Potsdam-Mittelmark : Strom aus Gülle lohnt nicht mehr

Landwirte im Kreis wollten Millionen in neue Biogasanlagen investieren. Mit der möglichen Neuerung der Einspeisevergütung stehen ihre Projekte jetzt jedoch auf der Kippe.

Ausgebrannt. Die Verbrennung von Biogasen wird zukünftig nicht mehr so stark gefördert wie bisher. Deshalb wird der Neubau von Anlagen unrentabel.
Ausgebrannt. Die Verbrennung von Biogasen wird zukünftig nicht mehr so stark gefördert wie bisher. Deshalb wird der Neubau von...Foto: dpa

Potsdam-Mittelmark - Jürgen Frenzel konnte es kaum glauben. Der Bauer aus Wittbrietzen saß abends gemütlich vorm Fernseher, als Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) seine Pläne zur Kürzung der Einspeisevergütung für erneuerbare Energien verkündete. „Da bin ich bald aus dem Sessel gekippt“, sagt Frenzel mit brüchiger Stimme.

Pläne für eine zwei Millionen Euro teure Biogasanlage auf dem Hof der Agrar GbR Wittbrietzen, bei der Frenzel Mitinhaber ist, waren schon ausgearbeitet. Nun sind sie reif für den Papierkorb. „Die Anlage, die 400 Kilowattstunden Strom in der Stunde produzieren sollte, lohnt sich jetzt einfach nicht mehr“, sagt der Landwirt. Derzeit bekommen Betreiber von Biogasanlagen 20 Cent pro Kilowattstunde vom Staat, für die Zukunft sind 12 Cent im Gespräch.

Jetzt arbeitet ein Planungsbüro daran, Frenzels Wunsch nach einer eigenen Gasanlage im kleineren Maßstab umzusetzen. Statt drei Gärbehältern wird es wohl nur noch zwei geben, dementsprechend wird weniger Strom erzeugt. „Ich kann die Kürzung ja bei neuen Anlagen verstehen, für die extra Mais angebaut werden muss.“ Frenzel und sein Partner wollen jedoch lediglich die Gülle und Futterreste ihrer etwa 700 Milchkühe in Strom, Wärme und Dünger verwandeln.

„Dadurch werden der Umwelt Schadstoffe erspart, da kaum Ammoniak und weniger Methan entweichen, als wenn man die Gülle direkt auf dem Feld ausbringt.“ Nun müssen schnell neue Pläne und eine Baugenehmigung her. Die Anlage muss vor dem 1. August in Betrieb gehen, damit sich die Firma die derzeitige Einspeisevergütung sichern kann.

Vor der gleichen Herausforderung der kurzen Planungs- und Bauzeit steht Klaus Tietje. Der Landwirt aus Reesdorf, nur zehn Kilometer von Wittbrietzen entfernt, will die Ausscheidungen seiner 300 Milchkühe ebenfalls in einer Biogasanlage zu Geld machen. „Die Anwohner im Dorf haben auch etwas davon, da die Gärreste, die wir als Dünger ausbringen, im Gegensatz zur Gülle auf den Feldern nicht stinken.“ Sie enthielten jedoch genauso viele Nährstoffe. Tietje rechnet gleich mit einer Anlage im kleineren Maßstab: Für 1,1 Millionen Euro soll das Kraftwerk später 265 Kilowattstunden Strom erzeugen. Wenn das komplizierte Genehmigungsverfahren glattläuft, wird in Reesdorf ab Juli Strom produziert.

Im Ortsbeirat hat er das Projekt bereits vorgestellt. Einige Anwohner äußerten Bedenken, dass die Ruhe im Dorf durch Laster gefährdet wird, die Mais zur Anlage fahren. Die Gefahr bestehe jedoch nicht. „Es wäre für uns Blödsinn, etwas in die Gärtanks zu schmeißen, was uns selbst Geld kostet“, so Tietje.

Das gilt laut Wolfgang Lorenz, Mitarbeiter bei der Wirtschaftsförderung des Landkreises, für alle hiesigen Betreiber von Biogasanlagen. „Die Diskussion Tank oder Teller, die wegen überhöhtem Maisanbau zur Biogasherstellung in einigen Teilen der Republik geführt wird, gibt es bei uns nicht.“ Derzeit seien in der Mittelmark 29 Biogasanlagen am Netz, die zusammengerechnet etwa so viel Strom erzeugen wie ein Kohlekraftwerk. Eine aktuelle Studie gehe jedoch davon aus, dass allein mit den Abfällen aus der örtlichen Landwirtschaft etwa 40 mittelgroße Anlagen betrieben werden könnten.

Wolfgang Lorenz berät nun Landwirte wie Jürgen Frenzel, damit diese ihre Pläne schnell durch die Bauaufsicht und das Landesumweltamt genehmigt bekommen. Er rät Landwirten dazu, sich noch schnell die aktuelle Einspeisevergütung zu sichern. „Richtig lohnen werden sich die Anlagen aber nur, wenn auch die Abwärme genutzt wird.“ Eine Biogasanlage erzeuge schließlich zu 60 Prozent Wärme, nur die restliche Energie wird in Strom umgewandelt.

Das beherzigt Timo Wessels. Der Landwirt betreibt bereits drei Biogasanlagen in Damsdorf, Götz und Trechwitz, die zusammen 3 500 Kilowattstunden Strom erzeugen und eine Werkstatt sowie mehrere Häuser beheizen. Vergoren werden Rinder-, Pferde- und Hühnermist. „Bei uns haben sich die Investitionen gut ausgezahlt“, so Wessels. Mit der geplanten niedrigeren Einspeisevergütung rechneten sich solche Investitionen aber auf keinen Fall mehr.

Dabei sei die Mistverwertung äußerst sinnvoll. „Der Strom ist zwar in der Erzeugung relativ teuer, aber im Gegensatz zu Sonnen- oder Windenergie kann man ihn nach Bedarf steuern.“ Obwohl Wessels noch die alte Einspeisevergütung bekommt, trifft ihn die geplante Gesetzesänderung. Neben der Landwirtschaft betreibt er eine Firma mit 40 Angestellten, die Biogasanlagen errichtet. Zwar sei deren Zukunft nicht bedroht, das komme jedoch nur durch Service- und Wartungsarbeiten. Wie es mit dem Neubaugeschäft weitergeht, hänge nun von der Entscheidung der Bundesregierung ab.

HINTERGRUND

Nach Zahlen der Bayrischen Landesanstalt für Landwirtschaft deckt das Biogas aus der Vergärung der Gülle von drei Rindern den Strombedarf eines Dreipersonenhaushaltes. Neben der Gülle kommen auch Futterreste und andere Abfälle aus der Landwirtschaft in die Gärtanks. Bauern dürfen rein rechtlich ihre Anlagen mit bis zu 60 Prozent Mais befüllen, wozu es im Landkreis laut Landratsamt jedoch nicht kommt, da genügend andere Reststoffe zur Verfügung stehen. Künftig sollen nach Gesetzesänderungen noch mehr Abfall- und Reststoffe zur Stromerzeugung dienen und den Anteil von Mais weiter verringern. Dabei sehen Experten die Gefahr, dass in den Anlagen illegal Müll entsorgt werden könnte. An der Änderung wird gegenwärtig gefeilt. Die größte Biogasanlage im Kreis steht mit 1,25 Megawatt Leistung bei Wiesenburg. Daneben stehen im Kreis derzeit sechs Anlagen mit Leistungen bis jeweils 200 Kilowatt und 22 Anlagen mit einer Leistung bis zu je 900 Kilowatt. (eb)

 

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