Reckahn : Erfolgreiche Revision nach Kindesmissbrauch

Der Fall eines Reiterhof-Inhabers aus Reckahn wird im Potsdamer Landgericht neu verhandelt – für die Eltern der Opfer, die im Saal sitzen, eine Tortur.

Henry Klix
Milderes Strafmaß? Frank E. (l.) wartete gestern mit seinem Anwalt Matthias Schöneburg auf den Prozessbeginn.
Milderes Strafmaß? Frank E. (l.) wartete gestern mit seinem Anwalt Matthias Schöneburg auf den Prozessbeginn.Foto: dpa

Kloster Lehnin - Er hat Kinder und Heranwachsende sexuell missbraucht. Doch Frank E., Betreiber eines Reiterhofs in Reckahn, wird davon profitieren, dass in der rechtlichen Bewertung solcher Fälle differenziert werden muss. Mehr vielleicht, als seinen fünf Opfern recht sein kann. Der 57-Jährige war vor einem Jahr wegen Kindesmissbrauchs und Missbrauchs Schutzbefohlener zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt worden – und hat erfolgreich Revision eingelegt.

Gestern wurde der Fall beim Potsdamer Landgericht neu verhandelt. Einige der Eltern saßen, schwer atmend, im Publikum. Frank E. kann mit einer milderen Strafe rechnen wenn, voraussichtlich nächsten Dienstag das Urteil verkündet wird. Zwölf Jahre lang hat er Jungen sexuell missbraucht, hat versucht, die Zwölf- bis Vierzehnjährigen in Gespräche über Sexualität zu verwickeln, hat sich ihnen körperlich genähert, an ihren Geschlechtsteilen manipuliert, sie geküsst und ihre Hände in seine Hose geführt. In zwei Fällen ist es zum kurzen Oralverkehr gekommen.

Die Eltern hatten Frank E. ihre Kinder anvertraut. Sie sollten in den Ferien auf dem Reiterhof arbeiten, Kutsche fahren oder in der Gärtnerei helfen, die Frank E. mit seiner Frau nebenbei betrieb. Die Taten hat er weitgehend zugegeben, das Strafmaß als zu hoch empfunden. Der Bundesgerichtshof gab ihm recht: Drei der Fälle sind verjährt, weil die Jungen zur Tatzeit vierzehn waren. Für Heranwachsende gelten kürzere Verjährungsfristen als für Kinder, die Altersgrenze ist auch für das Strafmaß relevant. Bei neun Fällen gibt es keine Zweifel an den Tatabläufen. Der BGH fand aber im Landgerichtsurteil unbeantwortet, ob Frank E. bewusst war, dass seine Opfer noch Kinder waren.

Der Angeklagte zeigte sich gestern reumütiger als in der ersten Verhandlung. Die U-Haft hat Spuren hinterlassen, E.s Gesicht ist eingefallen. Er habe mit dem Gefängnis-Pfarrer gesprochen, seine pädophilen Neigungen kann er immer noch nicht begründen. Er schäme sich und hoffe, bei den Opfern keine weiteren Schäden verursacht zu haben. E. nimmt für sich in Anspruch, sie nicht mit Gewalt genötigt und von ihnen abgelassen zu haben, „wenn sie nicht wollten“. In der Verhandlung im vorigen Jahr wurde das von den Zeugen bestätigt, auf das Urteil hatte sich das bereits strafmildernd ausgewirkt.

Gestern nun ging es um die Frage, ob Frank E. das Alter der Jungen kannte. Für einen Fall räumte er ein, gewusst zu haben, dass er ein Kind missbraucht. In der Verhandlung wurde aus einer E-Mail zitiert, in der E. seinem Opfer zum zwölften Geburtstag gratulierte. Bei den anderen Fällen sei er „subjektiv davon ausgegangen“, dass die Jungen „schon pubertieren“ und wenigstens vierzehn gewesen seien, sagte E. Der Vorsitzende Richter dachte laut darüber nach, ob nicht schon mit elf die Adoleszenz einsetzen kann.

Bei der Vernehmung eines Vaters kamen weitere Zweifel auf: Er schilderte, wie eng seine Familie mit Frank E. und dessen Frau befreundet gewesen sei, wie man mit den eigenen vier Kindern Geburtstag und Silvester miteinander feierte. Sein Sohn Jochen* aus erster Ehe – eines der Opfer E.s – lebe zwar bei der früheren Frau. Frank E. habe sich aber, wenn Jochen am Wochenende in Reckahn war, intensiv um ihn gekümmert, Jochen zum Blumenmarkt, zu Turnieren und Festkutschfahrten mitgenommen. Mehrfach hat er Jochen missbraucht. Dass E. nicht wusste, dass der Junge keine 14 war, glaubt der Vater nicht. „Er kannte Jochens Geburtstag.“ Der Junge sei auch nicht frühreif gewesen.

Der Vater relativierte die Lesart des ersten Urteils, dass die Kinder keine psychischen Schäden davongetragen haben. „Die Jungen haben das vor Gericht so gesagt, aber das sind Schutzbehauptungen.“ Jochen sei ängstlich geworden, habe therapeutische Maßnahmen abgeblockt. „In dem Alter haben Jugendliche keine Werkzeuge zur Problembewältigung.“

Die Frage eines Nebenklägeranwalts, ob er nicht schon als Judolehrer Ende der 70er-Jahre seine pädophilen Neigungen auslebte, wollte Frank E. nicht beantworten. Er stellte sich als geläutert dar, wolle zurück zu seiner Frau, die ihm verziehen habe. Auch sein 29-jähriger Sohn besuche ihn im Gefängnis. E.s Anwalt sagte nach der Verhandlung, dass sein Mandant eine Psychotherapie beginnen wolle. In der ersten Verhandlung hatte er das abgelehnt.