Potsdam-Mittelmark : Sandeimer über den Kopf gekippt

Nach dem Bekanntwerden staatsanwaltlicher Ermittlungen berichteten Eltern den PNN, wie an der Kita „Werderaner Früchtchen“ Anspruch und Wirklichkeit auseinanderdrifteten

Henry Klix

Werder (Havel) - Vor zwölf Jahren hat das Berliner „Institut für angewandte Sozialisationsforschung“ ein neues Kita-Konzept entwickelt, es heißt wie das Kürzel des Instituts „Infans“. Die Idee: die Neigungen der Kinder für die pädagogische Arbeit nutzen. 1500 Kitas arbeiten danach, darunter die „Werderaner Früchtchen“. Am Ende der Kitazeit bekommen die Eltern ein dickes Portfolio überreicht. Das alles bindet bei einem der bundesweit schlechtesten Kita-Personalschlüssel erhebliche Kräfte. „Lieber als ein paar gefüllte Leitzordner wäre mir, wenn ich mein Kind gut betreut wüsste“, sagte ein Vater aus Werder gegenüber den PNN.

Nach der Berichterstattung über die staatsanwaltlichen Ermittlungen bei den „Werderaner Früchtchen“ haben sich mehrere Eltern an die PNN gewandt. Es geht um den Verdacht der Misshandlung von Schutzbefohlenen, um angebliche Klapse auf die Hand, um kalte Duschen. Ein den PNN namentlich bekannter Vater berichtete, dass seiner Tochter ein Spielzeugeimer mit Sand über den Kopf gekippt worden sei. Die Erzieherin hätte die Dreijährige zuvor wiederholt aufgefordert, den Eimer zu leeren. Die Kitaleitung übergab den Fall an die Polizei. Die Eltern wurden aufs Revier eingeladen – und erfuhren dort davon.

Das alles hat natürlich nichts mit Infans zu tun. Gewaltfreie Erziehung ist ein Grundrecht. Laut Grundgesetz ist jede Form körperlicher Bestrafungen, seelischer Verletzungen und anderer entwürdigender Maßnahmen unzulässig. Drei Anzeigen gegen zwei Erzieher, die dagegen verstoßen haben, sollen vorliegen, die Staatsanwaltschaft wollte das inzwischen nicht mehr bestätigen. Vor allem, weil weitere Anzeigen möglich seien, weil es Kreise ziehen könne, wenn ein solcher Fall bekannt wird, wie ein Sprecher der Ermittlungsbehörde sagte.

Zum Bekanntwerden hat die Stadt Werder bislang nicht genügend beigetragen, so empfinden es einige Eltern. Zwar gibt es seit letzten Donnerstag Aushänge, in denen darüber informiert wird, dass die einvernehmliche Trennung vom Kitaleiter nichts mit den Ermittlungen und Vorwürfen zu tun habe. „Ich hätte mir aber gewünscht, dass die Stadt proaktiv an die Eltern und besonders an die betroffenen Eltern herantritt“, sagte ein Vater. „Es muss ja niemand seine Schuld einräumen.“ Er empfinde es aber als befremdlich, wenn das Rathaus nach solchen Vorfällen öffentlich erklärt, dass Kinder bei den „Werderaner Früchtchen“ gut aufgehoben sind.

Schon seit Monaten soll es Beschwerden gegeben haben, die von der Stadt unter den Tisch gekehrt worden seien – auch zu den Methoden einzelner Kitamitarbeiter, wie Eltern gegenüber den PNN erklärten. „Wir sind froh, dass dieses Thema nun endlich einmal aufgegriffen wird, leider erst durch die Strafverfolgungsbehörden“, sagte ein Vater. Wobei er betonte, dass die meisten Mitarbeiter der größten kommunalen Kita einen sehr guten Job machen würden.

Mancher dachte schon darüber nach, ob unter der aufwendigen, individuellen Infans-Portfolios die Fürsorge und Aufsicht leiden. Die Erzieher sollen täglich Beobachtungen zu jedem Kind dokumentieren, Interessen, Themen und Angebote ableiten. Währenddessen soll es einem Jungen gelungen sein, im vorigen Jahr zweimal aus der Kita auszubüchsen, er soll danach eine Warnweste anbekommen haben. An manchen Tagen würden die Kinder von drei oder sogar vier unterschiedlichen Erzieherinnen betreut, wie es von Eltern heißt. „Vielleicht haben einzelne Mitarbeiter dem Druck nicht mehr standgehalten“, sagte ein Vater, der die angezeigten Erziehungsmethoden damit nicht gerechtfertigt wissen will.

Das Rathaus will sich mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht zu den konkreten Vorfällen äußern. Auch Fehler und Probleme der Kita wolle er nicht öffentlich diskutieren, sagte Bürgermeister Werner Große (CDU). Eltern könnten sich dazu jederzeit ans Rathaus wenden. Er bestätigte gestern, dass ein Junge vor gut einem Jahr das Kitagelände verlassen hatte. Andere Eltern hätten ihn durch das kindersicher verschlossene Tor gelassen. Das sei mit den Eltern des Jungen, dem verantwortlichen Erzieher und dem Kitaleiter ausgewertet worden. Der Erzieher sei ermahnt worden. „In Abstimmung und auf Vorschlag der Mutter wurde festgelegt, dass der Junge zukünftig eine kleine ,Warnweste“ tragen soll.“

Richtig sei auch, dass die Kita seit Jahren nach Infans arbeite. Die Mitarbeiter hätten zugestimmt und täten das auch heute, so der Bürgermeister. „Es wird Aufgabe der neuen Leitung der Einrichtung sein, hier gemeinsam mit dem Team in Abstimmung mit der Verwaltung notwendige pädagogische Entscheidungen zu treffen.“ Das klingt nicht nach einem funktionierenden Konzept.

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