ORTSTERMIN : Keine Linsen für den Landeschef

Aha. Woidke mit Blasig in Beelitz.
Aha. Woidke mit Blasig in Beelitz.Foto: dpa

Beelitz - Ungeduldig steht Betriebsleiter André Lutter am Fenster der Firma Struik Foods in Beelitz. Gleich soll er kommen, der Herr Ministerpräsident. Da darf dann keiner der großen Lkw die Einfahrt versperren, wenn die Wagenkolonne mit den silbergrauen Audis auf den Hof rauscht. Der Betriebsleiter wirkt angespannt. Er hat alles eingetaktet, aber Dietmar Woidke kommt nicht. Brandenburgs Landeschef war am Donnerstag mit Landrat Wolfgang Blasig (SPD) auch in Bad Belzig und Treuenbrietzen unterwegs, da gab es Verzögerungen. Lutter schaut nervös auf die Uhr. Bald ist Schichtwechsel, notfalls wird die Produktion langsamer gefahren, sagt er dann.

Seit vier Tagen laufen die Vorbereitungen beim Beelitzer Hersteller für Dosen-Eintöpfe auf Hochtouren. „Heute wird extra ’ne Linse gefahren“, erklärt Lutter. Eigentlich wäre Gulasch dran gewesen, man wollte aber etwas Deutsches präsentieren. Lutter blickt aus dem Fenster: Immer mehr Autos fahren auf den Hof. Journalisten, Fotografen, der Beelitzer Bürgermeister und Mitarbeiter des Landratsamtes steigen aus. Nur Woidke fehlt.

Die Geschäftsführerin Karin Höpfner fragt verblüfft: „Wie viele Leute kommen denn noch?“ Hoher Besuch, viel Rummel, sagt jemand. Höpfner nickt, einen Ministerpräsidenten hatte man noch nie hier.

Dann endlich fährt er ein, Höpfner steht an der Tür und winkt vorsichtig. Im vergangenen Jahr war Woidke in der deutschen Botschaft in Den Haag auf den Chef des niederländischen Mutterkonzerns, Hans Struik, getroffen. Er versprach, sich den Betrieb in Beelitz anzuschauen.

Bevor es zum Linseneintopf geht, muss Woidke sich ein weißes Hütchen und einen langen weißen Mantel überziehen. Einer seiner drei Leibwächter grinst. Das Lachen vergeht ihm schnell: Auch er muss sich fabrikgerecht anziehen und die Hände desinfizieren. Dann schwingt die Tür zu den Produktionshallen auf. Der deftige Duft von Suppenwürfeln weht der Riege entgegen, es riecht nach Kantine. Auf einem Laufband rattern die Metalldosen an den Arbeitern vorbei. Es klackert metallisch in der Produktionshalle.

Der Ministerpräsident schaut sich interessiert um. Es ist Mittagszeit, bei dem würzigen Duft bekommt man Hunger. Woidke hält nach der neuesten Kreation Ausschau: Currywurst in der Dose. Das haben sich die kreativen Produktentwickler einfallen lassen. Absatzschlager sei aber der Hühnernudeltopf, erklärt die Geschäftsführerin.

Seit 1969 wird an dem Standort in der Clara-Zetkin-Straße Essen hergestellt, zu DDR-Zeiten und nach der Wende war es Kindernahrung, jetzt sind es deftige Eintöpfe. Woidke blickt neugierig über die Schulter einer jungen Frau am Band. Als er sie fragt, was sie da macht, färben sich ihre Backen rot. Sie sei für die Qualitätskontrolle zuständig, sagt sie verlegen. Mit einer Pinzette pickt sie aus einer Dose Kartoffelstücke, Möhren und Suppengrün und schaut, ob die Zusammensetzung des Konzentrats stimmt.

Derweil fahren scheppernd mit Konzentrat gefüllte Dosen vorbei. Darauf kommen die Linsen, dann das Wasser. Fertig ist die Suppe. An einem Tag werden in Beelitz bis zu 150 000 Dosen-Eintöpfe hergestellt. Struik Foods beliefert deutschlandweit große Handelsketten, pro Tag gingen bis zu 500 Bestellungen ein, erzählt die Geschäftsführerin Höpfner stolz. Auch die Eigenmarken „Sonnen Bassermann“ und „Struik Berlin“ entstehen in Beelitz.

Der würzige Duft begleitet Woidke bis in die Lagerhalle, dort riecht es nach Erbseneintopf. Sieben Tage müssten die Konservendosen dort stehen, wird dem Landeschef erklärt. Damit gehe man sicher, dass sie luftdicht verschlossen sind. Am Ende der Rundtour gibt es zum Dank eine Umarmung vom Ministerpräsident. Die Geschäftsführerin lächelt. Eine Suppe wollte sie ihm nicht mitgeben: Damit müsse man doch vorsichtig sein, am Ende sei das noch Bestechung.