Potsdam-Mittelmark : Schicksale und Stolpersteine

In der Stadt Teltow soll jetzt an zehn weitere Opfer der Nationalsozialisten erinnert werden

Kirsten Graulich
Wieder in Teltow. Der Kölner Künstler Gunter Demnig wird zur Verlegung der Stolpersteine erwartet.
Wieder in Teltow. Der Kölner Künstler Gunter Demnig wird zur Verlegung der Stolpersteine erwartet.Foto: Thilo Rückeis

Teltow - Sie sollen an die Schicksale von jüdischen und anderen Teltower Einwohnern erinnern, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden: Am 28. November werden in der Stadt zehn neue Stolpersteine verlegt. Seit 2008 erforscht eine auf Initiative von Rolf-Dieter Bornschein gegründete Arbeitsgruppe die Lebenswege von Opfern des NS-Regimes. Die Stolpersteine werden mit einer kleinen Messingplatte versehen, auf der die persönlichen Daten der Verfolgten eingraviert sind. Die Idee stammt vom Kölner Künstler Gunter Demnig, der bereits vor zwei Jahren 16 Stolpersteine in Teltow verlegte.

Zu rund 20 Namen wurde seinerzeit für die Aktion recherchiert, deren Ergebnisse in der viel besuchten Ausstellung „Sie waren unsere Nachbarn – jüdisches Leben in Teltow bis 1945“ im Rathaus zu sehen waren. Unter Federführung der Historikerin Gabriele Bergner forschte die Arbeitsgruppe anschließend nach weiteren Verfolgten, darunter Kommunisten wie Fritz Thieke, der 1894 in Teltow geboren wurde und mit seiner Familie in der Bäckerstraße 4 lebte. Thieke arbeitete als Schlosser bei den Union-Fluzeugwerken und war auch auf dem einstigen Teltower Flugplatz beschäftigt.

Als im Juli 1933 vor allem KPD- und SPD-Funktionäre in „Schutzhaft“ genommen wurden, zählte Thieke zu den ersten Opfern der NS-Willkür. Deutschlandweit waren bis Ende Juli 1933 rund 26 000 Menschen in Schutzhaft, ohne Möglichkeit auf rechtlichen Beistand durch einen Anwalt. Thieke wurde vorgeworfen, er habe die KPD-Zeitung „Rote Fahne“ verteilt. Rund vier Monate wurde er im KZ Oranienburg festgehalten. Ein weiterer Stolperstein wird in der Bäckerstraße 4 für Ewald Thieke, den jüngeren Bruder verlegt werden, der seit 1914 in mehreren Heilanstalten lebte und am 9. August 1940 in der Landespflegeanstalt Brandenburg ermordet wurde.

Einen Monat zuvor war in der Anstalt auch die 57-jährige Teltowerin Emma Wahlsdorf umgebracht worden, die bis 1902 in der Breiten Straße 30 lebte, ehe sie in eine Pflegeanstalt kam. 1939 hatte Hitler erklärt, er werde nicht nur Krieg gegen äußere Feinde, sondern auch gegen einen inneren Feind führen: gegen Kranke und Menschen mit Behinderungen. Bei dieser geheimen Aktion unter dem Kürzel „T 4“ handelte es sich um einen organisierten Krankenmord von „Ballastexistenzen“.

Auch für Oskar Pollner, SPD-Mitglied und bis 1933 Teltower Stadtrat, wird ein Stolperstein verlegt. Eine Straße wurde bereits nach ihm benannt, doch seine Spur konnte nur bis zum Datum seiner Verhaftung am 22.8.1944 verfolgt werden. An diesem Tage startete die Aktion „Gitter“, eine Massenverhaftung, die sich besonders gegen ehemalige SPD-Mitglieder richtete, die von den Nazis bereits vorsorglich auf Listen erfasst waren.

Teltower Stadtverordneter bis zum Frühjahr 1933 war auch August Förster, ein KPD-Funktionär, der 1933 gleichfalls in Schutzhaft genommen wurde. Und obwohl er danach unter Polizeiaufsicht stand, war Förster nach seiner Entlassung im illegalen Widerstand. Trotz zahlreicher Hausdurchsuchungen, wurde jedoch der Abzugsapparat nicht gefunden, mit dem er Flugblätter druckte. Förster hatte ihn unter einem Brennholzhaufen in seiner Wohnung versteckt. Von 1937 bis 1939 wurde er wegen „Hochverrates“ zu Zuchthausstrafe verurteilt und anschließend erneut unter Polizeiaufsicht gestellt. Als „wehrunwürdig“ eingestuft, ereilte ihn die Dienstverpflichtung erst im Endstadium des Krieges. Bei Frankfurt/Oder musste er Stellungen bauen. Als stellvertretender Bürgermeister war er nach dem Krieg in Teltow mit der Wohnungsnot konfrontiert, baute neue Verwaltungsstrukturen mit auf – und ab 1948 auch die neue Stadtpolizei. Neben Förster soll mit Stolpersteinen auch an Ludwig Niedermaier, Andreas Müller, Anne und Stanislaus Binek sowie Auguste Neumann Steine erinnert werden.

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