• Potsdam-Mittelmarks neuer Landrat Marko Köhler im Interview: "Schutzschneisen um bewohnte Gebiete könnten nötig sein"

Potsdam-Mittelmarks neuer Landrat Marko Köhler im Interview : "Schutzschneisen um bewohnte Gebiete könnten nötig sein"

Seit fast 100 Tagen ist der SPD-Politiker im Amt. Im PNN-Interview spricht er über die dramatischen Waldbrände, den Immobilienboom im Kreis - und die Absage von Christian Große. 

Marko Köhler (SPD), seit 1. April 2022 Landrat von Potsdam-Mittelmark.
Marko Köhler (SPD), seit 1. April 2022 Landrat von Potsdam-Mittelmark.Foto: Andreas Klaer

Herr Köhler, Sie sind noch nicht einmal 100 Tage im Amt, da erlebt Potsdam-Mittelmark die schwersten Waldbrände seit Langem – die Stadt Beelitz entging nur knapp einer Katastrophe. Wie haben Sie diese Tage und Nächte erlebt?
Ich hatte an dem Freitag gerade meine Tochter aus der Kita abgeholt. Dann habe ich die erste Meldung über die Nina-Warnapp erhalten: Waldbrand in Treuenbrietzen. Ab da war ich nahezu von Freitag an bis durchgängig Dienstag vor Ort, mit je nur vier, fünf Stunden Pause; nach Hause fahren, schlafen, duschen und wieder hinfahren. Allein Treuenbrietzen war hochdramatisch, die Evakuierung in Tiefenbrunnen, da waren Menschenleben in Gefahr. Dann kam Frohnsdorf dazu. 

Als wir dort über die Evakuierung entscheiden mussten, hatte das Feuer eine Laufgeschwindigkeit von ungefähr 25 Meter in der Minute. Es waren noch 300 bis 400 Meter bis zum Ort. Als wir die Lage einigermaßen stabilisiert hatten, kam urplötzlich Beelitz dazu. Wir waren gut strukturiert, haben schnell gehandelt. Der Regen hat uns in die Karten gespielt, da kann man von Glück sprechen. Insgesamt kann man sagen, es war ein guter Einsatzverlauf. Natürlich haben wir auch unsere Defizite festgestellt. Diese werden wir jetzt zügig im Sommer auswerten.

Bei Treuenbrietzen standen im Juni große Waldflächen in Flammen.
Bei Treuenbrietzen standen im Juni große Waldflächen in Flammen.Foto: dpa

Welche waren das?
Zum Beispiel die Kommunikation. Die Abstimmung zwischen der Technischen Einsatzleitung und dem Verwaltungsstab. Es waren keine dramatischen Dinge, aber solche, die beim nächsten Mal besser laufen sollten. Wir haben aber auch schon viel aus den Bränden 2018 gelernt. So waren wir mit der Wasserversorgung besser aufgestellt.

Waren dies Momente, in denen Ihnen das Ausmaß Ihrer neuen Verantwortung als Landrat bewusst geworden ist?
Ja, sehr wohl. In solchen Momenten wird einem diese Verantwortung, die man ja immer trägt, noch einmal viel deutlicher bewusst. Bei so einer großen Lage merkt man auch, dass man selbst an körperliche und mentale Grenzen kommt, obwohl ich nicht der war, der im Wald stehen musste. Aber man muss Entscheidungen treffen, die Tragweite haben, und diese müssen vernünftig und gut sein.

[Lesen Sie auch: Brandschutz versus Baumschutz: Soll das Totholz im Wald von Treuenbrietzen liegenbleiben? (T+)]

Klar ist, es wird wieder brennen in Potsdam-Mittelmark. Und in der Zukunft wegen des Klimawandels wohl noch häufiger, vielleicht noch schlimmer. Wie schützen Sie die Bevölkerung im Landkreis?
Wir wussten 2018 schon viel, wir wissen jetzt noch mehr. Es gibt verschiedene Ansätze, um gegen die Brände vorzugehen.

