Obstbautradition in Michendorf : Die neuen Obstbauern

700 Obstbäume will ein Verein aus Langerwisch auf Streuobstwiesen in Michendorf anpflanzen – damit soll an die einstige Obstbautradition angeknüpft werden, die heute fast vergessen ist.

Gärtnern macht glücklich. Vereinsgründer Justus Mayser (links) zusammen mit seinen Mitstreitern bei der ersten Pflanzaktion in einem Langerwischer Garten.
Gärtnern macht glücklich. Vereinsgründer Justus Mayser (links) zusammen mit seinen Mitstreitern bei der ersten Pflanzaktion in...Foto: A. Klaer

Michendorf - Quitte Vranja steht neben Königin Viktoria, einer stattlichen Pflaume, dahinter thront Geheimrat Breuhan mit seinen mild säuerlich-süßen Äpfeln. Auf den Plänen von Justus Mayser sind die Obstbaumsorten detailliert angeordnet, der Garten auf dem Papier bis in die letzte Nische bepflanzt. Der 54-jährige Architekt aus Langerwisch hat einen Traum: Er will Streuobstwiesen in Michendorf anlegen und damit die vergessene Obstbautradition wiederbeleben.

Fünf Hektar, das ist das Ziel von Mayser und weiteren neun Mitstreitern des neu gegründeten Vereins, dem Langerwischer Obstgarten. Auf fünf Hektar sollen in Michendorfs Ortsteilen rund 700 neue Obstbäume stehen. Die ersten Ackerflächen sind gepachtet, der erste Garten in Langerwisch bepflanzt. Maysers Verein plant auch einen Obstwanderweg durch die Gemeinde.

Es waren die heißen Sommer und der kühle Schatten im Blätterdickicht der Kirschbäume, in deren Krone Mayser als kleiner Junge stundenlange saß, den Ausblick genoss und die Zeit vergaß. Der Architekt ist in einer Weinbauregion groß geworden, im baden-württembergischen Markgräflerland bei Freiburg. „Mein Schulweg führte über Streuobstwiesen, es gab immer was zum Naschen.“ Die glücklichen Momente seiner Kindheit, das Wissen um verschiedene Obstsorten und den Gartenanbau will er heute weitergeben. „Wir wollen in Michendorf wieder das Interesse am Obstbau wecken.“ Denn Streuobstwiesen seien nicht nur wunderschöne Biotope, sagt Mayser, sondern auch ein kulinarisches Highlight. Über 40 Apfelsorten will der Verein künftig in Michendorf anpflanzen, darunter viele alte Sorten, die heute in Vergessenheit geraten sind. Mayser fährt mit dem Finger über seine Entwürfe – ähnlich wie beim Gestalten eines Hauses sei auch das Anlegen einer Streuobstwiese ein kreativer Akt. „Auch mit Bäumen kann man Räume gestalten.“

Alte Obstbaubestände findet man heute noch in Werder (Havel) und Schwielowsee, in Michendorf sind sie rar gesät. Mayser zieht eine weitere Karte hervor, darauf gelbe kleine Flächen inmitten der Landschaft, die zeigen, wo heute noch Äpfel, Birnen oder Pflaumen wachsen. Alte Streuobstwiesen stehen unter anderem noch in der Michendorfer Bergstraße, in Langerwisch entlang der Wildenbrucher Straße und eine größere in Wildenbruch kurz nach der Autobahnunterführung. Eine ganze Obstbaumallee steht an der Bergholzer Straße zwischen Neu-Langerwisch und der Bockwindmühle Langerwisch – die Allee ist Vorbild gewesen für die Idee des Obstwanderweges: eine Route, die die vorhandenen und neuen Streuobstwiesen in Michendorf verbindet.

