Stahnsdorf : Regiobus sucht dringend Busfahrerinnen

Regiobus hat zum Probefahren auf seinen Betriebshof nach Stahnsdorf eingeladen Es kamen viele Männer, dabei sucht das Unternehmen händeringend nach Busfahrerinnen. Und das hat Gründe.

Sebastian Goddemeier
Audrey Mieser hat am Samstag in Stahnsdorf mehrere Runden mit einem Linienbus auf dem Regiobus-Betriebshof gedreht.
Audrey Mieser hat am Samstag in Stahnsdorf mehrere Runden mit einem Linienbus auf dem Regiobus-Betriebshof gedreht.Foto: Sebastian Goddemeier

Stahnsdorf - Audrey Mieser wirkt gelassen. Das große Lenkrad vor ihr beeindruckt sie wenig, auch nicht die acht Spiegel am und im Bus. Und das, obwohl die 25-jährige Berlinerin zum ersten Mal am Steuer eines Linienbusses sitzt. Am Samstag konnten sie und weitere 50 Interessierte auf dem Betriebshof der Regiobus in Stahnsdorf Probebusfahren.

90 Prozent der Regiobus-Angestellten sind Männer

Audrey Mieser, passionierte Autofahrerin, ist eine der wenigen Frauen, die zum Testfahren kamen. Die anderen Interessenten auf dem Betriebshof sind vor allem Männer um die 30 Jahre, die meisten aus der Region. Manche von ihnen sind Fernfahrer, die überlegen den Job zu wechseln. Andere wiederum wollen sich zum Berufsfahrer ausbilden lassen. Die junge Frau steht klar im Mittelpunkt. Denn mehr als 90 Prozent der Angestellten von Regiobus sind Männer, sagt deren Geschäftsführer Hans-Jürgen Hennig. Mit dem Tag der offenen Türe möchte er vor allem auch Interesse bei potenziellen Bewerberinnen wecken.

Neben Hennig stehen der Betriebshofleiter und die Chefin der Personalabteilung. Sie erzählen, was für Voraussetzungen man mitbringen muss, wie die tägliche Arbeit aussieht und dass eine Ausbildung zweieinhalb Jahre dauert. Ihnen geht es um Personalgewinnung, junge Menschen an das Unternehmen zu binden. Besonders die Kraftfahrer hören aufmerksam zu, als Hennig sagt: „Busfahrer sind in der Regel jeden Abend zu Hause, Fernfahrer nicht.“

Keine der angestellten Frauen hatte einen Unfall

Über 153 Busse verfügt Regiobus für den Linienverkehr. 320 Fahrer befinden sich im Einsatz. Zehn von ihnen sind Frauen. Dabei sind sie es, die im Linienbusverkehr besonders gefragt sind, betont Hennig auf Nachfrage. Das liege an ihrer Sozialkompetenz. Frauen seien ruhiger und sicherer im Verkehr. „Keine unserer Fahrerinnen hat im vergangenen Jahr einen Unfall gebaut.“ Auch Beschwerden hätte es über sie nicht gegeben. Wie es bei den Männern aussieht, ließ Hennig dagegen offen.

Die erste Fahrt von Audrey Mieser kann losgehen, alle Spiegel sind eingestellt, der Fahrlehrer neben ihr erklärt das Automatikgetriebe. Der Bus rollt über den großen Parkplatz, Audrey Mieser hat viel Platz. „In der Stadt könnte ich das nicht“, sagt Audrey Mieser während sie in eine Rechtskurve fährt. Wenn ihr jetzt Fußgänger, Radfahrer oder Autos in die Quere kommen würden, käme sie ins Schwitzen. Auf dem Betriebshof hingegen ist das Busfahren eigentlich ganz leicht – auch wenn man sich immer wieder bewusst machen muss, dass man keine große Kühlerhaube vor sich hat, sondern vor den Rädern sitzt.

Problem: Image und die tagtägliche Realität

Gelassenheit, Kontrolle behalten, mutig sein: das sind Eigenschaften, die einen Busfahrer ausmachen, erklärt der Fahrlehrer. Eigenschaften, die auch Frauen haben. Aber warum setzen sich so wenige hinters Steuer eines Busses. „Frauen können den Job auch machen, klar.“ Das Problem sei das Image und die tagtägliche Realität, sagt die Berlinerin.

Wolle man mehr Frauen gewinnen, müsse man mit besseren Outfits anfangen, scherzt sie. Und fügt etwas ernster hinzu: „Der Gedanke, nachts mit nur einem Fahrgast im Bus zu sein, ist angsteinflößend.“ Man sitze schutzlos vorne mit dem Geld. Sie glaubt, dass Frauen als Busfahrerin sich verletzbarer fühlen könnten. „Es hat bestimmt nicht so viel mit der Tätigkeit an sich zu tun, dass es so wenige Fahrerinnen gibt.“

Für Frauen sind Arbeitszeiten schwierig

Ähnlich sieht es auch Regiobus-Chef Hennig. Der Job sei schön, aber aufgrund der Arbeitszeit nicht leicht vereinbar: „Der Busfahrer ist morgens der Erste und bringt alle anderen zur Arbeit, abends ist er der Letzte und bringt alle nach Hause. Für Frauen ist das oft nicht einfach.“ Vor allem, wenn sie kleinere Kinder hätten. Seine Angestellten fahren in Schichten, an Wochenenden und Feiertagen. Dass Busfahrerinnen Angst um ihre Sicherheit haben müssten, sei unbegründet. „Wir haben Funk- und Videoüberwachung.“

Um mehr Frauen zu locken, veranstaltet Regiobus neben dem Probebusfahren für Jedermann auch regelmäßig Schnuppertage für potenzielle Busfahrerinnen. Der nächste soll im kommenden Jahr Anfang März stattfinden. Das Ergebnis des letzten Testfahrens für Frauen kann sich sehen lassen: 25 Interessierte folgten der Einladung von Regiobus, drei von ihnen kamen sogar zu Bewerbungsgesprächen. Ob sie bald zum Regiobusteam gehören, steht derzeit noch nicht fest. Jedoch arbeitet das Unternehmen daran, die Quote langfristig zu erhöhen.

Für Audrey Mieser wäre der Beruf der Busfahrerin doch nichts. Sie fährt zwar gerne und viel Auto, der Studentin im Masterstudiengang „Human Rights“ werden sich später andere Berufswege eröffnen. Das Busfahren war für sie eine nette Abwechslung.