Potsdam-Mittelmark : New Yorkerin geht in Teltow auf Spurensuche

Die New Yorkerin Dorothy David besucht zum ersten Mal das Haus ihrer Familie in Teltow Seehof. Von dort aus konnte ein Großteil ihrer Angehörigen noch rechtzeitig aus Nazi-Deutschland fliehen.

Teltow - Dorothy David steht vor einem großen grauen Wohnhaus in Teltow Seehof, vor ihr zwölf Stolpersteine im Boden verlegt. Die Frau mit den feinen grauen Haaren schaut auf die Namen: „Das hier ist meine ganze Familie“, sagt die 73-jährige Amerikanerin. Dort Onkel Werner, hier Großvater Georg. Die Erinnerungen kommen, und mit ihnen das Deutsch, das die gebürtige New Yorkerin noch immer fast fließend spricht.

Dorothy David steht vor der Villa ihres Urgroßvaters Wilhelm Bursch. Prächtig war einst das Haus in der heutigen Max-Sabersky-Allee 4. In ihm lebten gleich mehrere Familien: Die vier Kinder der Familie Bursch, jeweils mit ihren eigenen Familien. Der Polstermöbelunternehmer Bursch kaufte die Villa in Seehof zunächst als Sommerhaus. Er lebte dort mit seiner Frau alleine, bis die Situation nach Hitlers Machtergreifung für viele Familienmitglieder in Berlin immer schwieriger wurde und sich fast die komplette Familie nach Seehof zurückzog. Von dort gelang den meisten Familienmitgliedern noch rechtzeitig die Flucht aus Nazi-Deutschland. Ein Großonkel starb in Auschwitz.

Die Geschichte ihrer Großfamilie wird bei dem Besuch in Teltow wieder lebendig

Teltow, das war Dorothy David bis vor Kurzem kein Begriff. „Es wurde zuhause immer nur von Seehof gesprochen.“ Als junges Mädchen schnappte sie Geschichten ihrer Familie auf. Die Verfolgung, die Angst vor dem Entdecktwerden – all das wurde nach der Ankunft in New York immer und immer wieder thematisiert. In vielen Geschichten. „Die fand ich als Kind noch lustig“, erinnert sich Dorothy David. Heute ist ihr bewusst, wie ernst die Lage damals war. Was gedroht hätte, wäre es nicht so gut ausgegangen. Die Geschichte ihrer Großfamilie wird bei dem Besuch am gestrigen Donnerstag in Teltow wieder sehr lebendig.

Dorothy David läuft durch den Garten. Das Anwesen war einst groß, ging hinunter bis zum Kanal. Es fühle sich komisch an, hier zu sein, sagt die Frau und zieht ihre Jacke noch fester zu. An einem Ort, von dem die eigenen Eltern so jäh fliehen mussten. Einem Ort, den sie bisher nur aus Erzählungen kennt. Die Atmosphäre ist wenig einladend. Die heutigen Bewohner des Hauses sind nicht da, nur ihre Hunde kläffen laut.

Auf den Spuren der Familie

Dorothy David hält sich kurz am Arm der Teltower Historikerin Gabriele Bergner fest. Es ist Bergner, die merkt, dass dieser Rundgang viel aufwühlt. Und es ist Bergner gewesen, die Dorothy David überhaupt hierher brachte. Die Historikerin beschäftigt sich seit Langem mit dem jüdischen Leben in Teltow. 2011 hatte sie zusammen mit anderen Mitstreitern der AG Stolpersteine den Kölner Künstler Gunter Demnig nach Teltow geholt. Er hat die letzten Erinnerungen an die Familien David, Glaser, Dreyfuß und die Bursches in den Asphalt in Seehof gehauen.

Die Geschichte der Urenkelin zeigt die Geschichte von vier Generationen auf. Der Kontakt von Dorothy David zu ihren Großonkel und -tanten war auch deshalb so eng, weil sie außer einem Onkel keine Verwandtschaft ersten Grades hatte. Es ist die Geschichte einer wohlhabenden jüdischen Großfamilie, die in Teltow um ihre Existenz bangen musste. Über Irland, die Schweiz und Portugal gelang es den Familienmitgliedern, zu fliehen.

Es ist der erste Berlinbesuch für Dorothy David, sie war zuvor schon in München, Bonn und Kiel. Immer auf den Spuren ihrer Familie. Doch hier in Teltow, so merkt sie schnell, waren alle beisammen, war der große Familienverbund verwurzelt. Von Berlin Schöneberg zog es die Bursches und ihre Kinder heraus, jenseits der Stadtgrenze. Der Urgroßvater Wilhelm Bursche hatte in der Hauptstraße sein Geschäft. Die Großtante Gertrud Dreyfuß lebte mit ihrer Familie im Bayrischen Viertel. Dreyfuß war Künstlerin, studierte unter anderem bei dem Expressionisten Ludwig Meidner. Auch die Villa in Seehof sei eines ihrer Motive gewesen, erinnert sich Dorothy David.

Uncle Jakob hätte das ja auch so gemacht

Und heute steht sie selbst davor. Sieht das Gemälde in echt. Zur Überraschung von Dorothy David zückt die Historikerin Bergner ein silbernes Messer aus ihrer Tasche. Die Urenkelin lacht herzlich auf. Unmengen an Silbergeschirr mit den Initialen der Familie habe sie auch noch zuhause. Wie ihre Leute das ganze Silber über den Atlantik bekommen hat, fragt sie sich selber. Bergner kramt weiter in ihrer Tasche. Sie zieht eine weiße kleine Tischdecke heraus – auch das ein Fundstück aus Bergners Recherchen. Dorothy David zeigt auf einen vergilbten Fleck am Rand. Da hat einst jemand gekleckert. Kleckern, das wurde in ihrer Familie toleriert. Und immer fiel dabei der Spruch: Uncle Jakob – ein imaginärer Onkel – hätte das ja auch so gemacht.

Auch wenn Dorothy David selbst nie in Deutschland lebte, ist ihr das Haus und die damit verbundene Geschichte ihrer Familie in Teltow wichtig. Ihr Vater war Jude. Dorothy David konvertierte spät zum Judentum, nach der Hochzeit mit ihrem jüdischen Mann. Sie sei eine ungewöhnliche Vertreterin jüdischer Nachfahren, sagt die Frau mit den wachen Augen. „Meine Eltern sind aus Nazi-Deutschland geflohen und ich habe vor zwei Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen.“ Den Antrag auf einen deutschen Pass stellte Dorothy David, die bis zum Ruhestand Latein und Französisch an Highschools unterrichtete, als klar wurde, das Donald Trump zum Kandidaten für das Präsidentenamt nominiert wurde. Ein deutscher Pass habe auch seine Vorteile, ihre Kinder könnten mit deutschen Papieren nun einfacher nach Europa reisen. Und so mehr über ihre Wurzeln erfahren.

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