Stichwahl in Werder (Havel) : Erfahrung versus Innovation

Heute bestimmen die Werderaner:innen in einer Stichwahl ihre Bürgermeisterin für acht Jahre. Wofür die Kandidatinnen stehen und wer sie unterstützt.

Anna Kristina Bückmann
Am Sonntag ist Stichwahl zwischen der amtierenden Bürgermeisterin Manuela Saß (CDU) und Anika Lorentz (parteilos).
Am Sonntag ist Stichwahl zwischen der amtierenden Bürgermeisterin Manuela Saß (CDU) und Anika Lorentz (parteilos).Foto: Andreas Klaer,PNN,Tsp

Werder (Havel) - Am heutigen Sonntag ist Stichwahl um das Bürgermeisteramt in Werder (Havel). Die CDU-Politikerin und aktuelle Bürgermeisterin Manuela Saß tritt gegen die parteilose Anika Lorentz an, die von Grünen und den Stadtmitgestaltern unterstützt wird. Die wichtigsten Fragen und Antworten vor der Wahl im Überblick. 

Wie ist die Stimmung in Werder?

Werder ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Vor allem junge Familien zog es in die Blütenstadt. Die Vorstellungen über die Stadtentwicklung kollidieren häufig allerdings mit denen der Alteingesessenen. Dass eine Stichwahl notwendig ist, spiegelt diese unterschiedliche Interessenlage wider. Aus Sicht von SPD-Chefin Nadine Lilienthal zeige das Ergebnis, dass die Stadt „breiter geworden ist, bunter“. 

Der FDP-Ortsvorsitzende Eric Vohn sagt indes: „Viele der neuen Bewohner kennen Frau Saß noch nicht.“ Zudem habe die CDU-Politikerin von ihrem Vorgänger, Langzeit-Bürgermeister Werner Große (CDU), profitiert. Der FDP-Mann spricht von „Vorschusslorbeeren“, die Saß durch Großes Arbeit erhalten habe. Dieser war seit den 90er Jahren bis 2014 im Amt. 

Der Stimmverlust der CDU um mehr als 20 Prozent im Vergleich zur vergangenen Bürgermeisterwahl 2014 – von 64,9 Prozent auf 43,4 Prozent – spiegele eine „ganz normale Wählerbewegung wider“, so Vohn. Er findet: „Es ist nicht mehr die CDU-Stadt.“ Dennoch sehe er in dem Wahlergebnis vom 12. Juni keine Wechselstimmung. Die FDP unterstützt Saß im Wahlkampf. 

Wie geht es zwischen den Parteien zu? 

Viele Lokalpolitiker beschreiben den Ton im Wahlkampf als sehr aggressiv. „Es ist unangemessen, unsachlich und sehr persönlich", sagt SPD-Frau Nadine Lilienthal den PNN. Das gelte für viele Seiten und sei auch schon vor der Wahl zu beobachten gewesen. „Der Ablauf in den Stadtverordnetenversammlungen ist echt weit von konstruktivem Umgang entfernt“, sagt sie. Die Kandidatinnen wolle sie aber ausnehmen. 

Auch Timo Ritter von den Linken kritisiert den Ton in der Lokalpolitik. „Der Umgang ist ruppig“, sagt der Polizist. Über einzelne Beiträge in den sozialen Medien wie den der Grünen, die Lorentz' Konkurrenz in einem Tweet als „schwarz-braun-restbunten Sumpf“ bezeichnet hatten (der Eintrag ist inzwischen gelöscht), sei er „sehr erschrocken“. „Unter demokratischer Meinungsbildung verstehe ich etwas anderes.“ Ritter hätte erwartet, dass sich Grünen-Fraktionschef Markus Altmann positioniere. 

Die Grünen waren am Donnerstag kurzfristig nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Lorentz hatte den Beitrag der Grünen, der auch ein Video enthielt, geteilt. Sie habe nicht gelesen, was im Text zum Video gestanden habe. „Ich würde es nicht wieder tun“, sagt sie. Die 39-Jährige empfindet die Stimmung ebenfalls als sehr aggressiv. „Das ist echt unter der Gürtellinie.“ Statt Inhalten stehe das Persönliche im Vordergrund. „Nicht von den Kandierenden, sondern von denen, die dahinterstehen.“ 

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Auch Bürgermeisterin Saß findet den Ton nicht in Ordnung. „Ich stehe für ehrlichen Wahlkampf.“ Manchmal sei es gut, sich aus den sozialen Medien, wo entsprechende Einträge geteilt würden, zurückzuziehen. 

Anders urteilt FDP-Mann Vohn. „Das ist ganz normaler Wahlkampf“, sagt er den PNN. Er halte nichts von „Kuschelwahlkämpfen“. 

Marlon Deter von der AfD hofft, dass man nach der Wahl „zu einer vernünftigen Arbeitsstimmung zurückkommt“. „Wenn das jetzt zwei Jahre bis zur Kommunalwahl so bleibt, das ist nicht gut für die Stadt.“ Und ergänzt: „So kenne ich Werder gar nicht.“ 

Warum unterstützt die SPD Lorentz nicht? 