Die dichten Rauchwolken waren kilometerweit zu sehen.
Die dichten Rauchwolken waren kilometerweit zu sehen.Foto: picture alliance/dpa

Welche sind dies, welche müssen noch ausgebaut werden?
Dazu gehört die Munitionsbergung. Wir hatten teils gar nicht die Möglichkeit, das Feuer wirklich zu bekämpfen, sondern konnten es nur einzudämmen, weil die Kameradinnen und Kameraden nicht in die Fläche konnten. Die Gebiete zu betreten zum Löschen habe ich auch ganz ausdrücklich untersagt. Die Munitionsbergung wird eine großes Thema sein, um für die Zukunft besser aufgestellt zu sein. Wir müssen weiter schauen, ob wir ausreichende Technik für die Feuerwehrleute haben. 

Aber es gibt noch ein großes Thema: den Waldumbau. Da können wir uns besser wappnen. Die Kiefernwälder, praktisch Kieferplantagen, die da in Reihe und Glied wie auf einem Spargelfeld stehen, die haben eine hohe Brandlast. Aber der Umbau ist eine Generationenaufgabe, ähnlich wie die Munitionsbergung. Daher ist die Frage, wie auch Umweltminister Axel Vogel es gesagt hat, ob es nicht nötig ist, Schutzschneisen um die bewohnten Gebiete zu ziehen. Ob das umsetzbar ist und wie, das müssen wir klären.

Landrat Köhler rechnet mit weiteren Waldbränden im Kreis.
Landrat Köhler rechnet mit weiteren Waldbränden im Kreis.Foto: Andreas Klaer

Dass für die Schneisen Bäume gefällt werden müssen, ist mit Blick auf den Klimawandel sicher alles andere als gut. Aber bei den Waldbränden waren Menschenleben oder ihr Hab und Gut gefährdet. Viele Betroffene fragen sich: Warum zögert der Landkreis, das Land?
Es müsste viel geholzt werden. Bei so einem Baumkronenbrand, wie wir ihn hatten, ist dann auch mal ein 10 bis 20 Meter breiter Schutzstreifen nichts. Das wird vom Feuer einfach übersprungen, vor allem bei so hohen Windstärken, wie wir sie hatten. Da muss man sehen, wie man sich gemeinsam aufstellt. Das müssen wir mit der Landesebene, mit der Forst und mit den privaten Eigentümern klären.

Auf Ihrer Agenda stehen Klimaschutz und nachhaltiger Verkehr. Was genau haben Sie auf diesen Feldern vor in Potsdam-Mittelmark?
Gerade zum nachhaltigen Verkehr, und da ziele ich auf den Öffentlichen Personennahverkehr ab, sind wir als Landkreis auch im Vergleich zu anderen Kreisen hervorragend aufgestellt. Jetzt kommt zum Jahreswechsel eine deutliche Verbesserung mit den Taktverdichtungen beim RE1 und RE7 - wo wir dann natürlich unsere Busanbindungen entsprechend anpassen müssen. Wir merken aber auch, dass wir politisch gemeinsam getragene Entscheidungen zur Finanzierbarkeit treffen müssen.

Zum Jahreswechsel kommt es im regionalen Zugverkehr zu Taktverdichtungen.
Zum Jahreswechsel kommt es im regionalen Zugverkehr zu Taktverdichtungen.Foto: Sebastian Gabsch PNN

Was meinen Sie damit?
Die Busunternehmen, vor allem die kleineren, hatten schon vor Corona Schwierigkeiten, emissionsarme Busse zu finanzieren. Daneben stellen sich Fragen wie: Gibt es diese Fahrzeuge auch für den ländlichen Raum? Kann man diese Strecken damit zurücklegen? Ist die Lade-Infrastruktur wirklich darstellbar? Wir haben bei der Landesgartenschau in Beelitz den ersten E-Bus im Einsatz. Beim Laden kommt der Betriebshof von Regiobus schon jetzt an seine energetischen Grenzen. Und nun kam der Angriffskrieg gegen die Ukraine hinzu. Jetzt haben wir noch einmal komplett andere Voraussetzungen.

Welche sind das?
Wir müssen uns offen die Frage stellen, was wollen wir und was können wir? Wenn man sich die Energiepreise anschaut, wenn man sieht, wie lange die Lieferzeiten von Material und Fahrzeugen sind, stellen wir fest, dass Dinge, die wir uns gerne wünschen, zum einen zeitlich nicht umsetzbar sind und auch die Finanzierung in Frage steht. Die Frage ist jetzt: Was ist machbar?

