Potsdam-Mittelmark : Schultzens Töng

Warum Obstwein vom Siedlerhof beim Blütenfest einen Euro teurer ist

Henry Klix
Kein Brummschädel. Günter und Michael Schultz (links) gestern mit Gästen.
Kein Brummschädel. Günter und Michael Schultz (links) gestern mit Gästen.Foto: hkx

Werder (Havel) - Am Samstag beginnt in Werder das Baumblütenfest. Es wurde vor 134 Jahren aus der Taufe gehoben, damit die Obstbauern mit dem Weinverkauf nach dem Winter wieder Geld in die Kasse bekommen. Der Obstwein steht bis heute im Mittelpunkt des neuntägigen Spektakels, keiner macht ihn besser als Bauer Günter Schultz vom Siedlerhof in Glindow. Der Familienbetrieb mit zehn Leuten hat sich auf die Herstellung von – inzwischen vielfach preisgekrönten – Bränden, Likören und eben Obstweinen aus eigenem Anbau spezialisiert.

Seit Jahren wird Schutzens Wein mit „Goldene Kruken“ überhäuft – ein Qualitätssiegel, das Werders Obstbauverein kurz vor dem Festbeginn an die besten Obstweine des Jahrgangs vergibt. Schultzens „Schwarze Johanna“ ist eine Legende, Erdbeer und Sauerkirsche vom Blütenfest nicht wegzudenken und Himbeere selbst für Festbesucher gefährlich, die sich Zurückhaltung geschworen haben. „Man spürt, dass da Fachwissen hintersteckt und sich jemand sehr viel Zeit dafür nimmt“, sagt der Vorsitzende des Obstbauvereins Walter Kassin.

Wie bekommt man den Obstwein so hin? Schultz verrät ein paar Details aus seinem 22 Jahre alten Hof: So käme nur hervorragendes Obst für den Wein infrage, „das beste, was das Jahr gibt“. Er messe – wie ein guter Weinbauer – vor der Ernte den Mostgehalt. Manchmal wird die Ernte dann eine Woche verschoben, um etwas mehr Sonne reinzubekommen. „Je mehr Sonne, desto besser der Wein.“

Das eigentliche Geheimnis: Nach der Fruchtgärung und vor dem Abfüllen werde der Obstwein abgeschmeckt, mit Sohn Michael, der nicht nur Obstbau-, sondern auch Brennmeister ist. Dann bekomme der Wein den Pfiff. Und womit? „Mit dem Töng“, wie er mit seinem breiten Glindower Lächeln sagt. Auf weitere Fragen reagiert der Bauer wortkarg oder ausweichend, redet von Sensorik, zitiert die Familiengeschichte und Werbeversprechen anderer Markenhersteller heran. „Die S-Klasse steht für Qualität, und so ist das hier auch.“

Was denn nun der Töng ist? Schultzens machten in der vierten Generation Obstwein, sagt Bauer Schultz. „Mein Vater hat schon gesagt: Junge, denk an den Töng.“ Nein nein, mehr sagt er nicht. Und die anderen, betont er, die machten doch auch einen guten Wein.

Hinter Schultzens Vermarktungserfolg beim Baumblütenfest stecken einfache Regeln: Eine lautet, nicht alles zu verraten. Es gibt eine weitere: die acht Stände. Dass es acht sind, hat einen guten Grund. „Die Leute laufen ja beim Blütenfest, und wenn der Becher leer ist, dann muss unser nächster Stand in Sichtweite sein.“ Weil der Wein natürlich gereift sei, der Schädel davon nicht brumme, ist die Flasche bei Schultz mit sieben Euro einen Euro teurer als auf dem Rest der Festmeile. Absatzprobleme ergeben sich daraus nicht.

Und dann ist da noch der Kreativitätsbonus: Vor ein paar Jahren hätten Gäste verlangt, mal was anderes, ganz was Neues zu bekommen. Da hat Schultz nacheinander Erdbeer-, Himbeer- und Johannisbeerwein in einen Becher gegossen – und es entstand der Sexwein, noch so ein Verkaufsschlager. Ob der Wein tatsächlich Frühlingsgefühle potenziert, ist nicht überliefert. Schultz begründet den Namen vergleichsweise harmlos: In allen drei Früchten steckten ja zwei E’s, macht sechs E’s, macht Sexwein. Und dreimal Töng. Henry Klix

Mehr Informationen zum Blütenfest unter werder-havel.de/baumbluete

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