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Stahnsdorf : Blutendes Wildschwein randaliert im Stahnsdorfer Friseur-Salon

Großer Schreck in Stahnsdorf: In einen Friseur-Salon ist am Wochenende ein verletztes Wildschwein eingedrungen und hat den Laden ruiniert. Brisant: Auch Kunden waren im Laden.

Das Wildschwein hat nicht nur Blumen umgeworfen, sondern auch Möbel beschädigt.
Das Wildschwein hat nicht nur Blumen umgeworfen, sondern auch Möbel beschädigt.Foto: privat

Stahnsdorf - Es war, als ob eine Bombe im Geschäft explodiert, sagt Hannelore Heinrich. Plötzlich stieß das Wildschwein die Glastür zu ihrem Friseursalon in der Stahnsdorfer Lindenstraße auf, rannte einmal durch den Laden, schmiss Flaschen, Rollwagen und Pflanzen um und blutete alles voll. Das war am Samstag gegen 11.30 Uhr. „Ich hatte gerade zwei Kunden im Laden, die sind zum Glück ruhig geblieben“, sagt die 68-Jährige. Sie habe das große Schwein – es ging Hannelore Heinrich bis zur Hüfte und war deutlich länger als einen Meter, wie die Friseurmeisterin zeigt – angeschrien. „Ich war wütend, dass das Tier hier meinen Laden demoliert.“

Inhaberin Heinrich im Video: „Ich wollte meinen Salon verteidigen“

Die kleine, aber resolute Frau stellte sich in den Gang, schirmte sich mit einem vom Schwein umgeschmissenen runden Tisch zum Tier hin ab und schrie so lange, bis das Wildschwein wieder aus dem Geschäft war. Nach wenigen Minuten war der Spuk vorbei. „Zum Glück ist niemand verletzt worden. Die Kunden haben sich ruhig in eine Ecke gestellt.“ 

Als das Tier raus war, begannen sie sofort mit den Aufräumarbeiten. Das Tier habe schon geblutet, bevor es die gläserne Salontür mit einem großen Knall aufgedrückt hat, beschreibt Friseurmeisterin Heinrich. Im Laden sei es sogar auf der eigenen Blutspur ausgerutscht. Bevor sie alles aufräumten, machten Heinrich und eine Kundin noch Fotos. Dem Sohn hat sie um 11.40 Uhr eine Nachricht geschrieben: „Ein Wildschwein hat gerade meinen Laden verwüstet.“

Sohn und Enkel haben das Geschäft am gleichen Tag noch hergerichtet, Möbel repariert und die mit Blutspritzern überzogenen Wände neu gestrichen. „Das sah alles aus hier, als ob das Tier geschlachtet wurde“, erinnert sich Heinrich. Eimerweise hätten sie und die Kunden Blut weggewischt, mehrere Rollen Zewa verbraucht. Noch am Mittwoch, vier Tage nach dem Vorfall, steigt der Stress bei der 68-Jährigen bei den Schilderungen, spricht sie schneller und lauter.

Das verletzte Wildschwein rannte in den Friseur-Salon in der Stahnsdorfer Lindenstraße.
Das verletzte Wildschwein rannte in den Friseur-Salon in der Stahnsdorfer Lindenstraße.Foto: Manfred Thomas

Die Polizei habe nichts unternommen

Gleich am Samstag habe sie die Polizei informiert. „Die haben aber nur gesagt, dass sie nichts mehr machen können, weil das Schwein ja schon raus ist.“ Gekommen sei niemand, so die Friseurmeisterin. Noch nicht einmal den Jagdpächter hätten die Polizisten über den Vorfall informiert, wie es nach Ansicht der Friseurmeisterin und auch der Gemeinde Stahnsdorf dringend nötig gewesen wäre. Ein Sprecher der zuständigen Polizeiinspektion Potsdam konnte den PNN am Mittwoch noch nicht erklären, weshalb dies nicht geschah. Der Vorfall sei ihm nicht bekannt.

Am Sonntag habe Heinrich, die den kleinen Laden mit zwei Angestellten seit der Wende hat und auch einen großen Salon mit neun Mitarbeitern in Teltow betreibt, dann den Jagdpächter selbst informiert. Der habe das verletzte Tier bis gestern aber nicht ausfindig machen können. Wie Heinrich anhand der Blutspuren auf dem Gehweg nachvollziehen konnte, kam das Tier einen Feldweg vom Dorfplatz aus zur Lindenstraße gerannt. Als es aus dem Salon heraus gestürmt war, schoss es noch über die Straße auf ein Nachbargrundstück, wo es allerdings keinen Schaden mehr angerichtet habe. 

