• Potsdam-Mittelmark: Wurden ukrainische Studenten als billige Erntehelfer missbraucht?

Praktikanten-Trick : Wurden ukrainische Studenten als billige Erntehelfer missbraucht?

Ein Spargelhof in Potsdam-Mittelmark soll Ukrainer unterhalb des Mindestlohns bezahlt haben, der Geschäftsführer weist die Vorwürfe zurück.

Stechen fürs Studium? Ukrainische Studenten sollten auf dem Domstiftsgut ein Praktikum absolvieren. 
Stechen fürs Studium? Ukrainische Studenten sollten auf dem Domstiftsgut ein Praktikum absolvieren. Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Beelitz/Mötzow - Wird bei Mittelmarks Spargelbauern der Mindestlohn umgangen, indem Praktikanten aus der Ukraine auf den Feldern das Gemüse stechen? Einer Recherche des rbb zufolge soll das Domstiftsgut Mötzow bei Beetzsee Studenten aus dem nicht zur Europäischen Union gehörenden Land als billige Erntehelfer missbraucht haben. Der rbb schildert einen Fall, bei dem ein 20-Jähriger aus dem Ort Charkow einen Stundenlohn von unter sechs Euro erhalten habe. Das Domstiftsgut konnte Anfragen der PNN zu dem Fall am Montag nicht beantworten, die zuständigen Mitarbeiter seien nicht vor Ort.

Anzahl der Fälle ist unklar

Laut dem Fernsehsender erhielten die Studenten 40 bis 50 Cent pro gestochenem Kilogramm Spargel, je nach dessen Qualität. Der Geschäftsführer des Domstiftsgutes hatte dem Sender gegenüber erklärt, dass ein Ausgleich gezahlt werde, falls der Mindestlohn von 9,19 Euro nicht erreicht werde. Der Student bestreitet dies jedoch.

Wie viele solcher Fälle es im Land gibt, konnte das Arbeitsministerium des Landes am Montag auf PNN-Anfrage nicht sagen. Im Ministerium wird derzeit an einem Drittstaatenabkommen gearbeitet, damit Spargelbauern ganz legal Arbeitskräfte aus der Ukraine einsetzen können.

Vereinschef: Keine Studenten-Helfer auf Beelitzer Feldern

Auf ein solches Abkommen drängen vor allem die Spargelbauern in Beelitz: „In Polen gibt es das schon, dort können Ukrainer auf den Feldern arbeiten“, so Jürgen Jakobs, der Vorsitzende des Beelitzer Spargelvereins. Derzeit kämen etwa 85 Prozent der Spargelstecher aus Rumänien, der Rest aus Polen. Von den Einsätzen von Praktikanten aus Ländern außerhalb der EU habe Jakobs, in dessen Verein 15 Spargelbauern organisiert sind, noch nicht gehört. „Wir wollen angenehme Arbeitsbedingungen“, so Jakobs. 

Bis zu 3000 Euro für die Arbeiter

Schließlich sei man ja auch auf die Saisonarbeiter angewiesen. Studenten würden bei der gestern zu Ende gegangenen Spargelernte in Beelitzer Betrieben nicht eingesetzt, da die Erntesaison nicht in den Semesterferien liegt.

Jakobs zufolge würden die Erntehelfer mindestens den gesetzlichen Mindestlohn und oft auch Prämien erhalten. Die besten Arbeiter würden so auf einen Monatslohn von 3000 Euro netto kommen, sagt Jakobs, gibt aber auch zu: „Wer bei der Ernte eine Mindestmenge nicht erreicht, wird nach der Probezeit nicht weiter beschäftigt.“

Winkelmann garantiert den Mindestlohn

Auch Spargelbauer Ernst-August Winkelmann bestätigt den PNN, dass Mindestlohn in seinem Betrieb garantiert ausgezahlt wird. Zusätzlich würden Arbeitszeit und Erntemenge erfasst. Sollte die geerntete Spargelmenge über einem vorgegebenen Maß liegen, erhielten die Erntehelfer zusätzlich eine Prämie ausgezahlt. Etwa drei Viertel seiner Arbeitskräfte stammen aus Rumänien, das andere Viertel aus Polen.

Ernst-August Winkelmann vom Spargelhof Klaistow.
Ernst-August Winkelmann vom Spargelhof Klaistow.Foto: Sebastian Gabsch/PNN

Auch der Beelitzer Bürgermeister Bernhard Knuth (Unabhängiges Kommunalbündnis) glaubt nicht, dass die Spargelbauern in seiner Stadt versuchen, den Mindestlohn durch Tricks zu umgehen. „Aufgrund seiner Beliebtheit wird der Beelitzer Spargel von einigen leider auch immer sehr argwöhnisch beobachtet, und das wissen die Spargelbauern. Gesetzliche Vorgaben werden aber in den Betrieben strikt eingehalten“, so Knuth am Montag in einer Pressemitteilung.

Bernhard Knuth ist Bürgermeister von Beelitz.
Bernhard Knuth ist Bürgermeister von Beelitz.Foto: Gérard Lorenz

Die meisten Spargelstecher reisen nach der Saison ab

Laut Jürgen Jakobs würde die Einhaltung der Standards auch strikt kontrolliert, Mitarbeiter des Zolls seien regelmäßig in den Betrieben zu Gast und kontrollierten die Arbeitszeit und die ausgezahlten Löhne. Seine Mitarbeiter hätten meist zwei Verträge mit ihm: einen Arbeitsvertrag und einen für Unterkunft und Verpflegung, die meisten Arbeiter würden auch bei ihm wohnen wollen. Pro Tag koste die Warmmiete sechs Euro, dazu kämen vier Euro für die Vollverpflegung. Täglich würde eine Mahlzeit angeboten, die nach rumänischem oder polnischem Rezept zubereitet werde. Alle 14 Tage wiederhole sich der Speiseplan.

Die meisten Spargelstecher würden nun nach dem Saisonende abreisen, rund die Hälfte der Verkaufsstände sei bis zum gestrigen Montag geschlossen worden. An einigen wenigen Ständen wird Jakobs zufolge noch Donnerstag bis Samstag Spargel verkauft, auch im Restaurant des Spargelhofes werde in dieser Woche noch Spargel angeboten.

In der Region Beelitz wurden 11.000 Tonnen Spargel geerntet

Wie berichtet ist Jakobs mit der diesjährigen Spargelsaison überaus zufrieden. 11 000 Tonnen seien in der Region geerntet worden, was genau der Hälfte der Erntemenge in ganz Brandenburg entspricht. Diese Menge wurde bisher nur im Jahr 2017 erreicht und war damals die größte Ernte seit 1991.

In Beelitz wird die in den vergangenen Wochen von weißen und schwarzen Folien geprägte Landschaft nun deutlich grüner: Der Spargel entwickelt jetzt Laub, um Photosynthese zu betreiben. Die dabei entstehenden Kohlenhydrate werden in den Wurzeln eingelagert und bilden so den Grundstock für die Spargelernte im kommenden Jahr. Sonnige Sommer wie derzeit helfen der Pflanze dabei, wenn die Bauern ihre Felder ausreichend bewässern. (mit dpa)

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