen westlichen Landkreis.

Gemütliches Stübchen. Martina Müller leitet seit 16 Jahren die Tee- und Wärmestube, die nun ins Stadtzentrum gezogen ist. Täglich essen hier etwa zehn Menschen, 25 holen sich Lebensmittelspenden ab.
Gemütliches Stübchen. Martina Müller leitet seit 16 Jahren die Tee- und Wärmestube, die nun ins Stadtzentrum gezogen ist. Täglich...Foto: Enrico Bellin

Werder (Havel) - Satt sein, saubere Kleidung tragen und in gemütlicher Runde ein paar Wörter loswerden: Was für die meisten Menschen Selbstverständlichkeiten sind, ist für Senioren mit geringer Rente oder Hartz-IV-Empfänger nur schwer möglich. In der Werderaner Tee- und Wärmestube haben sie die Chance dazu. „Für viele unserer Klienten ist die Einrichtung überlebenswichtig“, sagt Leiterin Martina Müller.

Seit 16 Jahren kümmert sie sich um die Bedürftigen der Stadt. Zuerst im Ortsteil Glindow, dann in der Brandenburger Straße in Werder. Doch da gab es bauliche Mängel, die Räume waren feucht. Anfang 2015 zog die Einrichtung dann in ehemalige Lagerräume in der Eisenbahnstraße 1, einem Innenhof direkt an der zentralen Kreuzung der Stadt. Seither wurden die Räume unter eingeschränktem Betrieb saniert, nun ist alles fertig. „Jetzt sind wir mitten in der Stadt, wo wir auch hingehören“, so Müller.

Etwa zehn Menschen würden jetzt täglich bei ihr Mittag essen. Wer kann, zahlt dafür 1,50 Euro. Wenn dienstags und freitags Lebensmittelspenden ausgegeben werden, kämen meist 25. Wer einen Bedürftigkeitsausweis hat, bekommt für einen Obolus von zwei Euro einen randvollen Beutel. „Wir versorgen hier Menschen weit über Werder hinaus, auch aus Michendorf oder Groß Kreutz kommen unsere Klienten.“ Auch Asylbewerber würden seit dem vergangenen Jahr zu Martina Müller und ihren ehrenamtlichen Helfern kommen, die Ausländerbehörde des Landkreises ist nur 500 Meter entfernt.

Getragen wird die Tee- und Wärmestube von der Ernst von Bergmann Sozial GmbH, einer Tochter des Potsdamer Klinikums. Die Stadt bezuschusst den Betrieb jährlich mit 5000 Euro, der Landkreis gibt 40 000 Euro. Zudem würden viele örtliche Unternehmen spenden. Am Donnerstag überreichte Bürgermeisterin Manuela Saß (CDU) eine Spende in Höhe von 250 Euro für Ferienfreizeiten von Kindern, Martina Müller fährt mit ihren Schützlingen eine Woche ins Inselparadies Petzow.

Neben der Spende versprach Saß, schnell Ersatz für den seit Kurzem streikenden Wäschetrockner zu besorgen. „Viele bewohnen nur ein Zimmer und haben keine Möglichkeit, zu Hause Wäsche zu waschen und zu trocknen“, sagt Martina Müller. Mehrmals täglich seien die Geräte im Einsatz.

Auch nach 16 Jahren sei die Wärmestube der gelernten Sozialarbeiterin zufolge nicht bei allen Bedürftigen bekannt. „Es gibt öfter Fälle, wo Menschen hier hereinkommen und erst einmal weinen, weil sie so lange nichts von uns wussten.“ Müller versucht, Abhilfe zu schaffen, spricht auf dem gegenüberliegenden Plantagenplatz mit den dort oft herumsitzenden Männern und Jugendlichen. Auch die Ehrenamtlichen, die Lebensmittelspenden sortieren oder Essen kochen, erzählen im Bekanntenkreis davon.

Einer von ihnen ist Peter H. Für Martina Müller ist er ein gelungenes Beispiel dafür, was ihre jahrelange Beratung bewirken kann. Seit seinem 14. Lebensjahr hat der heute Mitte 50-Jährige stark getrunken. Vor fünf Jahren sei er dann das erste Mal in die Stube gekommen, wohnungslos und am Boden. Müller habe ihm einen Platz in einer Wohngruppe besorgt, doch der Alkohol war zunächst noch ständiger Begleiter – auch wenn man beim Besuch der Wärmestube nüchtern sein muss. Vor zwei Jahren sei H. dann volltrunken zusammengeschlagen worden, musste im Krankenhaus behandelt werden. „Da hat der Arzt gesagt, wenn ich so weitermache, erlebe ich die 60 nicht mehr“, sagt H. Das sei für ihn der Wendepunkt gewesen. Seither sei er trocken und helfe jeden Tag in der Wärmestube.

Doch Martina Müller erlebt auch traurige Schicksale. In den vergangenen Jahren sei die Zahl sowohl von bedürftigen Rentnern als auch jungen Erwachsenen angestiegen. „Die Rentner trauen sich oft nicht herein, die spreche ich dann draußen an.“ Und viele der jungen Erwachsenen, die jetzt regelmäßig zu ihr kommen, kenne sie leider schon seit deren früher Kindheit als Klienten. Um auch ihnen zu helfen, bietet die Sozialarbeiterin Beratungsgespräche an, montags legt sie ausgedruckte Stellenanzeigen auf die Tische. Für einige schwere Fälle sei es sehr hilfreich, dass im Stockwerk über der Wärmestube die Schuldnerberatung der Arbeiterwohlfahrt untergebracht ist.

Da auch viele Familien auf die Unterstützung der Wärmestube angewiesen sind, werden ab sofort zu den normalen Öffnungszeiten zwischen 8 und 15.30 Uhr auch Spielzeugspenden angenommen. Ebenso ist gut erhaltene Kleidung Martina Müller zufolge gern gesehen. Sie selbst geht jetzt, nach der abgeschlossenen Renovierung, in den Jahresurlaub. Um die Abläufe in der Werderaner Einrichtung müsse sie sich aber keine Sorgen machen. Bis auf die Beratungsgespräche, die ohne sie nicht stattfinden, gehe die Arbeit normal weiter. „Unsere Ehrenamtlichen sind inzwischen ein eingespieltes Team geworden.“

Spendenkonto: Ernst von Bergmann Sozial gGmbH, IBAN: DE43 160500001000719487, Verwendungszweck: Spende Tee und Wärmestube Werder

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.