Der Krieg bremst also die Klimaschutzmaßnahmen aus.
Der Kreistag hat 2020 den weiteren Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs beschlossen. Gerade diskutieren wir, ob wir den Ausbau auf vier Jahre strecken müssen. Es ist sonst schlicht nicht finanzierbar. Die Busunternehmen sind nicht in der Lage, sie haben weder die Fahrzeuge, noch das Personal. Wir haben dort, wie in allen Branchen, deutlichen Personalmangel. Wir haben alle gehofft, dass der Krieg nicht so lange dauern wird. Es ist wichtig, einen Transformationsprozess im Nahverkehr zu beginnen, aber da reden wir jetzt sicher von einer Dekade bei der Umsetzung.

Sehen Sie direkte Folgen des Ukrainekriegs in Potsdam-Mittelmark – und wenn ja, welche?
Der Krieg hat dramatische Folgen für die Menschen, vielen geht es jetzt um die Sicherung der Lebensverhältnisse. Viele haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Aber auch die Folgen für die Verwaltung sind dramatisch. Wenn wir das Drei- oder Vierfache für Energie ausgeben müssen, müssen wir schauen, wo wir sparen können. Die Mitarbeitenden der Verwaltung sind durch Corona bereits seit 24 Monaten im Krisenmodus gewesen, haben wegen der Corona-Ausfälle faktisch an der Grenze ihrer Belastbarkeit gearbeitet. Dann kam der Krieg obendrauf. Die vielen Fragen zu den Geflüchteten, die Kindergartenbetreuung, Schulplätze. Wir stoßen personell deutlich an unsere Grenzen.

Wie kommt der Landkreis mit den Hunderten Geflüchteten zurecht, wie ist derzeit die Lage beispielsweise bei der Unterbringung in Wohnungen?
Wir haben immer noch rund 90 Prozent der Geflüchteten, die in einer privaten Unterkunft sind. Zehn Prozent leben in Unterkünften des Landkreises, ganz wenige zum Glück nur in Notunterkünften. Ohne die Ehrenamtlichen, die die Menschen bei sich aufgenommen haben, hätten wir sie in Sporthallen und Ähnlichem unterbringen müssen. Das hätte ich mir gar nicht vorstellen können.

Was ist bei der Unterbringung das Problem?
Wir haben viele Menschen, die aus urbanen Räumen in der Ukraine kommen. Viele können sich zunächst nicht vorstellen, hier auf dem Land unterzukommen. Aber in den Städten herrschte schon vorher Wohnungsmangel. Aber auch wir als Kreis können nicht alle Geflüchteten, knapp 2800 Menschen, unterbringen. Dazu fehlt in Potsdam-Mittelmark schlicht der Wohnraum.

Marko Köhler (SPD) in seinem Büro. Er löste Wolfgang Blasig ab.
Marko Köhler (SPD) in seinem Büro. Er löste Wolfgang Blasig ab.Foto: Andreas Klaer

Je mehr die Zeit voranschreitet, desto mehr geraten Gastgeber:innen an ihre Grenzen. Wie wollen Sie das abfedern?
Wir werden das abfedern, aber es nicht in vollem Umfang können. Wir haben inzwischen viele Liegenschaften vorbereitet. Einige davon sind jetzt im Juli an den Start gegangen wie beispielsweise das ehemalige NH Hotel in Kleinmachnow oder die Unterkunft in Schmerwitz. Dennoch können wir nicht alle Geflüchteten aktuell unterbringen. Wir versuchen auch, die Gastfamilien mit Pauschalen zu entlasten. Wir werden weiterhin aber Lösungen finden.

Das einstige NH-Hotel sollte schon früher für die Unterbringung bereitstehen. Warum dauerte es so lange?
Es gibt Grundvoraussetzungen, die zu erfüllen sind, um die Geflüchteten menschenwürdig unterzubringen. Das brauchte seine Zeit. Auch der Landkreis ist natürlich an Vorschriften gebunden, die einzuhalten sind.

