Potsdam-Mittelmark : Rückhalt für Pektinwerk

Trotz Protesten: Stadtverordnete billigen Vorentwurf für Werkserweiterung

Henry Klix
Darstellung der neuen Pläne aus einer Präsentation des Bürgermeisters vom Donnerstagabend. Foto/Montage: Rathaus Werder
Darstellung der neuen Pläne aus einer Präsentation des Bürgermeisters vom Donnerstagabend. Foto/Montage: Rathaus Werder

Werder (Havel) - Trotz massiver Bürgerproteste unterstützen Werders Stadtverordnete mehrheitlich die Erweiterungspläne für das Pektinwerk der Firma „Herbstreith & Fox“ in Kemnitz. Gegen die Stimmen von SPD / Grünen und Linken wurde ein Vorentwurf eines Bebauungsplanes gebilligt, der den Bau einer neuen Trestertrocknungsanlage, einer Obstverarbeitung und eines Geothermie-Kraftwerks möglich machen soll. Direkt an der Landesstraße L 90 wird zudem über den Bau einer Tank- und Raststätte nachgedacht. Dem Vernehmen nach will „Herbstreith & Fox“ seinen Firmensitz komplett nach Werder verlegen. Derzeit besteht noch ein zweiter Standort in Neuenbürg (Baden / Württemberg).

Bewohner der benachbarten Kolonie Zern befürchten, dass sich die Lebensbedingungen für sie, besonders durch die Immissionen einer zweiten Trestertrocknung, massiv verschlechtern. Auch nach einer ausführlichen Darstellung der Sachlage durch Bürgermeister Werner Große (CDU) ließen sich die Gemüter der etwa 60 angereisten Kemnitzer am Donnerstagabend in der Stadtverordnetenversammlung kaum beruhigen. „Wir haben schon den Lärm von der Autobahn und den Gestank vom Klärwerk. Jetzt bekommen wir noch Fluglärm und neue Industrie dazu“, wetterte ein Anwohner. Von „kalter Enteignung“ war die Rede. Ein Bürger fühlt sich durch die Stadtverordneten nicht vertreten, auch weil die 15 Hektar große Kolonie vor zwei Jahren im neuen Flächennutzungsplan zur „Grünfläche“ deklassiert wurde.

Bürgermeister Große betonte, dass man sich mit der Billigung des Bebauungsplanentwurfs noch in einer frühen Planungsphase befinde. Die genauen Standorte der neuen Industrieanlagen könnten erst nach der Beteiligung von Fachbehörden geklärt werden. Er schloss nicht aus, dass sie noch etwas von der Kolonie abrücken. „Alle Grenzwerte werden berücksichtigt.“ Zudem würden alle Veränderungen im Industriegebiet dem „Besserungsgebot“ unterliegen. „Es darf mit dem Bebauungsplan keine Verschlechterung für die Nachbarschaft eintreten“, sagte Große.

Kritisch äußerte er sich zur Wortwahl der Bürgerinitiative „Leben am Zernsee“, in einer ihrer Protestresolutionen war von „geplanter Vertreibung“ die Rede. Mit dem Begriff würden staatliche Maßnahmen gegenüber Bevölkerungsgruppen bezeichnet, um sie zum Verlassen ihrer Herkunftsregion zu zwingen. „Genau das Gegenteil soll durch den Bebauungsplan erreicht werden“, sagte der Bürgermeister.

Die Gemeinde Kemnitz habe vor der Eingemeindung nach Werder in ihrer Bauleitplanung – ungeachtet der Einwände des Landesumweltamtes – ignoriert, dass gegenüber der Kolonie Zern ein 19 Hektar großes Industriegebiet besteht. Im alten Flächennutzungsplan sei der Bereich ein weißer Fleck geblieben, die Stadt Werder habe für den Fall der Eingemeindung aber eine Sicherung des Standortes zugesagt. Im B-Planverfahren gehe es nun darum, die Industrieanlagen mit der Kolonie „in Übereinstimmung zu bringen“. Für letztere gelte ein Bestandsschutz, eine „Weiterentwicklung“ solle aber nicht mehr gefördert werden.

Große verteidigte den „Industriekern“, den die Stadt benötige, wenn sie sich Projekte wie die Blütentherme leisten will. Nach seinen Angaben sind bei „Herbstreith & Fox“, der benachbarten Großküche von „Sodexo“ und dem Lebensmittelzulieferer „Condio“ 289 Menschen tätig.

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