• Schluckspechte und Schnapsdrosseln Zweiter Teil der Fercher Chronik führt vergessene Gasthäuser und Kneipen in Ferch zusammen

Potsdam-Mittelmark : Schluckspechte und Schnapsdrosseln Zweiter Teil der Fercher Chronik führt vergessene Gasthäuser und Kneipen in Ferch zusammen

Wolfgang Post

Schwielowsee · Ferch - Die „Urzelle“ des Gastronomiegewerbes im Schwielowseeort Ferch existiert nicht mehr. 1992 ließen Investoren das ehemalige FDGB-Heim „Pierre Semard“ abreißen. Vor dem Krieg war es als Kurhaus eines der Zentren des dörflichen Lebens. Auf einen Neubau warteten die Fercher bisher vergeblich. Der Ausschank begann hier schon Ende des 17. Jahrhunderts in einer mit Stroh gedeckten Hütte. Nacheinander hieß die Stätte am Schwielowsee Dorfkrug, Gasthof zur Erholung Kurhaus und schließlich FDGB-Heim. In ihrer Glanzzeit stiegen im „Kurhaus“ u. a. Marika Rökk, Hans Albers, Harry Piel, Emil Jannings ab. Hier residierte während der Olympischen Spiele 1936 die japanische Delegation. Das und noch vieles Mehr ist im gerade erschienenem Band II der „Wahren Geschichten“ des Arbeitskreises Heimatgeschichte vom Kulturforum Schwielowsee zu lesen. Eine Autorengruppe unter der Federführung von Heinz und Helga Schmiedel trug alles Wissenswerte über bestehende und vergessene gastronomischen Einrichtungen von Ferch zusammen. Demnach ist das „Haus am See“ das älteste bestehende Gasthaus. Der Kunstmaler Göbel ließ es 1900 errichten. Damit seine Küche stets frischen Fisch zur Verfügung hatte, pachtete er von Kähne den Petzower Haussee. In den mehr als 100 Jahren erfolgten zahlreiche Um- und Anbauten, aber das „Grundgesicht“ blieb bis heute, wo im „Haus am See“ unter dem Besitz von Brigitte Stein 130 Innen- und 200 Terrassenplätze sowie 21 Hotelzimmer zur Verfügung stehen. Anstelle eines 1950 eingerichteten Bootsverleihs entstand ab 1954 direkt am Schwielowseeufer die „Bootsklause“ der Familie Heinicke. Die Freude über die gut gehende Gaststätte währte aber nur bis zum August 1962. Nach Blitzschlag brannte das Gebäude ab. Der erfolgte Neubau steht heute noch in seinen Grundmauern. Das „Landhaus Ferch“ fast „nebenan“ löste 1991 die 1967 errichtete Konsum-Gaststätte „Strandperle“ neben dem Strandbad ab. „Zum alten Fercher“ entstand aus einer Verkaufsstelle für Waren des täglichen Bedarfs für den Zeltplatz Neue Scheune. Über 29 gastronomische Einrichtungen wird berichtet. So stimmt“s schon, wenn die Fercher Karnevalisten sagen: Hier sind Schluckspechte, Blaumeisen und Schnapsdrosseln zu Hause. Aber die Hälfte steht nur noch auf dem Papier, die meisten sind vergessen. Kaum jemand erinnert sich noch an „Gasthof zum Mittelbusch“. „Unsere Vorfahren in Mittelbusch mit dem Namen Genseke gehen bis auf 1738 zurück“, schreibt Margarete Krogmann, geb. Genseke, und zeigt die Entwicklung des Hauses „mitten im Wald (Busch)“ zum Fercher Ortsteil in breiten Facetten auf. Wer kennt noch die einst beliebte Wald- und Bahnhofswirtschaft Ferch-Lienewitz (1911-1972), oder weiß, dass es in Kammerode „Weidmanns Ruh“ und in Kemnitzer Heide einen Ausschank gab? „Fercher Rezepte“ runden den Inhalt der wiederum feinen, 66-seitigen Broschüre ab, die für 3,50 Euro im Tante-Emma-Laden in der Beelitzer Straße von Ferch erhältlich ist.Wolfgang Post