Dass die SPD weder Saß noch Lorentz unterstützt (bei der Wahl 2014 standen die Sozialdemokrat:innen noch an Saß' Seite), sei auf den rauen Ton in der Politik zurückzuführen, sagt Lilienthal. „Wir haben uns dazu entschieden, keinen der beiden zu unterstützen.“ Wäre der Ton ein anderer gewesen, hätte man mit Sicherheit eine Kandidatin unterstützt, sagt sie. Welche, darauf wollte sich Lilienthal nicht festlegen. „Wir haben mit beiden Parteien inhaltliche Schnittmengen.“ 

Wen unterstützen die anderen Parteien? 

Die FDP unterstützt Saß, schon seit Beginn des Wahlkampfes – ebenso wie die Freien Bürger Werder und das Bürgerbündnis Töplitz. „Wir haben mit Frau Saß gute Erfahrungen gemacht. Sie steht zu ihrem Wort“, sagt Ortsvorsitzender Vohn. Die Unterstützung der Liberalen gebe es aber vor allem deshalb, weil die CDU die Partei bei einem wichtigen Vorhaben unterstützt: der Umgestaltung des Hartplatzes zu einem „neuen Stadtzentrum“ – oder, wie Vohn es nennt: zu einer „schönen Hafenanlage mit Wohnen und Geschäften“. 

Die Linken hatten sich am Donnerstag noch nicht entschieden, ob, und wenn ja, für welche der beiden Kandidatinnen sie Stellung beziehen. Die Mitglieder seien gespalten, so Linken-Politiker Ritter. „Es ist keine eindeutige Richtung erkennbar.“ Am Donnerstagabend wollten die Linken beide Kandidatinnen zu einer Fragerunde einladen. „Im Anschluss daran wollen wir uns beraten. Im Moment sieht es aber nicht so aus, als ob wir uns positionieren“, sagt er. Überschneidungen habe die Partei mit beiden . Die Frage sei zunächst: „Wie stellen wir uns auf?“ Dann käme es darauf an, wie sich Saß und Lorentz positionierten. 

Was sind die grundlegenden Unterschiede zwischen Saß und Lorentz? 

Saß ist eine erfahrene Lokalpolitikerin – nicht nur durch ihre Zeit als Bürgermeisterin seit 2014. Zuvor saß die 59-jährige Juristin aus dem nördlichen Wolgast vier Jahre lang als Erste Beigeordnete in der Werderaner Stadtverwaltung und war damit Stellvertreterin von Vorgänger Werner Große. Saß war seine Wunschnachfolgerin. Sie lebt seit 1997 mit ihrer Familie in Werder. Saß steht zu konservativen Werten: Es sei wichtig, „Beschaffenes zu bewahren“, sagte sie bei einer Diskussionsrunde des Aktionsbündnisses Weltoffenes Werder vor der Wahl. Die Stadtverwaltung sollte mit „Sinn und Verstand geführt werden, sagte sie. 

Konkurrentin Lorentz steht für Innovation und Veränderung. „Weil ich will, dass Werder auflebt“, antwortete sie dieser Zeitung auf die Frage, warum sie Bürgermeisterin werden möchte. Und bei der Diskussionsrunde des Aktionsbündnisses sagte sie: „Werder braucht einen Wechsel“. Die 39-jährige Gymnasiallehrerin für Deutsch und Geschichte ist nicht so politikerfahren wie Saß. 2019 wurde Lorentz in die Stadtverordnetenversammlung gewählt. Bei der Diskussionsrunde des Aktionsbündnisses verriet sie, dass Politik zu Hause oft Thema war. „Wir haben immer politische Diskurse zuhause geführt“. Sie lebt seit ihrer Kindheit in Werder. 

Was hat Saß in Werder vor? 

Die CDU-Politikerin hat sich vor allem die Themen Bauen und Bildung auf die Fahne geschrieben. Die Christdemokraten unterstützen den Bildungscampus der Hoffbauer-Stiftung. In Kinder und Jugendliche müsse investiert werden, findet Saß. Sie seien die Zukunft. 

Was will Lorentz? 

Der 39-Jährigen liegt der Verkehr am Herzen. Die künftige Verkehrsplanung solle die Interessen von Fußgängern, Fahrrad- und Autofahrern gleichwertig behandeln. Daneben setzt sich Lorentz für einen Stopp der Mietpreise ein. Nachhaltigkeit beim Bauen ist ihr wichtig. Sie will mehr Kraft in die Klimaneutralität der Stadt stecken. Werde sie gewählt, möchte sie mit dem Bau von Solaranlagen auf allen öffentlichen Gebäuden beginnen. 

Wie läuft die Wahl ab? 

Die Wahllokale sind am Sonntag von 8 bis 18 Uhr geöffnet. Auch die Abstimmung per Briefwahl ist wieder möglich. Es kommt zur Stichwahl, da keiner der Kandidierenden für das Amt die erforderlichen Stimmen auf sich vereinen konnte. Saß und Lorentz treten an, weil sie am meisten Stimmen hatten (43,4 und 27 Prozent). Gewählt ist, wer mehr als die Hälfte der abgegebenen, gültigen Stimmen erhält, sofern diese Mehrheit mindestens 15 Prozent der wahlberechtigten Menschen umfasst. Erhält kein Bewerber diese Mehrheit, wählt die Gemeindevertretung den Bürgermeister für die nächsten acht Jahre.

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