Potsdam-Mittelmark : „Nichts ist gewaltiger als der Mensch“

Kleinmachnower Heimatverein forschte zu den Säulenfragmenten aus der Nazizeit auf dem Seeberg

Kirsten Graulich
Ein altes Bild. Heute sind die Fragmente kaum noch zu finden.
Ein altes Bild. Heute sind die Fragmente kaum noch zu finden.Foto: Hubert Faensen

Kleinmachnow - Den Reliefsteinblöcken, die seit über einem halben Jahrhundert auf dem Seeberg herumliegen, haftet etwas Geheimnisvolles an. Buchstabenfragmente sind auf ihnen erkennbar und Details von Figuren. Die Zeit hat sie mit Moos bedeckt. Das Rätsel wurde erstmals 1997 vom Kleinmachnower Kunsthistoriker Hubert Faensen in den Brandenburgischen Heften unter dem Titel „Geheimnisträger Hakeburg“ beschrieben. Darin geht es um den jahrhundertelangen Wandel des Hakeburg-Areals.

Auch die Kunstwerke, zu Repräsentationszwecken vom Reichspostminister Wilhelm Ohnesorge in Auftrag gegeben, der seit 1938 die Hakeburg bewohnt hatte, sind ein Thema. Unvollendet blieb eine Bildsäule des Münchner Künstlers Max Hoene (1884-1965), die elf Meter hoch geplant war und an zentraler Stelle auf dem Seeberg aufgestellt werden sollte. Die 28 Fragmente aus Kalkstein, die im Wald vermodern, werden ihr zugeordnet.

Werk und Künstler widmet sich jetzt auch Kleinmachnows Heimatverein und lud am Montag zu einer Veranstaltung ein. Denn Vereinsmitglied Axel Mueller hat Neues zur Säule zutage gefördert. So seien laut Augenzeugenberichten etwa vier Steinschichten der Säule fertig aufgereiht gewesen, als 1945 russische Truppen den Seeberg erreichten, der auch als Nazi-Forschungsstätte für Flug- und Funktechnik diente. Ein Panzerwagen habe die Steine vom Platze gefegt.

Weitere, teils unbearbeiteten Fragmente hatten am Rande eines Kohleplatzes gelagert – und blieben unentdeckt. Die Steinmetze, die mit der Ausführung des Hoene-Entwurfs beauftragt waren, hatte Hitlers Generalbauinspektor und Rüstungsminister Albert Speer schon 1942 abgezogen. Sie mussten die Altarteile des Pergamon-Museums abbauen, um sie im Bunker auszulagern.

Der Auftrag vom Frühjahr 1939 sah vier Säulenmodelle als Entwürfe vor, das Baubudget betrug 45 000 Reichsmark. Seinerzeit legte das Gesetz über Kunst am Bau einen Prozentsatz der Bausumme fest, die für öffentliche Gebäude geplant war. Bei seinen Forschungen im Kunstarchiv des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg fand Axel Mueller in den Akten einen Briefwechsel zwischen Hoenes und Postbaurat Walther Schmidt, in dessen Händen die Bebauung des Seebergs lag. Auch die Säule wird darin angesprochen.

Die Post im Wandel der Zeiten, so lautete demnach das Thema. Aus dem Nürnberger Archiv brachte Mueller die Kopie eines Entwurfs mit. Darauf hatte Hoene stürzende Engel, feuerspeiende Drachen, Ikarus und andere Motive aus der Antike skizziert. Darunter der Spruch aus Sophokles Antigone: „Vieles Gewaltige lebt, doch nichts ist gewaltiger als der Mensch. Die sittliche Kraft setzt den Menschen über alles Erschaffene ...“

Heimatvereinsmitglieder vermuten hinter dem Vers eine versteckte Botschaft – vielleicht sogar einen Versuch, die Nazikunst zu unterlaufen? Axel Mueller sprach von Untergangs-Vorahnungen des Künstlers. Er wird sich was gedacht haben, lautete das Fazit der Runde. Anlass für solche Spekulationen gab Hoenes Mitgliedschaft im Deutschen Werkbund, dem auch die Bauhausleute Mies van der Rohe und Walter Gropius angehörten. Hoene war acht Jahre zweiter Vorsitzender, bis sich der Bund 1936 auflöste. Bekannt ist, dass er auf der Münchner Sezession ausstellte, unbekannt, wie es zum Auftrag des Postministeriums kam. „Wir sind erst am Anfang“, sagte Axel Mueller.

Heimatvereinschef Rudolf Mach blickte in die Zukunft: Hoenes Werk solle vollendet werden. Und auch der Gedenkstein mit Marx-Plakette solle wieder an den angestammten Platz, weil „Marx ja nun Welterbe sei“. Beide Kunstwerke wären dann nahe beieinander. Das, so Mach, sei Ortsgeschichte. Kirsten Graulich