Sie sind Chef von mehr als 1000 Verwaltungsmitarbeiter:innen. Die Ansprüche an Arbeitgeber sind heutzutage hoch, niemand kann sich leisten, qualifiziertes Personal zu verlieren. Wo sehen Sie Baustellen in Ihrer Verwaltung?
Wir haben viele Baustellen. Aber die größte ist quasi selbst eine Baustelle: Das sind unsere Liegenschaften. Jetzt gab es einen Kompromiss, einen Masterplan, der vorsieht, dass wir eine Zwei-Standort-Strategie als Kreisverwaltung favorisieren. Bislang haben wir ja Standorte in Bad Belzig, Brandenburg an der Havel, Teltow und Werder. Dort sind die Arbeitsbedingungen für unsere Mitarbeitenden nicht wirklich die, die man als moderner Arbeitgeber normalerweise bietet. 

In Beelitz-Heilstätten werden wir 2027 ein neues, modernes Verwaltungszentrum errichten. Es geht um neue Konzepte zum Thema Homeoffice, Coworking. Ein zentraler Arbeitsort, neben Bad Belzig. Daneben haben wir die normalen Probleme, wie jeder Arbeitgeber: den Fachkräftemangel. Wir müssen spezialisierte Menschen motivieren, hierher zu kommen. Aber sie stehen oft gar nicht zur Verfügung.

In der Corona-Pandemie war das Gesundheitsamt des Kreises völlig überlastet und teils kaum noch arbeitsfähig. Haben Sie schon dafür gesorgt, dass das Amt jetzt besser aufgestellt ist?
Wir sind deutlich besser aufgestellt. Dennoch bin ich der Überzeugung, wenn wir wieder in eine Situation kommen, in der im großen Umfang Kontaktnachverfolgungen durchgeführt werden müssen, werden wir wie alle anderen Ämter wieder an unsere Kapazitätsgrenze kommen. In der Spitze der Pandemie hatten wir 30 Bundeswehrsoldaten hier, dennoch war es nicht leistbar. 

Wir haben ein neues Gebäude in Beelitz-Heilstätten, bessere und zentralere Arbeitsbedingungen, mehr Personal. Aber es ist davon abhängig, wie sich die Situation im Herbst entwickelt, wie man mit der Pandemie rechtlich umgeht, was ein Gesundheitsamt leisten muss.

Im Mittelmark halfen Soldaten der Bundeswehr beim Gesundheitsamt aus.
Im Mittelmark halfen Soldaten der Bundeswehr beim Gesundheitsamt aus.Foto: Landkreis Potsdam-Mittelmark

Es gibt einen Rückstau bei Einschulungsuntersuchungen im Landkreis. Den PNN hat allein eine Schule aus dem Kreis gemeldet, dass es bei 33 Schulkindern noch keine Untersuchung gab – und das neue Schuljahr steht kurz bevor. Wieso gibt es hier nicht Abhilfe durch mehr Personal?
Das würden wir gerne. Aber wo denn das Personal hernehmen? Sie müssen Ärztinnen und Ärzte finden, die Lust haben, in einer Verwaltung zu arbeiten. Da geht es dem Kreis Potsdam-Mittelmark wie allen Kreisen und Ministerien. Ich war lange Polizist. Was wurde denn in den Verwaltungen die letzten 30 Jahre gemacht? 

Es wurde gespart, und zwar in erster Linie am Personal. Wir haben kein Stellenproblem, wir haben ein Stellenbesetzungsproblem. Wir sind im Haushalt gut aufgestellt. Aber was bringt das, wenn sich niemand bewirbt? Wir haben zum Glück mehr Stellen, die besetzt werden, als Mitarbeitende, die gehen. Aber dennoch reicht es nicht.

Sie wollen drei neue Beigeordnete beschäftigen – unter Ihrem Vorgänger gab es maximal einen Ersten Beigeordneten. Warum braucht Potsdam-Mittelmark mehr Chefs in der Verwaltung?
Ich möchte eine Führungsbreite und keine Führungstiefe. Ich bin der Meinung, dass wir in vielen Bereichen eine zu hohe Führungsspanne haben, das einzelne Verantwortliche zu viel Personal führen. Es ist besser, Führung in die Breite zu geben. Dadurch erreichen wir ein ganz anderes Korrektiv und eine ganz andere Zusammenarbeit von Kreistag und Kreisverwaltung. Ob dem so wird, das werden wir aber noch sehen.

Sie haben schon Personalpläne geschmiedet – Christian Große (CDU) aus Werder (Havel), Ihr Kontrahent bei der Landratswahl, sollte bisher der Erste Beigeordnete werden.
Christian Große hat sich dazu entschieden, nicht mehr als Erster Beigeordneter zur Verfügung zu stehen. Daher muss diese wichtige Stelle neu ausgeschrieben werden und das werde ich nun schnellstens tun, damit wir am 1. November den Posten besetzen können.