Auch wenn heute nicht mehr viel vom Obstbau in Michendorf zu sehen ist, lebten hier einst bis zu 80 Obstzüchter. Damit konnte die Gemeinde zwar nicht mit den Nachbarkommunen Werder (Havel) und Schwielowsee mithalten, dennoch gab es auch in Michendorf eine Obstbautradition. Angefangen hatte es mit dem Anbau von Obst und Gemüse bereits im 19. Jahrhundert, so der Michendorfer Ortschronist Hans-Joachim Strich. In den 20er- und 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts hatte der lokale Garten- und Obstbauverein die meisten Mitglieder. In Michendorf wollte man den Obstbauern aus Werder und Caputh nacheifern. „Obstbauer zu sein, steigerte das Prestige und den Umsatz“, so der Ortschronist. Daher pflanzten die Michendorfer in ihren Gärten Äpfel, Birnen, Pflaumen und Sauerkirschen. Ihre Waren verkauften sie auf Berliner Wochenmärkten. Mit dem Zweiten Weltkrieg versiegte der Obstanbau in der Gemeinde.

Auch zu DDR-Zeiten seien viele alte Streuobstwiesen zerstört worden, so Vereinsinitiator Mayser. Die Besitzer der wenigen noch vorhandenen Flächen mit altem Obstbaumbestand hat Mayser gemeinsam mit seiner Mitinitiatorin Martina Düvel mühsam ausfindig gemacht. Nach dem Blick in das Grundbuch hatte es das Initiatoren-Duo oft mit Erbgemeinschaften zu tun, die weit verstreut in der Bundesrepublik leben. Einem Besitzer aus Stuttgart statteten sie sogar einen Besuch ab: „Wir haben ihm eine Flasche selbstgemachten Apfelsaft hingestellt und gesagt, der ist von Ihrer Wiese“, sagt Mayser und lacht. Das hätten sie sich erlaubt, um für ihr Vorhaben zu werben. Der Mann aus Stuttgart war bereit, den Verein zu unterstützen, doch ein Familienmitglied stellte sich quer. Das Projekt, eine brachliegende Streuobstwiese zu pachten, scheiterte.

So schlechte Erfahrungen hat Mayser nicht immer gemacht: „Mittlerweile spricht es sich rum, dass wir nach Flächen suchen.“ Erst vor Kurzem wurde ihnen ein privater Garten in Langerwisch angeboten. Im Garten Bunthe wurden Anfang des Jahres die ersten 16 Bäume gepflanzt, im kommenden Herbst kommen weitere 60 auf einer Ackerfläche in Wildenbruch dazu. Ein Großteil wird 2017 gepflanzt, wenn eine Fläche der evangelischen Kirche, die derzeit noch der Landwirtschaftsbetrieb Agro Saarmund nutzt, frei wird. Dann sollen direkt neben der Langerwischer Kirche am Priesterweg auf einem Hektar Fläche 108 Obstbäume eingesetzt werden. „Bis sie Früchte tragen, dauert es zehn bis fünfzehn Jahre, deshalb ist eine lange Pachtzeit wichtig.“

Was der Verein mit dem vielen Obst machen wird, steht bereits fest: „Jeder darf naschen“, so Mayser. Auch Selbstpflücke gegen einen kleinen Aufpreis soll es geben. Aus dem Obst will der Verein Saft, Marmelade oder Likör herstellen, auch Gasthöfe aus der Region sollen zu Großabnehmern werden. Der Verein hat bereits einen Landwirtschaftsbetrieb gegründet, um das Obst später besser vermarkten zu können. Mit den Gewinnen aus dem Verkauf will der Verein Erntefeste und Projekte mit Michendorfer Schulen organisieren. Doch bis es soweit ist, muss noch kräftig investiert werden: 50 000 Euro brauche es für den Kauf von Bäumen, das Bewässern sowie die Pflege der Anlagen, sagt Mayser. Um das stemmen zu können, würden Baumpaten gesucht. Die dürfen dann wie einst Mayser hoch oben in den Kronen den Sommer auf der bunten Wiese genießen und die Zeit vergessen.

Der Verein sucht noch Mitstreiter, Acker- und Gartenflächen sowie Baumpaten:

www.langerwischer-obstgarten.de

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