Potsdam-Mittelmark : Stolpersteine

Anmerkungen zu einem Kleinmachnower „Kunstprojekt“

Kleinmachnow - Manchmal vergisst man, manchmal will man vergessen. Wenn es aber drauf ankommt, ist die Erinnerung wieder da, und längst vergangene Dinge scheinen gestern erst passiert zu sein. So geschah es am Dienstag im Rathaus Kleinmachnow, als man die ersten Ergebnisse der Aktion „Stolpersteine“ vorstellte. Eine „Recherche-Gruppe“, bestehend aus Mitgliedern der evangelischen Jungen Gemeinde, des Heimatvereins und des Ortes Kleinmachnows, hatte den deutschlandweiten Impuls des Erfinders, Günter Demnig, aufgenommen. Erklärtes Ziel ist es, „die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Zigeuner, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus“ wachzuhalten.

Auf der Grundlage einer statistischen Erhebung von 1939 erforschten die jungen Leute mit Eifer und manchem Gruseln, wer danach „unfreiwillig“ aus Kleinmachnow verschwand. So entstand eine Reihe von Tafeln mit Namen, Lebensdaten und mutmaßliche Schicksalen. Jedem, postum oder rezent, soll ein 10 mal 10 Zentimeter großer Stein am Ort ihres Verschwindens in den Gehsteig gesetzt werden – „Stolpersteine“ eben. Doch ein Jahr war zu wenig, um genau genug zu sein, schließlich geht es bei dem „Kunstprojekt für Europa“ um die "Veröffentlichung" von Namen, die manch Kleinmachnower noch persönlich kennt.

Nicht unproblematisch also, denn die Dokumentation – Bürgermeister Wolfgang Blasig bestand in seiner Rede auf dem Unterschied zu einer Ausstellung – war bereits an mehreren Stellen mit folgendem Satz überklebt: „Die Recherche ergab, dass die ehemals hier genannte Person NICHT Opfer im Sinn der Aktion ‚Stolpersteine'' ist". Nachdem der Diakon für Jugendarbeit in der Evangelischen Gemeinde Kleinmachnow, Martin Bindemann, über solche Schwierigkeiten im Umgang mit der erforschbaren Wahrheit berichtet und vier junge Leute in den Pausen Klezmer-Musik vorgetragen hatten, zeigten einige Gäste Unmut über den jetzigen Stand der Dinge: Ihnen lägen Listen vor, aus denen hervorginge, dass wenigstens ein weiteres Dutzend der mühsam recherchierten Namen überklebt werden müssen. Lange Gesichter bei den Akteuren: War alles umsonst, verkehrte sich gute Absicht in Stolpersteine der eigenen Sache? Wenn der noch lebende Nachbar es besser weiß als ein Archiv, stimmt doch etwas nicht, Zeitzeugen sind ja die ärgsten Feinde der Historiographie.

Immateriell hat diese Aktion einiges in Gang gebracht: Bindemann erhält Mails von den USA bis Australien, wo man seiner Sache behilflich sein will. Aber es gibt auch andere Stimmen vor Ort: „Ich will nicht genannt werden, ich bin Jude, ich habe Angst. Kein Stein vor meinem Haus!“ Endet das Eingedenken, wo es existentiell gefährlich wird, beginnt da das gewollte, hilfreiche Vergessen? Solche Fragen wären an Impulsgeber Demnig zu richten. Die Recherche-Gruppe wird trotz dieser Verunsicherungen weitermachen. Schon Anfang März, so Bindemann, sind alle Kleinmachnower eingeladen, über weitere Namen Auskunft zu geben oder bisherige Ergebnisse zu korrigieren. „Wir brauchen Mann, Maus und Kopf!“ Ein bisschen fragt man sich, warum. Muss denn wirklich alles vollständig erfasst und registriert sein? Und was, wenn diese Arbeit erledigt, wenn alles namentlich gemacht worden wäre? Genau dann beginnt ja das Vergessen.