Christian Große (CDU) unterlag Marko Köhler in der Stichwahl um den Posten des Landrats.
Christian Große (CDU) unterlag Marko Köhler in der Stichwahl um den Posten des Landrats.Foto: Promo

Wer von Ihnen ist dann für was zuständig?
Grundsätzlich sind die Aufgabenbereiche festgeschrieben. Der Erste Beigeordnete ist für den Bereich Personal, Finanzen, Ordnung und Sicherheit, Katastrophenschutz und das Gesundheitsamt zuständig. Eine Änderung habe ich allerdings vorgenommen. 

Der Fachdienst Wirtschaftsförderung, der schon einmal beim Landrat angesiedelt war, wird wieder bei mir liegen. Dennoch möchte ich die Aufgabenverteilung mit den Beigeordneten gemeinsam entscheiden, das ist sinnvoll, wenn man acht Jahren lang zusammenarbeitet.

Was ist mit den zwei weiteren Posten? Ist eine Frau für einen von ihnen gesetzt?
Es wäre ideal, wenn die Hälfte der Führungskräfte Frauen wären. Wir sollten gerade als Landkreis, als großer kommunaler Arbeitgeber, zeigen, dass die Hälfte der Gesellschaft Frauen sind. Es geht natürlich immer nach Leistung und Eignung. Aber ich würde es mir wünschen. Diese Parität ist angebracht. Es gibt unheimlich gut qualifizierte Frauen, die uns auch in der Verwaltung gut täten.

Es scheint, als wäre Ihnen die Mehrheit im Kreistag für dieses Vorhaben nicht sicher – oder?
Dieser Kreistag ist sehr heterogen. Es gibt da seit der letzten Kommunalwahl keine Mehrheit. Damit musste schon mein Vorgänger leben. Ich hätte aber gemeint, dass wir so bei 50:50 liegen. In zwei Ausschüssen wurde es befürwortet, in zwei weiteren Ausschüssen jedenfalls nicht abgelehnt. Zuletzt ging es pari-pari aus. Wäre die SPD-Fraktion vollständig anwesend gewesen, hätte es im Kreisausschuss eine Mehrheit gegeben.

Ein Politikum ist der vom Kreistag beschlossene Rückkauf der Klinik Bad Belzig, an der derzeit der kommunale Potsdamer Gesundheitskonzern „Ernst von Bergmann“ die Mehrheit hält. Wie ist Ihr Kurs hier?
Es gibt noch keinen neuen Stand. Wir werden uns im August und September mit der Landeshauptstadt und dem Klinikum zusammensetzen und sehen, was wir dort besprechen können.

Potsdam wird nicht Minderheitsgesellschafter an der Klinik werden, das scheint klar. Entweder Potsdam behält eine mindestens knappe Mehrheit, oder der Landkreis müsste die Klinik komplett kaufen – zum Marktpreis. Müssen Sie also einen Kompromiss machen, beispielsweise mehr Anteile, mehr Mitsprache und die Wiedereröffnung der Geburtsstation?
Das ist absolut zu früh. Dafür möchte ich erst die Gespräche mit den Entscheidungsträgern abwarten. Jeder politische Weg ist schlussendlich ein Kompromiss. Aber so weit bin ich noch nicht. Es gibt einen Diskussionsstand, an den ich anknüpfe und dann schauen wir, was möglich ist. Wichtig ist eine gute Gesundheitsversorgung hier in der Region.

Also wäre ein kompletter Kauf nicht ausgeschlossen?
Weder das eine, noch das andere.

Wollen Sie die Geburtsstation wiedereröffnen, die einst unter viel Protest geschlossen worden war und wenn ja, warum?
Meine persönliche Auffassung dazu ist, dass hier in Bad Belzig eine Geburtsstation hingehört. Wenn man selbst Elternteil ist, kurz vor einer Geburt steht und in dieser Region hier lebt, weiß man, hier hat man ein Problem. Entweder muss ich nach Potsdam, Brandenburg an der Havel oder wie wir nach Wittenberg. Das finde ich nicht gut.

