Tag der Architektur : Das ungewöhnlichste Haus in Werder (Havel) steht offen

In Werder (Havel) kann am Sonntag zum bundesweiten Tag der Architektur ein außergewöhnlicher Neubau besucht werden. Rund um Potsdam stehen sechs Objekte offen.

Die Treppe dient im "Haus am See" in Werder (Havel) auch als Bücherregal.
Die Treppe dient im "Haus am See" in Werder (Havel) auch als Bücherregal.Foto: PNN / Ottmar Winter

Werder (Havel) - Vom Gartentor aus erblickt der Besucher hinter einem bewachsenen Hügel einen Pavillon. So etwas wie eine Sommerlaube scheint sich da aus der vom Lavendelblau gezierten Gartenanlage sanft emporzuheben. Ein leichter Bau aus Glas und Holz. Was auffällt, ist die Gliederung der Fassade durch vertikal verlaufende Hölzer. Beim näheren Hinschauen erweisen diese sich als schlanke Säulen mit quadratischem Querschnitt, die um das Gebäude herum verlaufen. Was aus der Nähe ebenfalls klar wird: Der Pavillon in der Straße Am Mühlenberg 21 in Werder (Havel) ist nur die obere Etage eines Hauses. Darunter liegt ein massives Untergeschoss.

Tag der Architektur 2019
Architekt Jurek Brüggen vor seinem "Haus am See".Weitere Bilder anzeigen
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28.06.2019 16:01Architekt Jurek Brüggen vor seinem "Haus am See".

Zum Tag der Architektur an diesem Sonntag steht das Gebäude den Besuchern offen. Das Anwesen befindet sich in der Inselstadt von Werder, direkt am Ufer der Havel. Der untere, massive Teil des Hauses, der vom Gartentor aus wegen der Abschüssigkeit des Geländes zunächst nicht zu sehen ist, wirkt wie ein großer Betonquader, in den man einige Fensteröffnungen hineingeschnitten hat. Während der Pavillon oben das Gefühl sommerlicher Leichtigkeit verströmt, kommen die Betonmauern des unteren Geschosses trotz der Fensteröffnungen durchaus etwas trutzig daher.

Als einen „stil- und typologielosen Stein“ bezeichnet Architekt Jurek Brüggen den unteren Teil des Hauses. Stillos? Das meint der Architekt freilich nicht despektierlich – hat er doch selbst gemeinsam mit dem Berliner Architekten Sebastian Sailer, der mittlerweile am Bodensee ansässig ist, das Gebäude entworfen. Vor rund anderthalb Jahren wurde es fertiggestellt. Der erst 26-jährige Brüggen, der sowohl in Zürich als auch in seiner Heimatstadt Werder als Architekt tätig ist, sagt, man habe bei dem Entwurf nicht einfach eine stilistische Anleihe an eines der recht unterschiedlichen Gebäude in der unmittelbaren Umgebung des Neubaus nehmen wollen. Die Architekten entschieden sich stattdessen für einen, nun ja, gewissermaßen eben „stillosen“ Baukörper mit aufgesetztem Pavillon.

Schlichte Form.
Schlichte Form.Foto: Ottmar Winter

Ein geradezu aufregender Bau in schlichten Formen ist ihnen dabei gelungen. Jenes Untergeschoss aus Beton erzähle gleichsam die Geschichte eines großen Steins, der zum Haus wurde, sagt Brüggen. Das ist natürlich nur sinnbildlich gemeint. Der Betonquader lag nicht etwa schon hier im Garten, als Brüggen und Sailer das Haus planten. Aber man könne es sich so vorstellen: Ein quaderförmiger Stein, der ausgehöhlt wird und in den Fensteröffnungen hineingeschnitten werden, wird zum Wohnhaus. So erklärt es Brüggen. Das Gebäude, sagt der Architekt, „sollte wie ganz selbstverständlich hier an diesem Hang liegen“. Rund drei Meter Höhenunterschied gibt es im Gelände unmittelbar am Haus. Der gesamte Garten mit seinen Wiesen, Bäumen und den beiden kleinen Weinbergen ist bis hinunter zur Havel noch viel abschüssiger.

Und wer die Gartenseite betrachtet, fühlt sich wegen des Säulengangs am Pavillon und der Fenstereinschnitte im Untergeschoss, die von außen die Fensterrahmen nicht erkennen lassen, durchaus an David Chipperfields Eingangsgebäude auf der Berliner Museumsinsel erinnert. Ja, sagt Brüggen, er habe im Vorfeld der Planungen für dieses Haus in Werder unter anderem das Literaturmuseum der Moderne in Marbach besucht – ein Bau, der ebenfalls von Chipperfield stammt. Auch dort gibt es einen Umgang mit rechteckigen Säulen.

Brüggen sieht das Gebäude zudem als so etwas wie ein Jahreszeitenhaus. Denn nicht jeder Raum ist zur ganzjährigen Nutzung geeignet. Im beheizbaren, 85 Quadratmeter großen Betongeschoss könne man das ganze Jahr über wohnen. Der hölzerne Pavillon, dessen gläserne Falttüren einen Austritt auf die umlaufende Terrasse ermöglichen, sei hingegen nicht beheizbar.

Der hölzerne Pavillon ist im Winter nicht beheizbar.
Der hölzerne Pavillon ist im Winter nicht beheizbar.Foto: Ottmar Winter

Die Kosten für das Gebäude – ohne Grundstück – gibt Brüggen mit rund 330.000 Euro an. Das Anwesen wird von einem Ehepaar, das dem Architekten zufolge ungenannt bleiben möchte, unter dem Namen „Haus am See“ als Feriendomizil vermietet. Auch die Inneneinrichtung des Hauses ist apart. Von Brüggen gestaltete Lampen, große Schiebetüren und weiteres fein designtes Interieur geben dem Innern ein nobles Gepräge. Eine Sauna ist ebenfalls vorhanden. Auch für die Abkühlung nach dem Saunieren wird gesorgt: Direkt am Haus gibt es ein Schwimmbecken. Geradezu optisch heiter wirkt die Treppe, die vom Untergeschoss zum Pavillon führt. Sie ist quasi Bestandteil eines großen Bücherregals.

Am Sonntag zum Tag der Architektur können die Besucher noch ein weiteres Highlight auf dem weitläufigen Grundstück betrachten: Ein kleines historisches Belvedere, das von Friedrich August Stüler stammen soll. Für Aus- und Einblicke dürfte also reichlich gesorgt sein.

„Haus am See“, Am Mühlenberg 21 in Werder, geöffnet am 30. Juni von 13 bis 18 Uhr; es werden Führungen angeboten