Potsdam-Mittelmark : Schwebende Elfen neben Grabsteinen

Zur Kulturnacht am Samstag kamen 3 000 Besucher auf den Stahnsdorfer Südwestkirchhof

Kirsten Graulich Tassilo Hummel
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24.08.2014 22:45

In der Nase beginnt die erste Irritation: Würziger Bratwurstduft steigt himmelwärts über dem Haupteingang zum Friedhof, von rechts tönt laute Musik ans Ohr. Für Besucher der Kulturnacht auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof hatte der Förderverein auf dem 206 Hektar großen Gottesacker Überraschendes und Sinnliches parat. Die Erlöse des Events sollen zum Erhalt des Friedhofs beitragen, 3 000 Gäste sind am Samstag dabei.

Hinter dem Eingang wird es sofort andächtig still, obwohl Familien mit Kinderwagen, Jugendliche und Seniorengruppen in Scharen kommen. Es scheint, als würden die dunklen Tannen, breiten Wege und alten Gräber unmerklich zur Totenruhe mahnen. Langsam schreiten die Besucher umher, gesprochen wird im Flüsterton – dann hört man die erste Musik. Der laute Trommelwirbel, der zu Tourbeginn vom Programmpunkt „Wintergarten Varieté“ herüber weht, zieht Besucher magisch an, die sich den mystischen Mentalmagier Ully Loup nicht entgehen lassen wollen. Ludwig Schuch – ein ehemaliger Direktor des Varietés – ist auf dem Friedhof begraben, in der Nähe des Haupteingangs. Im gleichen Grabblock liegt der Komponist und evangelische Kirchenmusiker Hugo Distler beerdigt. Seinem Erbe fühlt sich der Berliner Hugo-Distler-Chor verpflichtet, der vor dem Mausoleum Falkenberg fünf Musikstücke singt, darunter den Choral „In der Welt habt Ihr Angst“.

Klar und voller Innigkeit klingt der Chorgesang vor dem angestrahlten Mausoleum, was die Zuhörer so beeindruckt, dass sie jede Bewegung vermeiden, um ein Knarren im Unterholz zu verhindern. Distler, der in panischer Angst vor dem Kriegsdienst lebte, war aufgrund seines Engagements für geistliche Chormusik ins Fadenkreuz von NS-Ermittlern geraten. 1942 wählte er den Freitod. Auf seinem Grabstein findet sich die Inschrift aus dem Johannes-Evangelium: „In der Welt habt Ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

Am zentralen Platz vor der Holzkapelle sind die prächtigen Mausoleen in buntes Scheinwerferlicht getaucht. In einen dieser Totentempel hat sich eine Harfenspielerin gesetzt, ganz in sich gekehrt, mit langem grauen Haar. Man könnte meinen, sie mache das jede Nacht seit der Friedhofsgründung 1909.

Hier, in der Mitte des Kirchhofs, ist auch Olaf Ihlefeld anzutreffen. Er lernte das Gärtnern in Schloss Sanssouci und ist seit 25 Jahren der Leiter des Kirchhofs. Ihlefeld ist heute Abend „ehrlich gesagt sehr stolz“. In Hunderten Arbeitsstunden habe er mit einer Handvoll Leuten aus dem Förderverein die Kulturnacht vorbereitet. Ob der Verein dadurch Geld einnimmt, mit dem man die teils heruntergekommenen, von Angehörigen aufgegebenen Gräber sanieren könnte, kann er noch nicht sagen. Schön wäre es, viel Geld werde es jedoch „auf keinen Fall“. Mit der Kulturnacht will Ihlefeld das Verhältnis der Menschen zu Friedhöfen entspannter machen – das nennt er seine „Vision“.

Eingeladen hat Ihlefeld unter anderem die Potsdamer Dance Company Marita Erxleben, die mit einer Tanzperformance im Urnenhain das Publikum bezaubert. Wie Elfen schweben die jungen Tänzerinnen und Tänzer ganz in Weiß über die mit Scheinwerfern beleuchtete Wiese – beinahe entrückt wie von einer anderen Welt. Dazu zitieren sie Rilke: „Wie habe ich das gefühlt, was Abschied heißt“. Von Rilke hat sich auch der Kleinmachnower Grafiker Rainer Ehrt zu seiner Grafik-Text-Collage inspirieren lassen, die er in tintenschwarze Nacht projiziert. Der Tod lauert auf seinen großformatigen Holzschnitten überall, fast wie ein Gepäckstück hängt er den Kreaturen an. Ehrt erteilt zudem Seitenhiebe auf aktuelle Bestattungsarten: zu große Wiesen für zu kleine Urnen. Der Künstler hat seine Arbeiten bereits zur Kulturnacht 2003 präsentiert und nun Veränderungen registriert: „Die Baumstämme hier sind in den zehn Jahren dicker geworden, wir dagegen dünner“.

Einmal scheint es, als ob aus der Ferne Klavierakkorde und flirrende Saitentöne über die Wiesen kullern, die aussehen wie das Bühnenbild einer Märchenaufführung. Tatsächlich wird ganz in der Nähe die Oper „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck aufgeführt, der hier seine letzte Ruhe fand. Kurz vor Mitternacht ertönt dann Glockengeläut von der Stabholzkirche, vorn am Haupteingang sind die Imbissstände leer geräumt, und nur eine Mostrichflasche steht noch einsam mitten auf dem Tisch.

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