Köhler und Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) im Rahmen der Kabinettssitzung in Bad Belzig Ende Juni. 
Köhler und Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) im Rahmen der Kabinettssitzung in Bad Belzig Ende Juni. Foto: dpa

Aber?
Es muss auch wirtschaftlich darstellbar sein. Und es muss dann auch eine sichere ärztliche Versorgung geben. Was nicht funktionieren wird, ist, eine Station zu etablieren, die nur 100 oder 150 Geburten im Jahr hat. Sie würden sich auch nicht von jemandem, der nur drei Mal im Jahr operiert, das Knie operieren lassen. Das muss passen, es muss sicher sein für werdende Eltern und Kinder. Wie das Ergebnis sein wird, ist also noch offen.

Ein Problem sind auch in Potsdam-Mittelmark die fortwährend steigenden Immobilienpreise. Einheimische können es sich vielfach nicht mehr leisten, sich niederzulassen, ein Haus zu bauen. Was tut der Landkreis dagegen?
Der Landkreis ist weder Wohnungsbaugesellschaft, noch sind wir direkt für die Ausweisung von Wohnbauflächen zuständig. Das ist Planungshoheit als eine kommunale Aufgabe. Welche Bauflächen entstehen, entscheiden die Gemeinden. Im Land Brandenburg ist Berlin im Herzen mit der Auslöser für die steigenden Preise - weil es sich Familien nicht mehr leisten können, dort zu wohnen. 

Dieser Siedlungsdruck kommt bei uns kräftig an. Wir sind verkehrstechnisch gut angeschlossen. Das macht die Region attraktiv. Dadurch steigt die Nachfrage und damit die Bodenpreise. Wir haben bis Bad Belzig Grundstückspreise von jenseits 300 Euro pro Quadratmeter. Da stoßen normalverdienende Familien an Grenzen.

Blick nach Teltow: In Potsdam-Mittelmark gehen die Immobilienpreise in die Höhe.
Blick nach Teltow: In Potsdam-Mittelmark gehen die Immobilienpreise in die Höhe.Foto: ZB

Was bedeutet der Immobilienboom für Potsdam-Mittelmark?
Auf jeden Fall Wachstum. Aber auch die Infrastruktur muss hinterherkommen. Neue Kita- und Schulplätze müssen entstehen, es müssen Ärzte angesiedelt werden. Eben die gesamte Infrastruktur. Dafür brauchen wir starke, gut besetzte Verwaltungen.

Der Entwurf für den neue Schulentwicklungsplan liegt vor – deckt er aus Ihrer Sicht den Bedarf durch die vielen zugezogenen Familien mit Kindern? Und wie ist es insbesondere in den ländlichen Regionen mit den weiterführenden Schulen?
Der Plan ist immer sehr zielgenau, kann aber auch durch Beschluss angepasst werden. Aber so eine Planung baut noch keine Kita und keine Schule. Sie sagt nicht, ob Lehrkräfte zur Verfügung stehen, die das Bildungsministerium anstellen muss. Die Schulen sind hingegen jeweils kommunale Aufgabe, der Kreis Träger für die weiterführenden. Hier investieren wir weiter erhebliche Summen.

Sie sind fast 100 Tage im Amt. Was hat Sie besonders überrascht in Ihrem neuen Amt als Landrat?
Überrascht hat mich vielleicht ein bisschen, dass wir das hier in der Verwaltung, trotz der Vielzahl an Krisen, dank unserer tollen Mitarbeitenden so wuppen. Das ist echt eine Nummer. Am Schreibtisch in der Verwaltung sitzen auch nur Menschen wie du und ich. Dies vergessen viele, die Verwaltung kritisieren. Dass es trotz der Krisen so gut läuft, das überrascht mich tatsächlich.

Und woran können Sie sich nur schwerlich gewöhnen?
Vielleicht daran, dass das Privatleben etwas dünner geworden ist, vor allem in den letzten drei Wochen mit den Bränden. Aber da ich schon als Amtsdirektor in Brück von montags bis donnerstags nie vor 22 Uhr zuhause war, ist meine Familie das schon gewohnt. Das ist hier nicht nur ein Job. Es gibt keine Arbeitszeit für mich. Oder anders gesagt: Die Arbeitszeit geht von montags bis sonntags von 0 bis 24 Uhr, das muss man mögen.

Das Interview führte Anna Kristina Bückmann

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