Die Versicherung wird wohl nicht für die Schäden aufkommen

Wie hoch der Sachschaden ist, kann Heinrich nicht beziffern. Die Versicherung werde den Wildschweinschaden wohl nicht bezahlen. Zwar konnten Sohn und Enkel vieles wieder herrichten, aber die zahlreichen Flaschen mit Pflegeprodukten, die zu Bruch gingen, bekäme sie nicht ersetzt, so Heinrich.

Laut Stahnsdorfs Sprecher Stephan Reitzig ist es das erste Mal, dass Wildschweine nicht nur in Gärten, sondern auch in Häuser eindringen. Am Dienstag seien Mitarbeiter des Ordnungsamtes im Laden gewesen. „Wir haben keinen Zweifel an den Schilderungen von Frau Heinrich“, so Reitzig gegenüber den PNN. „Wir gehen davon aus, dass das Tier angefahren wurde und deshalb in Panik war. Nur so lässt sich erklären, warum es in den Laden rannte, statt vor Menschen zu flüchten.“ 

Gemeinde will die Schweine mit Pfeil und Bogen jagen

Es sei ein „außergewöhnlicher Vorfall, der unseren Initiativen weiter Nachdruck verleiht“, so Reitzig. Wie berichtet hat Stahnsdorf beim Landesumweltministerium eine Sondergenehmigung beantragt, um Jägern in der Gemeinde zu ermöglichen, bis Ende 2020 mit Pfeil und Bogen zu jagen. Ein entsprechender Antrag wird derzeit beim Ministerium bearbeitet. Die Tiere können aus Sicherheitsgründen im bewohnten Ort – auch der Vorfall am Samstag war an einer belebten Straße – nicht geschossen werden. Zwar würden jedes Jahr Sondergenehmigungen erteilt, damit Jäger auf einigen Flächen etwa am Schwarzen Pfuhl schießen dürfen, doch sei meist die Gefahr zu groß, Menschen zu treffen, so Reitzig.

Im elfseitigen Schriftwechsel von Gemeinde, Jagdpächter und Ministerium, der den PNN vorliegt, wird auch auf die Gefahr einer Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest im Gemeindegebiet hingewiesen. Für Haus- und Wildtiere hätte ein Ausbruch „dramatische Folgen“. Der Erreger kann von Menschen aus anderen Ländern eingeschleppt werden.

Zwar ist noch kein offizieller Bescheid des Ministeriums zum Bogenschießen erteilt worden. Angesichts der hohen Wildschweinpopulation sind laut Ministerium aber alternative Jagdmethoden im dicht besiedelten Raum in Erwägung zu ziehen. „Zu diesen alternativen Methoden zählen unter anderem die Verwendung von Saufängen sowie die Bogenjagd“, erläutert das Ministerium.

Bürgermeister Albers fordert mehr Wildschweingerichte in der Waldschänke

Hinter den sogenannten Saufängen verbergen sich Lebendfallen, die die Gemeinde Stahnsdorf ebenfalls anschaffen will. Ein Antrag zum Kauf von der SPD-Fraktion wird in der kommenden Gemeindevertretersitzung beraten. Die Genehmigung, solche Lebendfallen einzusetzen, hat die Gemeinde bereits erhalten. Am 21. Februar wird die Gemeindevertretung zudem darüber entscheiden, ob Jäger für erlegte, aber wirtschaftlich nicht verwertbare Tiere eine Prämie erhalten. Die entsprechende Vorlage werde vorbereitet.

Wie berichtet fordert Bürgermeister Bernd Albers (Bürger für Bürger) auch, dass der künftige Betreiber des Restaurants Waldschänke mindestens drei Wildschweingerichte anbietet. So soll der Absatz des Fleisches gesteigert werden. Ob der Vorschlag tatsächlich umgesetzt wird, ist aber offen. Die Ausschreibung für den Betrieb der Gaststätte endet Stephan Reitzig zufolge erst nächste Woche Freitag. Zwar habe es Gespräche mit Interessenten gegeben. Ob es auch Angebote gab, könne er aber noch nicht sagen.

In Stahnsdorf, Kleinmachnow und Teltow ist die Wildschweindichte wie berichtet sehr hoch. Zwar halten sich die Tiere meist am Rand der Gemeinde auf. Zuletzt hatte jedoch auch ein Video einer durch ein Wohngebiet ziehenden Schweinerotte im Internet für Aufsehen gesorgt.