Streit um Tierhaltung : Bauern wollen den Dialog

Mit einer Kampagne wollen sie Verständnis für Viehhaltung wecken. Die Aktion der mittelmärkischen Bauern ist auch eine Antwort auf das Volksbegehren gegen Massentierhaltung.

Überm Gartenzaun. Zwischen Michendorf und Potsdam hängt seit gestern dieses zweieinhalb mal dreieinhalb Meter große Plakat neben der Bundesstraße 2. Der Kreisbauernverband wirbt damit dafür, sich bei Bauern vor Ort über deren Tierhaltung zu informieren.
Überm Gartenzaun. Zwischen Michendorf und Potsdam hängt seit gestern dieses zweieinhalb mal dreieinhalb Meter große Plakat neben...Foto: KBV

Potsdam-Mittelmark - Es war gestern unüberhörbar: Das laufende Volksbegehren gegen Massentierhaltung wurmt viele mittelmärkische Bauern gewaltig. Jetzt wollen sie mit einer Plakatkampagne verdeutlichen, dass sie, anders als viele Tierschützer meinen, durchaus am Tierwohl interessiert sind. Im Rahmen einer landesweiten Plakataktion sind am Montag auch rund um Potsdam Plakate an den Bundesstraßen von Michendorf, Fahrland und Marquardt nach Potsdam aufgestellt worden. Unter dem Motto „Wir machen Tierwohl“ sind darauf glückliche Bauern in sauberen Ställen mit wohlgenährten Rindern, Hühnern oder Schweinen zu sehen.

Tierwohl sei keine Frage der Bestandsgrößen, sondern des Managements, wie es dazu vom Landesbauernverband hieß. Und da sehen sich zumindest die Bauern rund um Potsdam auf der sicheren Seite. „Wir wollen einen sachlichen Dialog zum Thema Tierschutz voranbringen, keine emotionale Debatte“, sagt Silvia Wernitz, Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes Potsdam-Mittelmark, bei einer Informationsveranstaltung auf dem Hof der Agrargesellschaft Uetz-Bornim zum Start der Kampagne. Konsumenten rief sie auf, sich beim Bauern vor Ort über dessen Tierhaltung zu informieren.

Unbegründete Anzeigen

Ein solcher Dialog ist laut Stephan Otten, Betriebsleiter der Uetzer Gesellschaft, dringend geboten. „Wir hatten schon Anzeigen, weil unsere Kälbchen angeblich frieren würden und die Mutterkühe im Regen stehen“, so Otten, der auf 1500 Hektar rund 350 Kühe hält und Getreide anbaut. „Dabei hatten wir einen Stall, den die Kühe nie benutzt haben.“ Auch sein Kollege Jens König von der Wild- und Rinderfarm Uetz berichtet von unbegründeten Anzeigen. So sei das Veterinäramt in einem Winter zu ihm geschickt worden, da in Tränken am Wegesrand kein Wasser war. Dabei seien etwas weiter hinten auf dem Feld frostsichere Tränken gewesen, aus denen die Kühe rund um die Uhr trinken können.

„Natürlich treffen uns auch die Videos von Quälereien in Schweineställen, aber es ist nicht überall so“, so Stephan Otten, der im Vorstand des Kreisbauernverbandes sitzt. Silvia Wernitz ergänzt, dass die Bauern es verpasst haben, der Bevölkerung den Wandel der Landwirtschaft zu erklären. Von jedem Euro, der in Deutschland für Fleisch oder Lebensmittel ausgegeben wird, blieben nur 26 Cent bei den Bauern – das rechne sich nur bei einer großen Tierzahl.

„Wir haben natürlich Kampagnen wie die Brandenburger Landpartie, bei der Betriebe besichtigt werden können, um nicht immer nur auf Anfeindungen zu reagieren“, so Wernitz. Es gebe aber noch zu viele Bauern, die auf ihren Höfen keine Besucher haben wollen, räumte sie ein. Die Antwort vieler Verbraucher fällt harsch aus:  Im laufenden Volksbegehren zur Massentierhaltung werden unter anderem Obergrenzen für den Tierbestand in Brandenburg und der Verzicht auf neue Mega-Ställe gefordert. Im September hatte Brandenburgs Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger (SPD) zwar bereits verkündet, ab 2017 nur noch Stallbauten finanziell zu fördern, die den Höchstkriterien des Tierschutzes genügen. Tierschützern ist das zu wenig.

32 000 Brandenburger haben unterschrieben

Für das Volksbegehren werden noch bis zum 14. Januar Unterschriften gesammelt. 80 000 sind nötig, damit sich der Landtag erneut mit dem Thema befassen muss. Von Juli bis Oktober hatten bereits 32 000 Brandenburger unterschrieben. Lehnt der Landtag das Volksbegehren ab, würde ein Volksentscheid folgen.

Den Initiatoren des Volksbegehrens geht es auch um artgerechtere Tierhaltung ohne Kürzen von Schnäbeln und Schwänzen sowie den überbordenden Einsatz von Antibiotika. In Niedersachsen wurden im Umfeld von Großställen bereits Antibiotikarückstände im Grundwasser nachgewiesen. Laut Kreisbauernverband sei der Einsatz von Antibiotika im Landkreis aber seit Jahren rückläufig.

Ein Erfolg des Volksbegehrens würde Silvia Wernitz zufolge einen erheblichen Mehraufwand bei Kontrollen und Dokumentationen im Betrieb bedeuten. Weitere Folgen seien nicht absehbar. Die mittelmärkischen Bauern fürchten sogar negative Auswirkungen auf das Tierwohl. Denn neue Stallbauten für eine größere Anzahl an Tieren, die mehr Licht, Platz und Spielmöglichkeiten bieten, würden womöglich nicht mehr gefördert. Auch das Kürzen von Schwänzen bei Schweinen, für Tierschützer eine Quälerei, sei nötig. Sonst würden sich die Tiere die Schwänze gegenseitig abbeißen. Es drohten Infektionen, die wiederum mit Antibiotika behandelt werden müssten.

Brandenburgs Landwirte würden schon jetzt sehr hohe Tierwohlstandards erfüllen, wie auch durch amtliche Kontrollen, Tierärzte und den kritischen Blick der Öffentlichkeit belegt wird, hieß es gestern vom Landesbauernverband. In Potsdam-Mittelmark ist die Zahl großer Tierställe eher gering. Knapp 320 Bauern halten 50 000 Kühe, was einem Durchschnitt von 156 Kühen pro Betrieb entspricht. Rund 95 000 Schweine werden in 18 Betrieben gehalten und drei Millionen Legehennen in 34 Unternehmen.

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